Kino

Wann ist der Mann ein Mann? "Höhere Gewalt" zertrümmert Traumfamilie

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Die schwedische Bilderbuchfamilie - nach diesem Urlaub wird nichts mehr so sein, wie es war.

(Foto: Alamode Film)

Mutter, Vater, zwei Kinder - so weit, so durchschnittlich. Im Skiurlaub rollt eine Lawine auf sie zu, die Mutter wirft sich schützend über die Kinder - und der Vater? Rennt weg. Ist er ein feiges Arschloch? Das ist die Frage, die Schwedens Oscar-Kandidat stellt.

Eine schwedische Bilderbuchfamilie macht Bilderbuchurlaub in den französischen Alpen. Mutter und Vater, jung und attraktiv, zwei Kinder, Tochter und Sohn, 11 und 8, beide blond. Wie aus einem Möbelhaus-Katalog oder aus Lönneberga. Es ist ein teurer Urlaub in einem Luxushotel, sie tragen hochwertige Skikleidung - man sieht, es geht ihnen gut. Vater Tomas arbeitet sonst zu viel - "die fünf Tage gehören nur der Familie", hält Mutter Ebba fest. Doch die Ruhe in der makellos weißen Schnee- und Bergidylle wird immer wieder unterbrochen von dumpfen Kanonenschlägen der absichtlich ausgelösten Lawinen - Geräusche, die das drohende Unheil andeuten.

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Zwischen Schrecken und Faszination: Die Lawine kommt.

(Foto: Alamode Film)

Und das Unheil kommt am zweiten Tag beim Mittagessen auf der Terrasse, mit grandiosem Alpenblick: eine gigantische Lawine geht ab und kommt genau auf sie zu. Ein spektakulärer Anblick - Handys werden gezückt, Wow-Rufe ausgestoßen. Bis die Schneemassen bedrohlich nahe kommen. Panik bricht aus, Menschen springen auf, gehen in Deckung, die Kinder rufen "Papa, Papa" - doch Papa ergreift die Flucht. Nur die Mutter wirft sich schützend über sie.

Doch die Lawine kommt kurz vor der Terrasse zum Halten, die Schneewolke legt sich wieder, alle Teller und Gläser stehen noch, niemand ist zu Schaden gekommen. Als Tomas zurück an den familiären Tisch kommt ("Verdammt ... seid ihr ok?"), herrscht betretenes Schweigen. Seit diesem Ereignis ist nichts mehr, wie es war. Dem Schock folgt Starre, Trotzgesten der Kinder ("Fass mich nicht an! Geh raus!"), dann der Versuch eines klärenden Gesprächs. Denn Tomas spielt sein Verhalten herunter, er streitet ab, weggelaufen zu sein - er "erinnert sich anders". Das Paar erkennt sich nicht wieder, will sich nicht streiten, schon gar nicht im Urlaub - es folgt eine halbherzige Verständigung und Einigung auf eine "gemeinsame Sicht".

Unmännlicher Instinkt?

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"Ich bin nicht weggelaufen! Bist du doch!" Tomas und Ebba versuchen noch, das Drama wegzulächeln.

(Foto: Alamode Film)

Für ihn ist die Sache damit erledigt, aber in Ebba brodelt es. Ihr Grundvertrauen in Tomas ist erschüttert - und damit auch eine der Grundfesten ihrer Beziehung, ihrer Ehe. Kann sie sich überhaupt auf ihn verlassen? Warum war sein Instinkt in dieser Situation, wegzulaufen, sein eigenes Leben zu retten, ihres aber, sich um ihre Kinder zu kümmern? Sie kann nicht anders, muss das Problem bei einem Abend mit Freunden doch nochmal ansprechen, bittet diese um ihre Meinung. Deren Vermittlungsversuch scheitert, Tomas Fassade bröckelt und fällt dann endgültig ab - er bricht in einem Heulkrampf zusammen, der Ebba nur peinlich und unangenehm ist. Zu sehr ist sie von ihm enttäuscht, als dass sie ihn jetzt liebevoll trösten könnte. Durch Tomas' mangelnde Courage ist seine Männlichkeit schwer angeschlagen - und das Familiengefüge auch.

Der schwedische Regisseur Ruben Östlund spielt in seinem Film "Höhere Gewalt" einerseits mit dem Machtkampf zwischen Mensch und Natur - die Schneekanonen, die präparierten Pisten und die absichtlich ausgelösten Lawinen geben das Gefühl der totalen Kontrolle - und andererseits mit dem Mythos des "starken Geschlechts". Immer wieder kommt das Thema "was ist männlich, wie verhält sich ein Mann?" in verschiedenen Bildern auf: Der Mann testet beim Essen im Restaurant natürlich den Wein, er muss den aufdringlichen Zuhörer verscheuchen, man sieht Männer beim ritualisierten Biertrinken mit freiem Oberkörper, begleitet von lauten, befreienden Schreien ...

Zeitalter der Gleichberechtigung

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"Höhere Gewalt" geht 2015 für Schweden ins Rennen um die Oscars.

Dabei handelt es sich doch bei Ebba und Tomas um ein modernes Paar im Zeitalter der Gleichberechtigung. Sie kann mal einen Tag allein Ski fahren, er kümmert sich allein um die Kinder - Tomas ist beileibe kein Macho. Aber es wird von ihm erwartet, dass er seine Familie schützt, dass er sich bei Gefahren "wie ein Mann" schützend vor sie wirft. Sind diese Erwartungen heutzutage überholt?

Laut Regisseur Östlund ist es "Fakt, dass sich Männer oft ganz anders verhalten, als es der 'Ehrenkodex' erwarten lässt. Wenn es um Leben und Tod geht, das eigene Überleben in Gefahr ist, scheinen Männer sogar noch eher wegzurennen und sich in Sicherheit zu bringen als Frauen". Dabei laute der gesellschaftliche Kodex doch immer noch, dass der Mann als Beschützer seiner Frau und Familie im Angesicht einer Gefahr nicht zurückweichen darf.

Mensch versus Natur

Für sein "existenzielles Drama in einem Wintersportort", wie er es selbst nennt, inszeniert Östlund klare, kalte, sachliche Bilder - skandinavisch, ohne Schnickschnack. Untermalt von klassischer Musik (wie etwa "Sommer" aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten"). In einer berückend schönen Landschaft, in weißer Weite und großer Stille wird offenbar: der Mensch glaubt, sich durch moderne Technik die Natur Untertan zu machen. Letztendlich aber ist die Natur stärker - sei es in Form einer todbringenden Lawine oder in Form des grundlegendsten menschlichen Triebs, seines Überlebensinstinkts. Ein nachdenklich stimmender Film, der leider etwas zu lang geraten ist.

Östlund ist mit seinem dritten Film "Höhere Gewalt" jetzt schon sehr erfolgreich: Im Mai 2014 wurde er auf dem Filmfestival in Cannes mit dem Jurypreis in der Nebenreihe "Un certain regard" ausgezeichnet. Außerdem geht er für Schweden ins Oscar-Rennen 2015 als offizieller Kandidat für den "besten nicht englischsprachigen Film". Auch für den Europäischen Filmpreis 2014 wurde er nominiert. Hier kann "Höhere Gewalt" sowohl auf eine Auszeichnung in der Kategorie "Bester Film" als auch Ruben Östlund selbst auf eine Ehrung in der Kategorie "Beste Regie" hoffen. Die Preisverleihung findet am 13. Dezember in Lettlands Hauptstadt Riga statt.

"Höhere Gewalt" läuft ab 20. November 2014 in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de

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