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Graphic Novel "I'm every woman" Von rechten Kids und Anarcho-Frauen

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Verkehrte Welt? Dass ein durchtrainierter Homer einer faulen Marge ein Bier bringt, kann sich nur Liv Strömquist vorstellen.

(Foto: Liv Strömquist / Avant Verlag)

Wenn Rihanna ein blaues Auge hat, interessiert das die Welt bei Normalos häufig niemanden. Und es braucht schwule Erpel für etwas mehr Homo-Freundlichkeit. Wie kann das sein? Mit "I'm Every Woman" liefert Liv Strömquist Comics für mehr Gleichberechtigung.

Wer während der frühen 2000er Jahre nicht so wirklich viel zu tun hatte, der wird sich eingestehen müssen: Ertönt "I'm Every Woman", wandern die Gedanken zu Britt und nicht zu Whitney (erst recht nicht zu Chaka Khan). Liv Strömquist tritt nun an, den Ohrwurm zu rehabilitieren. Die Schwedin hat ihre neueste Graphic Novel entsprechend benannt. Gut, darin geht es nicht direkt um Whitney Houston. An der - und vor allem an deren toxischer Beziehung zu Bobby Brown - hat sich Strömquist bereits in "I Think About Whitney" abgearbeitet. Aber es geht um eine ganze Reihe anderer großer Frauen. Und keine von ihnen hat - wie bei "Britt - Der Talk um eins" - ihren Freund mit dessen Neffen betrogen oder sucht ihren verlorenen Schwippschwager, versprochen.

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I'm every woman
EUR 20,00
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Strömquists Heldinnen sind vielseitig. Sie sind kompromisslose Anarchistinnen, Popstars oder Ninja-Kämpferinnen mit nacktem Unterleib. Sie sind radikale Vorbilder, manchmal auch traurige Erinnerungen daran, dass der Kampf um Gleichberechtigung noch lange nicht zu Ende ist. Mit ihrer Arbeit erreicht Strömquist ein breites Publikum - jedenfalls ein breiteres, als das für Graphic Novels wohl üblich ist. Das liegt auch an der Themensetzung. Man muss nicht begeistert Comics lesen, um sich von Strömquists Präsentation der Inhalte beeindrucken zu lassen.

"Kinder sind rechtskonservativ"

Strömquist nutzt Anleihen an die Popkultur, wohl weil sie verstanden hat, dass sich Gesellschaft an bekannten Namen einfach dreimal so effektiv erklären lässt. So ist das doch: Wenn Rihanna ein blaues Auge hat, gucken alle hin. Das von der Frau in der U-Bahn interessiert zwei Stationen weiter schon wieder keinen mehr. Besonders ist bei Strömquist zudem, wie sie ihre Geschichten mit Theorie unterfüttert. Die studierte Politikwissenschaftlerin setzt auf Fußnoten ganz wie bei einem wissenschaftlichen Aufsatz. Der Spagat zwischen Populärkultur und Forschung ist, was ihre Arbeit seit jeher wesentlich auszeichnet. Zwar entschuldigt sich eine Comic-Liv beim Leser für ausschweifende Ergüsse zu den Sumerern. Dass ihr die wirklich leidtun, kann man wohl trotzdem ausschließen.

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Liv Strömquist zählt zu den bekanntesten feministischen Comic-Zeichnerinnen.

(Foto: Livia Rostovanyi)

Konservative Argumentationslinien zu Sexualität und Geschlecht führt Strömquist ad absurdum. Etwa, wenn sie nach einem Diät-Otter verlangt, um Mäßigung bei der Nahrungsaufnahme zu legitimieren - analog zu begeisterten Reaktionen auf ein schwules Entenpaar, das als Beleg für eine Natürlichkeit von Homosexualität herhalten musste. In "I'm Every Woman", einer neu kuratierten Sammlung älterer Kurzcomics, liegt ein inhaltlicher Schwerpunkt vor allem auf der Organisation von Familie, Kinderwunsch und Ehe.

Ein Highlight ist ihr Kurzcomic "Kinder sind rechtskonservativ". Traditionsvernarrte Schreihälse wettern darin gegen Sex, Alkohol und abstrakte Kunst und zeigen sich als Eltern im Allgemeinen wenig zu empfehlende Zeitgenossen. Es gibt ja kaum einen Witz, der über die vergangenen Jahre im Zusammenhang mit reaktionärem Gedankengut nicht ausreichend gemolken worden wäre. Aber Strömquists ist ein echter Knaller. Einfühlsamer ist ihre Darstellung von Yoko Ono. Die Künstlerin fand ihre Freiheit ausgerechnet in ihrer Verbindung zu dem Mann beschnitten, den sie liebte. Selten hat jemand so gelassen und doch so pointiert gegen die bürgerliche Kleinfamilie argumentiert wie Strömquist. Und dann ist das auch noch unterhaltsam.

Awards für unsägliche Lover

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Liv Strömquist scherzt über vermeintlich rechtes Gedankengut bei Kindern.

(Foto: Liv Strömquist / Avant Verlag)

Strömquist wählt vielfältige Herangehensweisen für ihre Themen. Sie argumentiert mit Geschichte genauso wie mit Gefühlen. Sie ist witzig, kann aber auch anklagen. Und ihr fallen Drehs ein, wo keiner mehr welche vermutet. Ihre Aufzählung der "unsäglichsten Lover der Weltgeschichte" etwa lässt sie " von zweien ihrer Comic-Figuren wie eine Award-Show moderieren. Schwupps, kann die keiner mehr als Shaming-Liste abtun.

Strömquist teilt aus gegen Helden einer oft nur scheinbar liberalen Welt und rückt Frauen in den Fokus, die an der Seite ihrer Männer zu einem Schattensein verdammt waren. Damit nimmt sie heutigen Frauen die Bürde von Pionierinnen und rückt sie in eine lange Tradition mit anderen, die bereits bewiesen haben, dass der Kuchen eben gerecht aufgeteilt gehört unter allen Geschlechtern.

"I'm Every Woman" bleibt hängen - im Kopf, im Ohr, jedenfalls für eine Weile. Falls Sie jetzt beschwingt und fröhlich Whitney vor sich hin pfeifen. Lassen Sie mich an dieser Stelle dafür einen anderen Song für Sie ruinieren. Hören Sie sich "Every Breath You Take" von The Police doch nochmal an. Und dann fragen Sie sich, in welchen Büschen Sting - laut Strömquist Platz fünf der "unsäglichsten Lover" - überall schon sabbernd mit Nachtsichtgerät gelegen hat.

Quelle: n-tv.de

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