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"Verräterkind" sucht Wahrheiten Was den Vater mit Klaus Barbie verbindet

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Klaus Barbie war im Zweiten Weltkrieg Gestapo-Chef in Lyon. 1987 wurde der "Schlächter von Lyon" wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Er starb 1991 in Lyon.

(Foto: imago/United Archives International)

Frankreich braucht 1987 nur wenige Wochen, um im Prozess gegen Klaus Barbie einige der schlimmsten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs abzuurteilen. Die Vergangenheitsbewältigung seiner eigenen Familie beschäftigt den Autor Sorj Chalandon hingegen ein ganzes Leben.

Kaum jemand verfolgte den Gerichtsprozess gegen den ehemaligen Gestapo-Chef Klaus Barbie in Lyon so genau wie der Journalist Sorj Chalandon. Für seine Reportagen aus dem Gerichtssaal, in dem es um die Deportation jüdischer Kinder, Massenerschießungen und Folter ging, wurde er mehrfach ausgezeichnet. In seinem neuen Roman "Verräterkind" erzählt Chalandon diesen Prozess noch einmal. Gleichzeitig geht es um die Frage, welche Rolle sein Vater in jener Zeit der 1940er-Jahre hatte. Die Tragweite der Geschichte seines Vaters zu begreifen, beschäftigt Chalandon sein ganzes Leben.

Lyon, 1962. Chalandon ist zehn, als ihm sein Großvater an den Kopf knallt, dass er ein "Verräterkind" ist. Im Krieg, da stand sein Vater "auf der falschen Seite" und trug "deutsche Kluft". Die Vorwürfe des Opas lassen den Jungen verwirrt zurück - passen sie doch kaum mit den Heldengeschichten des Vaters zusammen, denen er Abend für Abend lauscht.

Darin stellt sich der Vater mal als französischen Patrioten dar, der den Feind sabotierte, und mal als einfachen Soldaten, der den Krieg mit viel Mut und Geschick überlebte. In anderen Geschichten berichtet er plötzlich, wie er als SS-Mitglied in den Kampf gegen den Bolschewismus zog oder 1945 den Führerbunker in Berlin verteidigte. Welche Rolle er auch einnimmt, immer wähnt sich Chalandons Vater auf der richtigen Seite. Immer ist er mutiger und klüger als alle anderen. Stellt Chalandon Fragen, gar kritische, schlagen ihm statt Antworten Fäuste und Beleidigungen entgegen.

Wer Chalandons Vater wirklich war

1987 versteht Chalandon die Widersprüche dieser Geschichten. Er ist nun Mitte 30, Journalist bei der "Libération" und weiß, dass sein Vater ein Lügner ist. Allerdings möchte er die Wahrheit von ihm persönlich erfahren, möchte wissen, warum er zum Verräter wurde und hofft insgeheim auf ein Schuldeingeständnis des Vaters. Vielleicht kann ihm ja so ein kleiner Teil der Bürde eines Verräterkindes genommen werden.

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Also recherchiert er, bis er die Strafakte seines Vaters in den Händen hält. All die Lügen, die im und nach dem Krieg zum Schutzpanzer des Vaters wurden, fallen jetzt Stück für Stück in sich zusammen. Chalandons Vater war ein französischer Soldat, Widerstandskämpfer, Vichy-Legionär, Nazi bei einer Institution der NSDAP und Mitglied der kommunistischen Jugend. Im Krieg wechselte er seine Armbinden wie Hemden. Immer, wenn es brenzlig wurde, wenn er zu scheitern drohte, erlog er sich eine Fluchtmöglichkeit. Chalandons Vater war alles andere als mutig oder stark, er war feige und hat es zu wenig gebracht. Er war ein Verräter vieler Armeen, vor allem aber des eigenen Landes. Mit den Beweisen in den Händen kehrt Chalandon schließlich in das miefige Wohnzimmer seines Elternhauses zurück und konfrontiert den Vater: "Ich weiß alles, Papa."

Um seine verzweifelte Suche nach der Wahrheit des Vaters mit dem Verfahren gegen Barbie zu verknüpfen, rückt Chalandon beide Ereignisse zeitlich näher zusammen. Im Anhang des Buches erfährt der Leser, dass der Autor die Strafakte seines Vaters nicht 1987, sondern erst 2020 einsehen konnte. Durch diesen Kniff in der Komposition des sonst autobiografischen Werkes schafft es "Verräterkind", zwei Prozesse zu erzählen: jenen aus dem Gerichtssaal, in dem Weltgeschichte geschrieben wird, und jenen aus dem miefigen Wohnzimmer.

Kaum zu ertragen

Dabei profitieren die Leserinnen und Leser vom Talent Chalandons, das nicht Greifbare eindringlich zu beschreiben. Chalandon überträgt die Angst und den Ekel gegenüber dem Vater, dem "Stümper, Drückeberger, Versager", aber auch das Gefühl, selbst ein Verräter zu sein, weil er die Vergangenheit seines Vaters heimlich durchwühlt.

Gewillt, sich mit dem wahrheitssuchenden Helden Chalandon zu identifizieren, stößt man beim Lesen allerdings auch schnell an seine Grenzen. Denn Chalandon hält an seinem Vater fest - obwohl dieser fasziniert statt angewidert vom Kriegsverbrecher Barbie ist und kaum eine Gelegenheit auslässt, die Taten des Nationalsozialisten kleinzureden. "Jetzt ist Schluss" drängt sich mit jeder Holocaust verharmlosenden Äußerung des Vaters auf. Um dranzubleiben, hilft schließlich nur eine Gedankenbrücke: Was, wenn es der eigene Vater wäre?

Großartige Verzahnung zweier Prozesse

Chalandons Roman verlangt dem Leser nicht nur einiges an Empathie ab, er tut auch weh. Er hält den Scheinwerfer auf den dunkelsten Fleck französisch-deutscher Geschichte und zwingt zum Hinschauen. Vor allem, weil Chalandon den Aussagen der Opfer Barbies viel Platz einräumt.

"Verräterkind" ist ganz offensichtlich kein Buch für zwischendurch oder zum Runterkommen. Lesen sollten Sie es trotzdem. Nicht nur, weil Chalandon mit seinen fesselnden Beschreibungen, die Brigitte Grosse mit all ihren Details aus dem Französischen übersetzte, macht, als wäre 1987 und Sie mitten im Gerichtssaal in Lyon. Gerade für deutsche Leserinnen und Leser ist es spannend, die französische Perspektive auf den Nationalsozialismus einzunehmen.

Vor allem sollten Sie diesen Roman lesen, weil Chalandon die Verzahnung von Barbie und seinem Vater auf brillante Weise gelingt. Nach und nach wird der erst so ungreifbare Vater zur Projektionsfläche für Barbies Persönlichkeit. Oder anders: Ein Stück Barbie, die Schuld des Nationalsozialismus - sie könnte in jedem Vater, in jeder Tante und jedem Urgroßvater stecken. "Verräterkind" ist somit nicht nur großartige Väterliteratur, sondern auch ein Stück Erinnerungskultur.

Quelle: ntv.de

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