Kino

"Blechtrommel" wieder im Kino David Bennent, mehr als Oskar Matzerath

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Oskar Matzerath - die Rolle brachte David Bennent in der Kindheit bereits den Durchbruch.

(Foto: dpa)

Am 14. April 1980 wurde Schlöndorffs Verfilmung von Günter Grass' Meisterwerk mit einem Oscar als "Bester fremdsprachiger Film" ausgezeichnet - der erste Academy Award dieser Kategorie für einen Spielfilm aus Deutschland überhaupt. Genau 40 Jahre später, am 14. April 2020, sollte "Die Blechtrommel" zurück auf die große Leinwand kommen, aufwendig in 4K restauriert, als bundesweites Kino-Event zum Oscar-Jubiläum. Die Corona-Krise machte diesem Plan einen Strich durch die Rechnung. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben - nun erlebt der Film am 31. August seinen großen Tag, bevor er dann in die Heimkinos kommt. Die Geschichte ist bekannt: Danzig 1927, der frühreife und hellwache Oskar Matzerath (David Bennent) ist gerade drei Jahre alt geworden, da ist ihm bereits klar: Das kleinbürgerliche Leben der Erwachsenen kann und will er so nicht akzeptieren. Deshalb hört er auf zu wachsen. Leidenschaftlich protestiert er fortan auf seiner Blechtrommel gegen fanatische Nazis und deren feige Mitläufer. Immer wieder erhebt er seine Stimme gegen die Spießer der Weimarer Republik und deren derbe Erotik. So schrill, bis Glas zerspringt. Erst als nach dem Krieg eine menschlichere Zeit beginnt, beschließt Oskar wieder am Leben teilzunehmen und wächst weiter. Regisseur Volker Schlöndorff empfand 1980 "die Möglichkeit, an der Blechtrommel zu arbeiten, als eine Herausforderung, der man sich nicht entziehen kann". Sein Film ist wie "Weltgeschichte von unten": riesige, spektakuläre Bilder, zusammengehalten vom winzigen Oskar." Aus Anlass der aufwendigen 4K-Restaurierung sprach ntv.de mit Hauptdarsteller David Bennent. Schlöndorff findet, dass der Film "heute fast noch stärker auf der Leinwand wirkt als damals", Bennent empfindet etwas anderes als Höhepunkt dieses Jubiläums.

David Bennent: Also, für mich war es jetzt erst einmal sehr schön, nach 45 Jahren tatsächlich den Oscar, den wir dafür bekommen hatten, in den Händen zu halten (lacht). Volker Schlöndorff hat ihn mir mitgebracht. Aber die Aktualität des Films ist tatsächlich beklemmend. Und ich frage mich wirklich: Sind wir mit diesen Entwicklungen, die gerade passieren, in einem Alptraum angelangt? Oder soll das die Wirklichkeit sein? Jetzt, wo dieser Film tatsächlich wieder in die Kinos kommt, zeigt sich, dass er politisch und so wie er gemacht ist, tatsächlich höchst aktuell ist. Ja, es geht auch um ein Kind, mich, den Oskar Matzerath, der nicht erwachsen werden will, weil er die Welt der Erwachsenen nicht besonders attraktiv findet. Aber es geht auch darum, dass unsere Jugendlichen jetzt auf die Straßen gehen, endlich, um den Erwachsenen zu sagen, so geht es nicht weiter, denn diese Welt ist auch nicht sonderlich attraktiv. Da macht es schon Sinn, mal wieder über die "Blechtrommel" nachzudenken.

ntv.de: Hat unsere Generation es vermasselt? Haben wir Schuld an dem Dilemma, in dem die Welt jetzt steckt?

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Der 12-jährige David Bennent 1979 vor der Uraufführung des Films "Die Blechtrommel" in Berlin mit seinem Filmvater Mario Adorf und dem Autor der Romanvorlage, Günter Grass.

(Foto: dpa)

Naja, was heißt Schuld, man hat eine Verantwortung. Aber ist man persönlich wirklich schuld daran, dass es der Umwelt nicht so gut geht? Ich habe immer aufgepasst, meine ich, in meinem Rahmen, ich habe zum Beispiel gar kein Auto. Ich habe nicht mal einen Führerschein. Ich komme aber nur genauso schuldfrei aus dieser Sache wie aus dem anderen riesigen Schuld-Thema, das vor über 70 Jahren unser Land bestimmt und verpestet hat. Auch da habe ich keine konkrete Schuld, aber ich fühle mich dennoch nicht ganz sauber.

Wie gehen Sie damit um, mit diesen Schuldfragen?

Jeder muss für sich eine Lösung, einen Umgang mit Verantwortung finden. Ich versuche, mit meinen Neffen etwas hinzukriegen, kein zu schlechtes Vorbild zu sein. Man muss einfach immer versuchen, sein Bestes zu geben. Da sind ja viele Dinge schiefgelaufen, nehmen wir zum Beispiel den Berliner Bezirk Prenzlauer Berg: Dort gibt es erstaunlich viele AfD-Wähler. Da frage ich mich: Wie kann das sein? Ein Bezirk, der so jung ist, voller Zugezogener, aber auch ein Bezirk, in dem die alten Leute noch aus der alten Zeit der DDR stammen. Wie können die dort AfD wählen?

Wie können wir denn die Mitte stärken, wenn die Ränder, sowohl links als auch rechts, so gewaltig werden?

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Regisseur Schlöndorff und sein Hauptdarsteller im Jahr 2015.

(Foto: imago images/POP-EYE)

Ich bin ja mit einer sogenannten "gesunden Mitte" gar nicht zufrieden. Ich wurde so erzogen, dass mir das nicht reicht. Es ist mir wortwörtlich zu mittelmäßig, da will ich nicht hin. Auch beruflich will ich ja nicht mittelmäßig sein, lieber immer so ein bisschen am Extrem. Auf der Bühne auf jeden Fall. Viele Kollegen arbeiten, glaube ich, gerne mit mir zusammen, aber sie sagen mir auch immer, ich sei so eine Rampensau und überengagiert (lacht). "Mit deinen Augen kannst du eine Kamera zerstören", hat mal einer gesagt. Ich mache das nicht willentlich, so intensiv zu sein, aber wenn ich eine Vorstellung habe, dann lerne ich meinen Text dafür eben auswendig! Das gibt mir Sicherheit, die brauche ich. Der Regisseur könnte also mitten in der Nacht zu mir kommen und mich bitten, diesen Text auf einem galoppierenden Pferd auf dem Kurfürstendamm statt auf einer Couch auf der Bühne aufzusagen - ich kann das dann! Und damit gehöre ich eben nicht in die Mitte - schon gar nicht ins Mittelmaß. Und das gefällt mir.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, was ist Ihr erster Gedanke?

Ich habe, ehrlich gesagt, wahnsinnig viel Glück gehabt: Mein erster Film war "Die Blechtrommel", Schlöndorff ist ein großartiger Regisseur. Auch Ridley Scott ist in der Zusammenarbeit eine Ausnahme - ich hab wirklich mit den Besten zusammengearbeitet.

An wen erinnern Sie sich besonders gerne?

Je größer oder bekannter oder erfolgreicher oder besser die Leute waren, seien es Schauspieler, Regisseure, Produzenten, desto besser haben sie gearbeitet. Und desto bescheidener sind diese Leute. Das macht den Unterschied. Lee Marvin zum Beispiel: Der hat mir mal gesagt, da war ich 16: "Das ist ja schön, dass du hier am Set dem Regisseur und dem Kameramann die Hand gegeben hast, aber den Assistenten nicht. Das geht nicht, das gehört sich nicht." So haben mich solche Leute geprägt, erzogen, dafür bin ich dankbar. Auch wenn ich Erziehung als Wort gar nicht so gerne mag. Aber wenn dir ein fast zwei Meter großer Mann wie Lee Marvin so etwas sagt und so eine Aura hat und so eine Menschlichkeit, dann nimmt man das an. Der wurde nie laut, der war ein ganz bodenständiger Typ, solche Leute treiben einem die Flausen aus.

Hat Ihr Vater, der berühmte Heinz Bennent, Ihnen denn nicht schon die Flausen ausgetrieben?

(lacht) Der hat mir auch die Flausen ausgetrieben, ja, aber das ist immer etwas anderes, wenn einem das Leute sagen, die nicht die Eltern sind. Auch meine damalige langjährige Agentin, die Grand Dame Erna Baumbauer, hat mich geprägt.

Sie haben lange mit Ihren Eltern auf Mykonos gelebt ...

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Ganz offensichtlich nicht auf Mykonos: Die komplette Familie Bennent, Anne, Heinz, Paulette Renou und David, in den Siebzigern, zu Hause.

(Foto: imago/United Archives)

Das ist inzwischen leider nicht mehr mein Mykonos, wo ich mit meinen Eltern barfuß im Sand gelaufen bin und die Kartoffeln ein paar Cent gekostet haben. Inzwischen ist der Wein so teuer, dass ich mir andere Ecken gesucht habe, und Gott sei Dank findet man die auch noch. Mykonos ist ja eine einzige Disco geworden.

Und Berlin - wie fühlen Sie sich da?

Berlin ist eine tolle Stadt. Wenn sie leer ist (lacht). Da sitze ich gern im Tiergarten und lerne meine Texte.

Beim Wort "Rampensau" - Sie haben es selbst gesagt - fällt mir eine andere "Rampensau" ein: Christoph Schlingensief. Brauchen wir nicht wieder mehr von solchen echten Typen?

Das muss jeder für sich entscheiden. Ich würde es mir manchmal ein bisschen radikaler wünschen, besonders in Deutschland wäre es gut, wenn jeder ein bisschen mehr Mut hätte. So jemand wie Robert De Niro fällt mir da ein. Der sagt auch mal "Fuck Trump". So etwas wünsche ich mir. Es ist mir zu still unter Künstlern. Wir könnten schon mal wieder ein bisschen mehr auf den Tisch hauen, eine Meinung haben.

Kann man das vielleicht eher am Theater ausleben?

Ja, im Theater kann und muss man lauter sein, das ist gut. Man ist direkter. Man kann spontan etwas verändern. Narren wie bei Shakespeare gibt es schließlich noch heute, aber auf der Bühne ist man lebendiger. Im Film bin ich abhängiger von viel mehr Variablen, das habe ich gerade wieder gemerkt, als ich gedreht habe, "Die Schuld" und einen "Tatort". Wenn es passt, wie bei den Dreharbeiten zu "Schuld", dann ist das ein großes Glück. Wenn es eine Einigkeit zwischen Regie, Kamera und Schauspielern gibt, dann ist das ideal.

Wie sieht es denn aus in Sachen Film?

Es gibt ganz tolle deutsche Filme, aber es gab mal eine Zeit, da waren es mehr tolle Filme, wichtigere Filme. Ich kann nicht verstehen, dass etwas so großen Erfolg hat, wenn man "Goethe" falsch schreibt (lächelt). Da flippe ich fast aus, ich komme damit einfach nicht zurecht. Dass ein Film wie "Fuck ju Göhte" Erfolg hat, will ich ja gar nicht kleinreden. Ich persönlich komme nur nicht damit zurecht. Wenn ich die Jugend so sehe, wie sie fortwährend über ihren Handys hängt und keine Bücher mehr liest, wenn Eltern daran dann verzweifeln, dann betrübt mich das als Mensch und als Künstler.

Aber als Junge haben Sie doch auch gar nicht so gern gelesen …

David Bennent hat einen schweren Unfall überlebt. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Bennent wünscht sich mehr Mut.

(Foto: dpa)

Ja, aber ich hing nicht ständig am Handy, das gab es ja noch nicht. Ich war in der Natur. Ich habe schon gern gelesen, aber eben nicht das, was meine Eltern wollten. Außerdem war ich als Kind natürlich schon ein bisschen arrogant (lacht). Wenn mich da einer gefragt hat, was ich denn so lese, und ich hatte nun mal gerade "Die Blechtrommel" abgedreht, dann hab' ich dem Interviewer auch einfach gern Quatsch erzählt. Zum Beispiel, dass ich lieber fischen gehe.

Sie sind nicht gerade das, was man ein "Serien-Gesicht" nennt ...

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Ich kann auch sehr gut damit leben, dass ich immer mal wieder weg vom Fenster bin. Wenn dann jemand sagt, schön, dass Sie wieder da sind, Herr Bennent, dann wundere ich mich zwar, denn für mich bin ich ja nie weg gewesen. Ich war eben nur nicht im Fernsehen zu sehen. Aber wenn mir jemand sagt, Herr Bennent, ich habe Sie dieses Jahr gar nicht auf dem Ernst-Lubitsch-Preis gesehen, dann finde ich es auch schön, wenn man mich mal vermisst.

Mit David Bennent sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de