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Erst Muse, dann seine Frau: Alma in den Händen des Schöpfers.
Erst Muse, dann seine Frau: Alma in den Händen des Schöpfers.(Foto: AP)
Donnerstag, 01. Februar 2018

"Am seidenen Faden": Daniel Day-Lewis in seiner letzten Rolle

Von Sabine Oelmann

Er will aufhören: Daniel Day-Lewis ist zum letzten Mal im Kino zu sehen. Allein das ist sicher ein Magnet, um die Menschen ins Kino zu locken. An der Geschichte, die zudem für sechs Oscars nominiert ist, liegt es indes nicht.

"Oh oh, Daniel my brother you are older than me / Do you still feel the pain of the scars that won't heal / Your eyes have died, but you see more than I / Daniel you're a star in the face of the sky" - das sang Elton John schon 1973. Jetzt also "Bye-bye, Daniel Day-Lewis" ...

Sensibel, eigen, bestimmt: Daniel Day-Lewis in seiner letzten Rolle.
Sensibel, eigen, bestimmt: Daniel Day-Lewis in seiner letzten Rolle.(Foto: dpa)

Dies soll nun der letzte Film mit Daniel Day-Lewis sein - eine Katastrophe in zweifacher Hinsicht. Erstens: Dass es überhaupt sein letzter Film sein soll. Was ist nur los mit ihm? Ja, der Brite ist 60, aber das heißt doch noch lange nicht, dass man aufhören sollte zu arbeiten? Viele Arbeitnehmer können in diesem Alter gar nicht aufhören, selbst wenn sie wollten. Hat er was Besseres zu tun? Selbst ein Christopher Plummer, mittlerweile sage und schreibe 88 Jahre alt, begab sich vor Kurzem wieder vor die Kamera, und zwar, um EINZUSPRINGEN! Einzuspringen für Kevin Spacey, der aufgrund der Vorwürfe wegen sexueller Belästigung aus der Rolle des John P. Getty in "All The Money In The World" gestrichen und eben durch Plummer ersetzt wurde (nebenbei bemerkt: eine hervorragende Entscheidung!). Und zweitens: Warum muss der Mann, der in "There Will Be Blood", "Gangs Of New York", "Lincoln", "Mein linker Fuß", Im Namen des Vaters", "Mein wunderbarer Waschsalon", "Zeit der Unschuld", "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" und vielen mehr, aber vor allem in "Der letzte Mohikaner" mitgespielt hat, mit einem Film wie "Am seidenen Faden" in den Ruhestand gehen? Wo man ihn nun als etwas wehleidigen, divenhaften, launischen und dünnhäutigen Couturier in Erinnerung behalten wird?

Sie merken schon: Die Autorin ist nicht so richtig überzeugt von diesem Auftritt. Der Film wird gehypt, keine Frage. Und Day-Lewis ist auch gut in dem, was er da macht. Er spielt Reynolds Woodcock, der zu den begnadetsten und erfolgreichsten Modeschöpfern im London der 1950er-Jahre gehört. Sein Alltag besteht aus strenger Routine, ist perfektionistisch und detailbesessen durchgeplant. Stets ist er von vielen Frauen umgeben, die seine Passion - gar Obsession - begleiten, er lässt sich von ihnen inspirieren und verehren. Für die junge Alma (Vicky Krieps) ist sein Bachelor-Dasein jedoch ein großes Mysterium. Sie tritt mit einem Mal in sein konsequent durchstrukturiertes Leben, genauer gesagt, er zerrt sie (und sie lässt sich zerren) in sein Leben. Zunächst als neue Muse, dann als Liebhaberin. Beide fühlen die starke Anziehungskraft zueinander. Doch Alma ist anders als die vielen Frauen vor ihr - sie ist stark, modern, selbstbewusst und möchte Reynolds, der die meiste Zeit seines Lebens mit seiner Schwester (Lesley Manville) verbringt, die eine Art Managerin für alle Lebenslagen ist, auf Augenhöhe begegnen.

Day-Lewis spielt eine Rolle nicht nur, er wird zu der Figur - und ist während der Dreharbeiten nur als der Charakter des Films anzutreffen und nicht als Privatperson. Etwas, was sein Ko-Star Krieps als "unglaublich bereichernd", aber auch "anstrengend" beschrieben hat. "Wenn man mit Dingen umgehen muss, die man nicht kennt, ist es immer anstrengender, als mit Dingen umzugehen, die man schon kennt", so Krieps. Die Privatperson Daniel Day-Lewis kenne sie aber nicht. So undurchschaubar er privat sein mag, so grandios ist er als Schauspieler. In "Der seidene Faden" bannt wie schon bei "There Will Be Blood" Regisseur Paul Thomas Anderson sein Können auf die Leinwand. Day-Lewis liefert als exzentrischer Reynolds Woodstock einmal mehr eine absolut präzise Performance ab. Jeder Griff als Modeschneider sitzt perfekt, die Eigenheiten dieses begehrten Junggesellen scheinen ihm wie auf den Leib geschnitten zu sein. Aber reicht das, um den vierten Oscar als Ausnahmeschauspieler mit nach Hause zu nehmen?

"Sollen wir mit ihr Schluss machen?"
Haben sich gegenseitig im Griff: Reynolds Woodcock und Alma.
Haben sich gegenseitig im Griff: Reynolds Woodcock und Alma.(Foto: dpa)

"Wahre Kreativität entspringt aus dem Konflikt", heißt ein vielzitiertes Künstlersprichwort. Doch im "House of Woodcock", diesem Familienbetrieb, der Adlige, Filmstars, Erbinnen, Damen aus der Society und Debütantinnen im London der Nachkriegsjahre einkleidet, bringen diese Konflikte das Leben des Couturiers gehörig durcheinander. Obwohl niemand dem eleganten Woodcock in Sachen Mode und Schneiderkunst das Wasser reichen kann, will ausgerechnet Alma, das Mädchen, das er als Bedienung kennenlernt, hinter die starre, unnahbare Fassade des exzentrischen Mannes gelangen. Er wiederum will seine Position und Gewohnheiten nicht torpediert wissen. Bisher kommen und gehen Frauen im Leben des Modemachers, dienen dem überzeugten Junggesellen als Inspiration und leisten ihm Gesellschaft, bis seine Schwester mit ihnen "Schluss macht". Sie merkt als Erste, wenn der Meister beginnt, sich zu langweilen.

Ein gleichsam komplexes wie gefährliches Machtspiel zwischen Reynolds Woodcock und Alma, diesem natürlichen - vielleicht zu natürlichen - jungen Ding, entsteht. Denn das energische Ringen um die Dominanz in der Beziehung hat ungeahnte existenzielle Folgen. Und dieses Ringen ist es, was den Film zum Ende hin doch eher unglaubwürdig, geradezu albern macht. An dieser Stelle wollen wir nicht spoilern, wie dieses "Ringen" nun wirklich aussieht, aber man fühlt sich doch - sagen wir, es wie es ist - verarscht. Pilze spielen eine große Rolle.

Zwei Meister bei der Arbeit: Daniel Day-Lewis und Paul Thomas Anderson.
Zwei Meister bei der Arbeit: Daniel Day-Lewis und Paul Thomas Anderson.(Foto: AP)

Ja, die Hauptdarsteller sind gut, ein bisschen leise vielleicht und ein bisschen blass, und gerade in dieser vornehmen Zurückgenommenheit, die an manchen Stellen dann vulkanartig explodiert, sieht ein anderer Kritiker vielleicht das große Spiel der Protagonisten. Aber das ist Geschmackssache. Mode als Thema für den letzten Film des großartigen, einzigartigen, unersetzlichen Day-Lewis? Das kann es eigentlich nicht sein. Und doch, es ist so.

Andersons achte Regiearbeit erzählt die Geschichte eines Künstlers auf seiner kreativen Reise. Eine Geschichte vom Streben nach Schönheit und Perfektion und von den Frauen, die dafür sorgen, dass seine Welt sich immer weiterdreht. Der dreifache Oscar-Gewinner Day-Lewis verleiht dem Film eine Bedeutung, die er ohne diesen großartigen Darsteller sicher nicht hätte. Die junge in Berlin lebende Luxemburgerin Vicky Krieps, die wir aus "Die Vermessung der Welt", "Wer wenn nicht wir" und "Colonia Dignidad" kennen, ist irgendwie sensationell und dennoch langweilig gleichzeitig.

"Der seidene Faden" erhielt zwei Golden-Globe-Nominierungen - in den Kategorien Bester Hauptdarsteller (Drama) sowie Beste Filmmusik - und ist bei der diesjährigen Oscar-Verleihung in insgesamt sechs Kategorien nominiert: Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller (Daniel Day-Lewis), Beste Nebendarstellerin (Leslie Manville), Bestes Kostümdesign und Beste Filmmusik.

"Der seidene Faden" startet am 1. Februar in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de