Kino

Der Fall Collini "Es wird uns immer etwas angehen"

Schon klar - viele werden fragen: "Kann der das denn überhaupt? Ist der denn der Richtige?" Und die Antwort kann nur lauten: "Ja. Der kann das." Gemeint ist Elyas M'Barek in seiner Rolle als Pflichtverteidiger eines Mörders, dessen Verurteilung so gut wie feststeht. Wenn die ganze Geschichte nicht einen Riesen-Haken hätte - und da geht es dann ans Eingemachte, um unsere Vergangenheit, um unsere Moral, um unsere Justiz. Regisseur Marko Kreuzpaintner geht der Frage nach, was einen bislang völlig unbescholtenen Mann zu einem Mord an einem anderen - vermeintlich - unbescholtenen Mann treibt. Und was Recht mit Gerechtigkeit zu tun hat. Mit diesen Fragen sieht sich in "Der Fall Collini" auch der junge Anwalt Caspar Leinen (M'Barek) konfrontiert und gerät über eine Pflichtverteidigung an einen - seinen ersten - spektakulären Fall: der Italiener Fabrizio Collini (Franco Nero) hat den angesehenen Großindustriellen Hans Meyer (Manfred Zapatka) ermordet.

Das Opfer ist der Großvater seiner Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara) und war einst wie ein Ersatzvater für Caspar. Mit Strafverteidiger-Legende Richard Mattinger (Heiner Lauterbach) hat Caspar einen Gegner, der ihm haushoch überlegen scheint. Auch an seinem Mandanten beißt sich Caspar anfangs die Zähne aus - der Italiener schweigt beharrlich zu seinen Gründen. Doch Caspar spürt, dass da mehr ist, er muss herausfinden, warum Collini Meyer ermordet hat. Je tiefer Caspar in den Fall eintaucht, desto mehr wird er nicht nur mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, sondern stößt auf einen der größten Justizskandale der deutschen Geschichte und eine Wahrheit, von der niemand wissen will.  Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Ferdinand von Schirach hat Marco Kreuzpaintner ("Beat", "Krabat") ein spannendes Drama inszeniert. Mit Kreuzpaintner sprach n-tv.de über Schuld, Schirach und den Stoff, aus dem Kinoträume sind.

n-tv.de: Du magst heftige Themen, oder?

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Stehen voll und ganz hintereinander: M'Barek und Kreuzpaintner.

(Foto: imago images / Future Image)

Marco Kreuzpaintner: Das ist immer unterschiedlich. In diesem Fall ist Produzent Christoph Müller auf mich zugekommen, der hatte nämlich die Rechte an dem Stoff. Und natürlich hatte ich schon von Ferdinand von Schirach gehört, aber ich bin kein ausgewiesener Fan gewesen.

Jetzt schon?

Na klar (lacht). Ich bin aber ganz jungfräulich an die Arbeit gegangen, denn vor allem hat mir seine Art zu schreiben gefallen. Und obwohl das diametral zu meiner ganzen Art steht - ich bin eher der emotionale Typ, das Buch ist sehr sachlich verfasst - hat mir diese Sachlichkeit, die eine Emotion auslösen kann, ausgesprochen gut gefallen. Das fand ich spannend. Und dann war es für mich eine Ungeheuerlichkeit, dass ich von dem "Dreher-Gesetz", diesem Justizskandal, der es NS-Gehilfen ermöglicht hat, vor Strafverfolgung verschont zu bleiben, noch nie etwas gehört habe. Das finde ich einen richtigen Skandal. Bundesjustizministerin Katarina Barley hat mir bei einem Special Screening gesagt, dass das keine Pflichtveranstaltung in der Juristenausbildung ist, aber dass sie das gerne ändern würde. Man sollte die Skandalgesetze seines eigenen Landes schon kennen, zumindest als Jurist. Oder?

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Marko Kreuzpaintner, Katarina Barley, Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, und Ferdinand von Schirach, Schriftsteller und Strafverteidiger, bei einem Special Screening.

(Foto: dpa)

Auf jeden Fall.

Der Unterschied zwischen dem, was rechtens ist und dem, was als gerecht empfunden wird, der sollte doch möglichst gering bleiben. Finde ich. Ich hoffe tatsächlich, dass das durch den Film jetzt noch einmal breiter diskutiert wird. Und dass diese Ungeheuerlichkeit, dass da Abertausende Täter und auch Schreibtischtäter, Kriegsverbrecher und Mörder straffrei durchgekommen sind, weil sie sich damit rausgeredet haben, dass sie ja auf höheren Befehl gehandelt hätten, aufgedeckt werden.

Es waren ganze Ministerien durchsetzt mit Alt-Nazis.

Dazu hat die Justizministerin gesagt: "Die anderen waren ja nicht mehr da." Das ist natürlich das Zynische daran, dass am Anfang der Bundesrepublik acht von zehn Juristen dunkelbraun waren. So konnte man kaum ein Land aufbauen.

Wenn die Menschen zum großen Teil auch nicht mehr da sein mögen - sie haben ihre Gesetze hinterlassen.

Ja, und ehrlich gesagt: Ein Gesetz ist ja nicht von Gott gemacht, ich kann sowas auch wieder rückgängig machen. Damals schon fiel das dem "Spiegel" auf, es hat aber keinen Effekt gehabt.

Ich habe mich natürlich gefragt, warum Elyas M'Barek die Hauptrolle spielt. Passt das denn?

Natürlich!

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Yes, he can.

(Foto: imago images / Photopress Müller)

Das war dann auch mein Gedanke, nachdem ich ihn in der Rolle gesehen hatte, denn er holt natürlich all die "Fack ju Göhte"-Kids ins Kino und macht sie sensibel für ein Thema, das an den meisten einfach vorübergegangen wäre.

Genau. Und man guckt ihm gern zu. Auch wenn die meisten sich fragen mögen: Kann der das denn überhaupt? Aber der Punkt ist: Er überzeugt, oder?

Ja, er entwickelt sich tatsächlich in seiner Rolle.

Das war meine Idee. Er kann nicht von Anfang an der intellektuelle Anwalt sein. Er ist jung, er wächst in seine Aufgabe - auf der Leinwand und als Schauspieler. Das ist mit ihm wie beispielsweise bei Matthew McConaughey: Da hat nach "Dallas Buyers Club" auch keiner mehr gesagt, dass er nur den Surfer-Dude geben kann. Er hat schließlich eine Oscar-reife Performance hingelegt. Ich fürchte allerdings, dass wir sehr in unserem Schubladendenken, was Schauspieler angeht, verhaftet sind. 

Woran mag das liegen?

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Franco Nero muss nicht viel sagen.

(Foto: dpa)

Wir sind keine "Creative Writers Nation" - wir werden nicht, wie die Amerikaner oder die Engländer, groß damit. Dort performen die Kids von Anfang an auf der Schulbühne. In unsere Theater-AGs gehen doch nur Leute wie du und ich (lacht). Eine Nicole Kidman oder eine Charlize Theron aber bekommen einen Oscar, wenn sie vollkommen gegen ihren Typ anspielen müssen.

Haben deutsche Schauspieler denn keinen Mut zur Hässlichkeit? Zum Sich-gehen-Lassen?

Doch, zum Beispiel Katja Riemann, die traut sich was. Und eigentlich träumt jeder Schauspieler doch davon, anders auszusehen oder jemand völlig anderes zu sein.

Hast du deine Besetzung vor Augen gehabt?

Schon, aber wir hatten natürlich ein fantastisches Casting - und das verdanken wir der unglaublichen Franziska Eigner. Sie hat zum Beispiel auf Heiner Lauterbach insistiert, sie hat mir Franco Nero gebracht, Rainer Bock, Peter Prager - ich bin so froh darüber. Das Casting ist so wichtig. Das vergisst man leicht darüber, dass man immer die Regie so in den Vordergrund stellt. Was ist denn Regie? Das ist ein altes, romantisches Bild, das mit der Realität oft nichts zu tun hat (lacht). Film ist Teamarbeit. Der Regisseur filtert am Ende aus allem, was an Kreativität im Raum steht.

Was ist der größte Unterschied von deinem Film zur Romanvorlage von Ferdinand von Schirach?

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Klassisches Erzählkino zu Ostern.

(Foto: imago images / Photopress Müller)

Ich glaube, mein Film ist emotionaler. Aber die Leute wollen schon den Schirach sehen, denke ich. Ich habe mich diesem Spagat mit einer zurückgenommenen Kamera genähert, um klassisches Hollywood-Erzählkino zu erhalten, das die Geschichte an sich zur Geltung kommen lässt.

Glaubst du, dass wir, dass die nächste Generation, noch immer eine Schuld verspüren sollte an dem, was im Dritten Reich passiert ist?

Es ist keiner mehr Schuld, aber - und das hat Ignaz Bubis sehr gut formuliert - finde ich: "Die junge Generation trifft keine Schuld, aber sie kann nicht so tun, als würde es sie nichts angehen." Es wird uns immer etwas angehen. Schon allein deswegen, damit so etwas nie wieder passiert. Mit meinem Film möchte ich ganz klar an Politiker appellieren, sich den Film anzuschauen.

Mit Marco Kreuzpaintner sprach Sabine Oelmann

"Der Fall Collini" startet am 18. April im Kino.

Quelle: n-tv.de

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