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"Die Republik" in ihrem Lauf ... Wenn die DDR die BRD geschluckt hätte

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Maxim Volands "Die Republik" ist kein verklärter Blick zurück in eine gute, alte Zeit, sondern vielmehr ein "Was wäre, wenn ...", verpackt in einen hochspannenden Politthriller.

(Foto: picture alliance/dpa)

1949 gelingt der Coup: Die DDR übernimmt die BRD, die Westmächte schauen nur zu. 2020 ist die DDR ein erfolgreicher Global Player. Doch dann erschüttert ein Giftgasanschlag den Alexanderplatz. Nazi-Gas? CIA? MI6? Ein desillusionierter Stasi-Oberst beginnt zu ermitteln.

"Sie haben mich alle davor gewarnt, in die DDR zu fahren", erinnert sich Chris Mueller. Er wollte doch nur zur Beerdigung seines Opas fahren und den Rest seiner bis dahin unbekannten Familie treffen. Doch dann tauchen Unbekannte auf, meucheln seine Familie hin, absolut kaltblütig. Nur mit viel Glück und Hilfe seiner Cousine Alicia, dem schwarzen Schaf der Familie, wie sie selbst über sich sagt, kann Chris flüchten.

Und wieder kommen Zweifel auf: Er hätte es einfach wissen müssen. Schon bei der Einreise hatte er ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, schließlich ließ man im kapitalistischen Frankreich kein gutes Haar an der DDR. Aber Chris war neugierig gewesen. Zu neugierig? Nun saß er mit Alicia in deren "Wolfsburger", einem Käfer mit fortschrittlichem Brennstoffzellenantrieb, und mitten in der Verfolgung eines schwarzen Barkas B3000, mit den Mördern ihrer Familie. Mitten durchs Saarland, mitten durch die DDR.

Ein sympathischer Stasi-Oberst

Gustav Kuhn sitzt im Telecafe im Fernsehturm in Berlin, in der Nähe des Alexanderplatzes, und genießt seinen Goldbroiler. Ein absoluter Genuss. Doch dann meldet sich sein Smartphone, ein Zeiro aus Jena. Katastrophenwarnung. Giftgas. Er kann die Wolke von hier oben sehen. Wie sie sich langsam und tödlich vorwärtsbewegt. Kuhn ist Stasi-Oberst, allerdings desillusioniert. Er hat erkannt, dass in der DDR manche gleicher sind als andere. Er will mit seiner großen Liebe Nadja, Bedienung im Telecafe, der DDR den Rücken kehren. Streng geheim. Doch Nadja hat gerade Feierabend gemacht - und befindet sich mitten in der Giftgaswolke.

Dann ist Nadja tot und Kuhn will Rache. Wer immer für den Tod seiner großen Liebe verantwortlich ist, soll bezahlen. Um die Schuldigen zu finden, zieht er noch einmal an allen Stasi-Strippen, wird Sonderermittler in dem Fall, der prekärer nicht sein könnte: Woher stammt das Giftgas? Aus der Nazi-Zeit? Von den Sowjets? Vergessen bei deren Rückzug 1989? Oder direkt deponiert? Hängen die westlichen Geheimdienste in der Sache drin? Ziehen sie aus dem kapitalistischen, heruntergekommenen West-Berlin die Fäden? Wollen sie die DDR-Führung stürzen?

Agentin ohne Herz

Auch die MI6-Agentin Parker Harper-Moreau geht dieser Frage nach. Sie und ihr Vorgesetzter, ein Haudegen der alten Spion-Schule, vermuten, dass die CIA ihre Finger mit im Spiel hat. Die DDR-Führung verunsichern, die Bevölkerung aufwiegeln und am Ende ein Krieg, um die Schmach von 1949 auszumerzen, als die DDR von heute auf morgen die BRD geschluckt hat, ohne dass die Westalliierten einen Finger krumm gemacht hätten. Ein historischer Fehler, der nun aus den Geschichtsbüchern getilgt werden könnte.

Parker stellt in West-Berlin ihre eigenen Nachforschungen an, taucht in die dunkelsten Abgründe der ansonsten auf Hochglanz polierten, aber vollkommen isolierten Millionenenklave ab, wagt sich allein in den von Clans, Mord und Totschlag bestimmten Stadtteil "Kleen Mexiko". Und je tiefer sie gräbt, je mehr sie zu dem Giftgas herausfindet, umso gefährlicher lebt sie. Immerhin: Sie lebt. Ihrem Chef ist es bereits anders ergangen: Er wurde in seinem Wohnzimmer erschossen. Parker war bei ihm, konnte fliehen, mit seinem Laptop und ein paar Unterlagen von seinem Schreibtisch.

Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

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Maxim Voland (Pseudonym) "Die Republik" ist bei Piper erschienen.

(Foto: Piper)

Das sind die drei Erzählstränge von Maxim Volands "Die Republik". Sie sind so unterschiedlich wie die Protagonisten selbst. Hier ein vom System desillusionierter Stasi-Oberst, dort ein völlig ahnungsloser Franzose mit einer Cousine an seiner Seite, die nach außen systemkritischer daherkommt, als sie in Wirklichkeit ist und dann eben noch die abgezockte Agentin, an deren Seite sich ein junger Russen-Mafioso gesellt. Sie alle versuchen auf ihre Weise Licht ins Dunkel der Giftgaswolke von Berlin zu bringen. Es handelte sich um Saringas. Bestände aus der Nazizeit, umdeklariert und irgendwo in der DDR gesammelt und gebunkert, gammeln die Behälter zwar vor sich hin, aber in den richtigen, terroristischen Händen, ließe sich damit ein Staatsstreich anzetteln.

Die Zeit rennt, wird knapp: Chris und Alicia landen bei ihrer Verfolgungsflucht in Coburg und dann in den Fängen der Stasi. Kuhn führt seine Spurensuche zunächst nach Moskau und dann zurück nach Berlin. Und Parker lässt sich von ihrem Russenmafioso illegal über die Grenze in die DDR schmuggeln, denn sie weiß, wo das restliche Sarin lagert. Chris und Alica wissen es mittlerweile auch - und auch, weshalb ihre Familie sterben musste. Nun treffen die fünf Hauptprotagonisten zusammen und Volands absolut spannende und abwechslungsreich geschriebene Geschichte kulminiert in einem Höhepunkt, die die Herzen von Verschwörungsfans höher schlagen lassen dürfte.

Was Volands "Die Republik" so lesenswert macht, ist nicht nur die Tatsache, dass es sich um einen gefälligen Politthriller handelt. Vielmehr sind es die Begleitumstände, in die Voland seinen Plot packt: Die DDR hat die BRD nicht nur überlebt, sie hat sie sich einverleibt, 1949 bereits. Seitdem hat sich die DDR zu einem erfolgreichen Industriestaat gemausert, der mit diversen, nahezu perfekt aufeinander abgestimmten Fünf-Jahres-Plänen ein erfolgreicher Global Player geworden ist. Die besten Smartphones und Klapprechner sowie Elektroautos mit Brennstoffzellen - alles "Made in GDR" und gefragt auf dem Weltmarkt. In Afrika ist die DDR als Entwicklungshelfer, Geldgeber und Wirtschaftspartner aktiv und erfolgreich.

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Die Republik: Roman
22,00 €

Wer weiß, ob eine solche DDR nicht möglich gewesen wäre. Aber Voland packt auch Altbekanntes in seinen Thriller - die Schwächen des einst realen Arbeiter- und Bauernstaats: totale Überwachung, Bespitzelung, Korruption. Zur Auflockerung packt er zwischen die Kapitel immer mal einen "Volkswitz" (etwa: "Was ist 20 Meter lang und hat keine Zähne? Die erste Reihe des Zentralkomitees der SED") und ans Ende des Buches ein Glossar, wo die DDR-Begriffe und -Marken für jedermann verständlich erklärt werden. Im Nu, Juwel, Pfeffi, Fidschi.

"Die Republik" wird damit zum literarischen Tausendsassa: Politthriller, Geschichtsroman, Zukunftsvision, Witzbuch - alles in einem. Ihnen als potenzielle Leser kann ich daher nur raten: Haben Sie Mut, trauen Sie sich, reißen Sie die Mauern in Ihren Köpfen ein - und: Fahren Sie in die DDR!

Quelle: ntv.de