"It's Never Over" im KinoJeff Buckley: Das Musikgenie aus dem Coffeeshop
Von Nicole AnkelmannJeff Buckley nimmt Zeit seines viel zu kurzen Lebens nur ein einziges Album auf. Und doch zählt er bis heute zu den einflussreichsten Musikern überhaupt. Die Doku "It's Never Over, Jeff Buckley" kommt dem Phänomen mit Interviews und privaten Aufnahmen näher.
Amy Winehouse, Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix, Kurt Cobain - sie alle eint eine besondere musikalische Gabe sowie ein früher Tod mit gerade einmal 27 Jahren. In allen Fällen ging dem Ableben ein exzessiver Drogenkonsum voraus oder war gar todesursächlich.
So ist es wenig verwunderlich, dass einige Menschen bis heute glauben, Jeff Buckley sei ebenfalls eines solchen Todes gestorben. Schließlich wurde auch dessen Vater Tim Buckley mit 28 Jahren nach einer Überdosis Heroin tot aufgefunden. Dass Jeff Buckley, der 30 Jahre alt wurde und die Aufnahme in den "Club 27" damit verpasste, 1997 bei einem Badeunfall ums Leben kam, ist nur einer der Aspekte, die die nun in den Kinos startende Dokumentation "It's Never Over, Jeff Buckley" behandelt.
Material aus Buckleys privatem Archiv
In erster Linie geht es natürlich um den Menschen Jeff Buckley, seine Musik und sein außergewöhnliches Talent. Verantwortlich für den Film zeichnet Amy Berg, die in der Vergangenheit zwei Dokus über sexuellen Missbrauch von Kindern drehte und mit "Janis: Little Girl Blue" 2015 schon einmal eine Musik-Doku an den Start brachte. Im Falle von Jeff Buckley soll zunächst sogar ein Biopic geplant gewesen sein. Für die Hauptrolle vorgesehen war angeblich Brad Pitt, der allerdings deutlich älter ist, als Buckley überhaupt wurde. Immerhin fungierte er bei der Doku nun noch als Produzent.
Ganze zehn Jahre hat Amy Berg an dem Projekt gearbeitet. Über Buckleys Nachlass erhielt sie Zugang zu privaten Archiven, um Material daraus nun zu einem großen Ganzen zusammenzufügen, angereichert mit diversen Interviews. Gesprochen hat Berg nicht nur mit Jeff Buckleys Mutter Mary Guibert, sondern auch mit seiner langjährigen Jugendfreundin Rebecca Moore, die sich lange zu dem Thema bedeckt hielt, sowie mit Musikerin Joan Wasser alias Joan As A Police Woman, mit der Jeff Buckley zum Zeitpunkt seines Todes verlobt war.
So erfährt der musikinteressierte Zuschauer, dass Jeff Buckley schon als Baby gern gesungen hat. Das berichtet Mary Guibert, die im Alter von 17 Jahren mit ihm schwanger wurde. Tim Buckley verließ Guibert noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes, weshalb Jeffs Verhältnis zu seinem Vater nie das beste war. Er lernte den Musiker erst im Teenageralter bei einem seiner Konzerte kennen - zwei Monate bevor dieser den Drogentod starb. Trotzdem ließ sich Jeff überreden, bei einem Gedenkkonzert zu Ehren von Tim Buckley dabei zu sein. Ein schicksalhafter Abend, denn nicht nur wurde hier dank der Begeisterung des Publikums der Grundstein für seine Karriere gelegt. Auch lernte er hier Rebecca Moore kennen.
Karrierestart im "Sin-é"
Mit ihr zog er Anfang der 1990er-Jahre nach New York. Buckley jobbte im Coffeeshop "Sin-é", in dem er immer wieder ein paar Songs zum Besten gab. Seine Konzerte entwickelten sich zum Geheimtipp und lockten immer mehr Musikfans an, sodass der Laden bald aus allen Nähten platzte. Buckley spielte dort neben Coverversionen erste eigenen Songs, wovon irgendwann auch A&R-Manager verschiedener Plattenfirmen Wind bekamen und anbissen. Am Ende entschied er sich für einen Vertrag mit Columbia Records. Buckleys Songwriting, sein Talent an der Gitarre und seine einzigartige Stimme, die eine große Bandbreite an Tönen umfasste, gaben ihm die Freiheit, sich gegen etwaige Vorgaben des Labels zu stemmen und darauf zu bestehen, dass er als Einziger bestimmen kann, wie der Hase läuft.
Mit "Grace" erschien 1994 das erste und auch einzige vollendete Album, das Jeff Buckley in den Bearsville Studios in Woodstock aufnahm - gemeinsam mit seiner Band und Produzent Andy Wallace, der schon für Nirvanas "Nevermind" an den Reglern saß. Damals freundete er sich außerdem mit Soundgarden-Frontmann Chris Cornell an, arbeitete später mit Patti Smith und versuchte, bei Aimee Mann zu landen, ehe er auf Joan Wasser traf. Die zwei machten nicht nur gemeinsam Musik, sondern waren drei Jahre lang eben auch ein Paar.
Neben eigenen Songs wie "Grace", "Mojo Pin" und "Last Goodbye" gab es auf dem Album drei Coversongs, darunter Leonard Cohens "Hallelujah" - für viele bis heute die beste Version des Klassikers. Überhaupt ist "Grace" wohl eines der wichtigsten Alben seines Genres. David Bowie hat es mal als "bestes Album aller Zeiten" bezeichnet. Und Robert Plant nannte Jeff Buckley damals den "größten neuen Sänger". Ein Ritterschlag für Buckley, der auf die Frage nach seinen musikalischen Einflüssen mal mit "Liebe, Wut, Depression, Freude und Träume … und Zeppelin!" geantwortet hatte. Robert Plant sowie The-Smiths-Sänger Morrissey waren seine großen Vorbilder in Sachen Gesang.
Tragischer Unfalltod
Tatsächlich kämpfte Jeff Buckley trotz seines Erfolgs jahrelang mit Depressionen, tauchte bisweilen für Tage ab. Er war daher auch dem Druck der Plattenfirma nicht gewachsen, die auf ein zweites Album pochte - immerhin war hierfür bereits ein Vorschuss geflossen. Jeff Buckley schätzte seine mentale Gesundheit seinerzeit selbst recht gut ein; er bezeichnete sich Joan Wasser gegenüber mal als "manisch-depressiv".
1996 zog er in ein Haus nach Memphis, um die Arbeit am Follow-up von "Grace" ernsthaft anzugehen. Er trat ab und an in einer Bar vor Ort auf und versorgte seine Band schließlich mit Demos voll Songs für "My Sweetheart The Drunk". Eigentlich sollten die Aufnahmen bald beginnen, doch als seine Musikerkollegen in Memphis eintrafen, lebte Jeff Buckley schon nicht mehr. Er war am selben Tag in den Kanalgewässern des Wolf River Harbor ertrunken, nachdem ihn ein vorbeifahrendes Boot beim Baden unter Wasser gezogen hatte. Warum Buckley mit Kleidung und Stiefeln ins Wasser ging, ist unklar. Als seine Leiche Tage später gefunden wurde, ergab die Obduktion, dass er weder Drogen noch Alkohol im Blut hatte.
"It's Never Over, Jeff Buckley" zeichnet das Bild eines so genialen wie verletzlichen Musikers, der wie so viele andere viel zu früh gestorben ist, weshalb die über ihn vorhandenen Zeitdokumente recht überschaubar sind. Seine TV-Auftritte lassen sich an einer Hand abzählen, und auch aufgezeichnete Konzerte gibt es kaum. Ein Umstand, der mit grafischen Elementen kaschiert wird, die nicht immer ganz zum Wesen des Musikers zu passen scheinen, aber wohl eher Mittel zum Zweck sind.
Knapp ein Jahr nach Jeff Buckleys Tod brachte Columbia Records übrigens eine Compilation namens "Sketches (For My Sweetheart The Drunk)" heraus. Sie enthält teilweise sehr rohe 4-Spur-Demos, die als Vorlage für die anstehende Studiozeit dienen sollten, sowie bereits ausgefeiltere Stücke, die er mit Produzent Tom Verlaine aufgenommen hatte.
"It's Never Over, Jeff Buckley" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.