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1000 Mal mehr Strom als im Haus So funktioniert der menschliche Körper

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Bill Bryson versteht es hervorragend, die Leserschaft gleichzeitig zu unterhalten, zu amüsieren und zu informieren.

(Foto: AP)

Wer würde nicht gern wissen, wie unser Körper, dieser "warme Fleischklumpen", genau funktioniert? Bestsellerautor Bill Bryson ist ein Meister darin, diese faszinierenden Vorgänge amüsant und verständlich zu erklären - samt verrückter, kurioser Geschichten, mit grausamen und genialen Ärzten.

Bücher, die unseren Körper und alles, was sich darin abspielt, unterhaltsam und verständlich erklären, sind unglaublich populär - man denke nur an den Dauer-Bestseller "Darm mit Charme" von Giulia Enders oder die ebenso erfolgreichen Bücher der Dermatologin Yael Adler. Ein großer Meister dieses Fachs ist Bill Bryson, vielen als Reiseschriftsteller bekannt - aber er kann auch anders. In seinem dicken, extrem lesenswerten Buch "Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge" etwa geht es um die Geschichte der Menschheit, um Kleidung, Haus und Wohnung, Essen und Sex, um alles, was uns im Alltag umgibt. Und in "Eine kurze Geschichte von fast allem" widmet sich der US-Amerikaner dem Universum und unternimmt eine Reise durch Zeit und Raum, vom Molekül bis ins Weltall.

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Blutgefäße eines Kindes (Ausgusspräparat aus Gunther von Hagens "Körperwelten").

(Foto: imago images/BRIGANI-ART)

In seinem neuen Buch "Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers" geht die Reise in 23 Kapiteln durch unseren Körper - begleitet von einem fast schon demütigen, ehrfurchtsvollen Staunen vor dessen eindrucksvollen Leistungen. Etwa darüber, was für ein komplexes Wunder es ist, dass wir fast gleichzeitig atmen, essen, trinken und sprechen können. Dass ein Mensch auf um die 40.000 Kilometer Blutgefäße kommt und dass "in unseren Zellen tausendmal mehr Strom als in unserem Haus" fließt. Was für ein erstaunlicher Stoff unser Blut ist, wie schwierig, es aufzubewahren und wie noch schwieriger, bisher unmöglich, Blut künstlich herzustellen. Viele Millionen Dollar wären bereits für die Forschung danach ausgegeben worden, bisher ohne zufriedenstellendes Ergebnis. "Unser Körper tut in jeder Sekunde ungefähr eine Million Mal etwas, was alle Wissenschaft der Welt nicht zustande gebracht hat", staunt Bryson.

Seltene Krankheiten, grausame Ärzte

Er erklärt kurz und anschaulich, warum wir so groß sind, wie wir sein können, rehabilitiert Glutamat als nicht gesundheitsschädlich und legt eindringlich dar, wie groß und wirklich dramatisch das Problem der zunehmenden Antibiotikaresistenzen sei. Bisweilen wird es bizarr, gruselig oder erschreckend, etwa wenn es um seltene Krankheiten wie die Riech-Störung geht: "Eine besonders bedauernswerte Minderheit erlebt die Kakosmie: Für sie riecht alles nach Exkrementen, und das ist allen Berichten zufolge entsetzlicher, als man sich vorstellen kann."

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Neurochirurgen bei einer "präfrontalen Lobotomie" 1951 im Eastern Oklahoma Hospital in Vinita.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Oder beim Ausflug ins Reich der krassen Therapien wie der Lobotomie, bei der der US-Psychiater Walter Freeman per Hammerschlag einen "normalen Haushalts-Eispickel durch die Augenhöhle" trieb und so ein Loch in die Schädeldecke bohrte, um im Gehirn Nervenbahnen zu durchtrennen. Nicht etwa im Mittelalter, sondern Mitte des 20. Jahrhunderts - Freeman praktizierte bis 1967 und behandelte Tausende Patienten mit dieser Methode, die er als Wundermittel gegen vieles anpries: "Er operierte Menschen mit Phobien, Trunkenbolde, die man auf der Straße aufgesammelt hatte, und Menschen, die wegen homosexueller Handlungen verurteilt worden waren, ... jeden mit irgendeiner vermeintlichen Abweichung in geistiger oder sozialer Hinsicht."

Freeman ist beileibe nicht das einzige Beispiel für einen Mediziner, der seinen Eid wohl missverstanden, vergessen oder missachtet hat - bei aller Bewunderung für große Forscher, aus der Bryson keinen Hehl macht, schildert er auch oft sehr grausame Experimente im Namen der Medizin und Wissenschaft. Etwa durch deutsche Ärzte in Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkrieges oder in Japan an chinesischen Kriegsgefangenen.

Was macht Hunger mit Menschen?

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"Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers" von Bill Bryson ist bei Goldmann erschienen, 672 Seiten, gebunden 24 Euro.

(Foto: Goldmann)

In den USA führte der Ernährungswissenschaftler Ancel Keys 1944 ein Hunger-Experiment an 36 Kriegsdienstverweigerern durch, die ein halbes Jahr lang nur wenig zu essen bekamen, nicht mehr als 1500 Kalorien pro Tag. Keys wollte herausfinden, "wie gut Menschen mit der Erfahrung chronischen Hungers zurechtkommen und wie gut sie sich später wieder davon erholen" - wenig überraschende Erkenntnis: Er machte sie reizbar, teilnahmslos und deprimiert und sie waren anfälliger für Krankheiten.

In weitaus größerem Maße aber feiert und würdigt Bryson Mediziner und Forscher, die Großes, Weltbewegendes vollbracht haben, teils unter Einsatz ihres eigenen Lebens, mit Selbstversuchen am Rande des Vernünftigen. Darunter sind auffällig oft Deutsche - neben Berühmtheiten wie Robert Koch auch sehr viele, die man gar nicht kennt. Oder wer hat schon mal von Jakob Henle gehört, der von 1809 bis 1885 lebte? Nach ihm sind viele kleine Körperteile benannt, "sie alle wurden von dem sehr umtriebigen, seltsamerweise wenig gefeierten deutschen Anatomen Jakob Henle entdeckt", schreibt Bryson.

Dem Kapitel "Essen, essen, essen" folgt mit einer zwingenden Logik das Kapitel "Das Gedärm" mit der interessanten Information, dass Nahrung vom Mund bis zum Darm beim Mann 55 Stunden braucht, bei der Frau aber 72 Stunden. Und nicht nur bei der Verdauung weisen die Geschlechter erstaunlich große Unterschiede auf - sie haben auch ganz verschiedene Krankheiten. Frauen und Männer bräuchten eigentlich auch andere Medikamente oder sprechen zumindest unterschiedlich auf sie an; das werde aber in klinischen Studien viel zu oft übersehen und Frauen würden von der Erprobung häufig ausgeschlossen, so Bryson. Grund: die Befürchtung, ihr Menstruationszyklus könne die Ergebnisse verfälschen.

Das Wunder des Lebendigen

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Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers
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Im Kapitel "Wie es anfängt - Empfängnis und Geburt" wiederum geht es um Spermien - laut Bryson einerseits Helden, andererseits tollpatschige Idioten - und Eizellen, die Fortpflanzung und, wie Bryson es nennt, "die schmerzhaftesten zweieinhalb Zentimeter in der Natur": der Geburtskanal einer Frau. Denn der Kopf des Kindes ist im Durchschnitt 2,5 Zentimeter größer als der Kanal - "wenn es jemals ein Ereignis gab, das die Vorstellung von einem 'intelligenten Design' infrage stellt, dann ist es der Akt der Geburt".

Bryson feiert in seinem Buch "das Wunder des Lebendigen", aber bevor es zu feierlich wird, folgt im nächsten Satz gleich der "warme Fleischklumpen", der unser Körper doch eigentlich ist. Der aus sieben Quadrilliarden Atomen aufgebaut ist und in jeder Sekunde unzählige Aufgaben verrichtet, ohne dass wir das meiste davon überhaupt bemerken. Das alles ist in bewährter Bryson-Art nicht trocken, zahlenlastig und zu wissenschaftlich formuliert, sondern auch für Laien gut verständlich, nachvollziehbar, oft amüsant zu lesen und wie immer bei ihm mit Erstaunen und Überraschungen verbunden. Aber natürlich streng faktenbasiert, belegt mit einer ungeheuren Anzahl an Quellen, wie der lange Anhang und die Liste an Experten zeigt, die er zurate gezogen hat. Sehr unterhaltsam - und man lernt auch noch was dabei.

Quelle: ntv.de