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Knast, Camorra und viel Schmerz Was Italien zu erzählen hat

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Auf der Insel Nisida im Golf von Neapel befindet sich ein Jugendgefängnis.

(Foto: imago images/obscurenotion)

Weil er eine unbedachte Tat begangen hat, wird ein kleiner Junge von der Camorra bedroht. Heimlich schleicht er sich in die Wohnung seines Nachbarn, einem Klavierlehrer. Kann der ihn beschützen? "Ciros Versteck" ist nur einer von drei italienischen Romanen, deren Lektüre lohnt.

Es sind drei sehr unterschiedliche italienische Romane, die in diesem Frühjahr bei drei Verlagen in der deutschen Übersetzung erschienen sind. Eine Gemeinsamkeit aber fällt sofort ins Auge: Für das Cover hatten die Verantwortlichen die gleiche Idee - Gesichter in Großaufnahme. Eines zeigt eine junge Frau, ihre Haare sind raspelkurz, ihr Blick ausdruckslos nach oben gerichtet. Auf einem anderen schaut ein Junge mit Sommersprossen die Betrachter nachdenklich an. Und dann ist da noch ein Junge, der verstohlen aus einem Fenster guckt.

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Das zuletzt genannte Foto stammt aus dem Film "Il bambino nascosto" (Das versteckte Kind). Gedreht wurde er von dem Regisseur Roberto Andò, der auch Autor ist und die gleichnamige Romanvorlage verfasst hat. Auf Deutsch trägt das Buch den Titel "Ciros Versteck" (Übersetzung: Verena von Koskull). Ciro ist zehn Jahre alt und der Sohn eines Camorrista in Neapel. Eines Tages versucht er zusammen mit einem Freund, eine ältere Frau auszurauben. Was Ciro erst nach der Tat erfährt: Es ist die Mutter eines Camorra-Bosses, die ins Koma fällt und stirbt. Nun schwebt der Junge in Todesgefahr. Heimlich schleicht er sich in die Wohnung eines Nachbarn.

Der Klavierlehrer Gabriele Santoro, der ein zurückgezogenes Leben führt, beim Rasieren Gedichte rezitiert und enge Beziehungen zu anderen Menschen meidet, versteckt den Jungen. Schon bald wird das Haus von Mafiosi belagert. Hilfe aber kann Santoro von niemandem erwarten. Weder von seinem Bruder, einem Staatsanwalt, der nie verstanden hat, warum Santoro unbedingt im Problemviertel Forcella wohnen muss, noch von der Polizei, die mit der Camorra paktiert. Von Anfang an ist klar: Es ist eine Lage, aus der es kein Entkommen gibt. Doch Santoro gibt nicht auf, er will Ciro retten.

Alltag voller Gewalt

Autor Andò hat ein wirklich tolles Buch schrieben. Anrührend erzählt er davon, wie Santoro allmählich väterliche Gefühle für diesen Jungen entwickelt, der inmitten von Gewalt aufwächst. Bei der Beschreibung dieser Gewalt geht Andò nie ins Detail, lässt sie aber als Alltag in dem von der Camorra beherrschten Viertel immer mitschwingen, was umso bedrohlicher wirkt. Am Ende will es einem dann schier das Herz zerreißen.

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Um eine Vater-Sohn-Geschichte - dieses Mal sind die beiden verwandt - geht es auch in Roberto Camurris Roman "Der Name seiner Mutter" (Übersetzung: Maja Pflug). Es ist das Buch mit dem nachdenklichen Sommersprossen-Kind auf dem Umschlag. Pietro wächst in einer Kleinstadt in der Po-Ebene mit einer Leerstelle im Leben auf: Er war noch kein Jahr alt, als seine Mutter die Familie verließ. Niemand spricht über sie, Vater Ettore nicht und auch nicht die Großeltern, die alle Fotos, auf denen ihre Tochter zu sehen ist, verbannt haben.

Dieses Schweigen und den Schmerz hat Camurri in sehr poetische Worte gefasst. Die Emotionen seiner Figuren transportiert er über deren Verhalten und erzählt in großen Zeitsprüngen: Erst aus der Perspektive von Ettore, den die Erinnerung an seine geheimnisvolle, selten lachende Frau quält und der dabei zusieht, wie sein Sohn ihr von Tag zu Tag ähnlicher wird. Dann aus der Sicht von Pietro, der sich in sich zurückzieht und an einem Nachmittag in der Schule austestet, wie es ist, zu verschwinden. Als er selbst Vater wird, muss er sich fragen, wie viel von seiner Mutter auch in ihm steckt, und will endlich mehr über sie erfahren.

Beginnt im Knast die neue Zukunft?

Valeria Parrella wählt ebenfalls das Weiterleben nach einem Verlust als Ausgangssituation für ihren Roman "Versprechen kann ich nichts" (Übersetzung: Verena von Koskull). So viel vorweg: Das Buch macht es einem nicht unbedingt leicht. Es ist ein Stil, auf den das Adjektiv "sperrig" passt. Man muss sich einlesen in diese unberechenbare, manchmal etwas sehr bedeutungsschwangere Erzählart. Die Geschichte selbst bietet viel Stoff zum Nachdenken.

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Elisabetta unterrichtet Mathematik im Jugendknast auf Nisida, einer Insel vor Neapel. Das Gefängnis ist für sie mehr als nur ein Arbeitsplatz. Sobald die 50-Jährige diesen in sich abgeschlossenen Kosmos betritt, verspürt sie Erleichterung und kann die Trauer um ihren verstorbenen Mann für kurze Zeit hinter sich lassen. Eines Tages wird die 16 Jahre alte Almarina ihre Schülerin. Die Rumänin ist nach dem Tod ihrer Mutter vor dem gewalttätigen Vater nach Italien geflohen und wurde dort von ihrem jüngeren Bruder getrennt. Nun sitzt sie im Knast, weil sie geklaut hat. Elisabetta, die gerne ein eigenes Kind gehabt hätte, verspürt sofort den Wunsch, die junge Frau zu beschützen.

Parrella beackert in ihrem Roman viele Themen: Kindesmissbrauch, Abtreibung, die Probleme, vor denen Paare und Einzelpersonen stehen, wenn sie ein Baby adoptieren oder das Sorgerecht für Minderjährige beantragen wollen. Das Knastleben beschreibt die Autorin aus eigener Erfahrung. Sie hat auf Nisida vier Jahre lang Kurse in Kreativem Schreiben gegeben und die jugendlichen Straftäter kennengelernt, von denen viele nach der Haft zu ihren Familien in Neapels Camorra-Hochburgen zurückkehren - vielleicht zu einem Vater, der unter Hausarrest steht, oder zu einem Bruder, der mit Drogen dealt. Kann das Gefängnis also ein Ort sein, an dem eine neue Zukunft beginnt? Man hofft es beim Blick in die leeren Augen der jungen Frau auf dem Cover.

Quelle: ntv.de

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