Kino

A Beautiful Day - verstörend gut Joaquin Phoenix kommt mit dem Hammer

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Auftragskiller Joe (Joaquin Phoenix) will die junge Nina (Ekaterina Samsonov) aus den Fängen von Sex-Händlern befreien.

(Foto: Constantin Film)

Jüngst war Joaquin Phoenix noch als Jesus zu sehen. In "A Beautiful Day" lässt er nun als sonderbarer Auftragskiller den Hammer kreisen. Diese Rolle spielt er so brillant, dass die vor Gewalt strotzende Handlung fast zur Nebensache gerät.

Die Lösung seiner Aufgaben liegt für Joe gut in der Hand und ist im Heimwerkerladen für schlappe 17 Dollar zu erwerben. Wenn er sich den Stahlhammer zulegt, hat der ehemalige Soldat und Ex-FBI-Mann einen neuen Auftrag. Der lautet: Befreie verschleppte Kinder von ihren Geiselnehmern - koste es, was es wolle. Auf diesen Rettungsmissionen schwingt er dann sein nagelneues Werkzeug, vorzugsweise auf den Schädel seines Gegenübers.

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Für Joe hat das Leben offenbar kaum noch etwas zu bieten.

(Foto: Constantin Film)

Nein, der neueste Film von Regisseurin Lynne Ramsay ist wahrlich kein wonniger Lobgesang auf das Leben - auch wenn er "A Beautiful Day" heißt. Doch das ist nebensächlich, denn da ist ja Joaquin Phoenix. Und der bietet 90 Minuten lang mitreißendes, wenn auch verstörendes, Kino. Kürzlich war der begnadete Schauspieler als Messias in "Maria Magdalena" zu sehen. Nun gibt sich der Atheist in der Rolle des hämmernden Joe weniger fromm.

Wer einen Auftragskiller beschreiben müsste, würde wohl kaum ein Bild von Joe kreieren. Der wuchtige Mann mit dem Rauschebart und dem vernarbten Körper kommt schlurfig daher. Das strähnige, melierte Haar ist mal mit dunklem Basecap bedeckt, mal zum Zopf gebunden. Dazu trägt er einen dunklen Kapuzenpulli. Erscheinungsbild: irgendwo zwischen Obdachlosem und Alt-Hooligan. Und es ist unübersehbar, dass mit dem Kerl etwas nicht stimmt.

Traumatisierter Kraftprotz

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Joaquin Phoenix im Mai 2017 in Cannes mit Freundin Rooney Mara.

(Foto: imago/Starface)

Wahrlich ist Joe nicht nur gegenüber Kidnappern, sondern auch im Umgang mit sich selbst nicht zimperlich. So zieht er sich nach einer Mission einen Zahn. Ohne Narkose, versteht sich. Hin und wieder zieht er sich eine Plastiktüte über den Kopf. Solange, bis er beinahe erstickt. Willkommen in der Welt von Joe. Der Kraftprotz ist traumatisiert von Gewalterfahrungen aus der Kindheit sowie von Kriegserinnerungen. Bis heute peinigen ihn diese Dämonen, denen er nur mit Selbstgeißelung zu begegnen weiß. Und mit der Ausführung seines Jobs.

Sein Dienstleistungsangebot hat sich bis zum New Yorker Senator Votto herumgesprochen. Dieser bittet Joe darum, seine entführte Tochter Nina (Ekaterina Samsonov) zu befreien. Praktischerweise weiß der wahlkämpfende Politiker, dass sich das junge Mädchen in einem geheimen Edelbordell befindet. Joe nimmt den Auftrag an und macht sich daran, die sexuelle Gewalt gegenüber dem Kind auf seine Art zu vergelten. Doch entgegen dem Filmtitel wird dies für Joe kein schöner Tag. Mit der Aktion zieht er den Zorn eines unbekannten, aber offenbar einflussreichen Gegners auf sich - und entfesselt einen Sturm der Gewalt.

Raffiniert erzählte Schwerkost

Pädophilie, Menschenhandel, rohe Gewalt: In "A Beautiful Day" serviert Lynne Ramsay als Regisseurin, Drehbuchautorin sowie Produzentin eine ordentliche Portion schwere Kost. Dabei ist die mitunter anwidernde Handlung über weite Strecken lediglich Beiwerk zu einer brillanten Nahaufnahme eines psychisch labilen Einzelgängers, der bei seiner dementen Mutter (Judith Roberts) wohnt und vom Leben nicht mehr viel erwartet.

Dieses eindringliche und melancholische Porträt ruft ein seltsames Mitgefühl hervor - selbst dann, wenn Joe andere Menschen mit dem Hammer bearbeitet. Ein Hauch von "Taxi Driver" umgibt den Film, der allerdings raffinierter erzählt und geschnitten ist. Nur selten sind die Morde direkt zu sehen, oft spielt sich die Gewalt im Kopf ab. Darüber hinaus gönnt sich der Film bis hin zum ungewöhnlichen Finale viele Tempopausen. Mal lockert nostalgische Musik das Geschehen auf, mal sind es lustig-bizarre Szenen, die Joe mit seiner Mutter zeigen.

Warum der Film hierzulande nicht wie im Original "You Were Never Really Here" heißt, erschließt sich nicht ganz. Zumal das Drehbuch auf dem gleichnamigen Werk des US-Autors Jonathan Ames basiert und Joe nur selten geistig anwesend ist.

Als Glücksfall für diese Verfilmung erweist sich hingegen Joaquin Phoenix. Wie der US-Amerikaner aus Puerto Rico mit seiner Rolle verschmilzt, ist gleichsam faszinierend wie verstörend. Ob Jesus, Johnny Cash ("Walk the Line") oder der seelisch gequälte Joe: Wohl nur wenige Schauspieler können solch herausfordernde Rollen derart sehenswert ausfüllen wie Phoenix. Auf seinen nächsten filmischen Hammerschlag sollten sich Kinofans zu Recht freuen. Bei den Filmfestspielen in Cannes 2017 bekam er für die Rolle den Preis als bester Schauspieler.

"A Beautiful Day" läuft ab 26. April in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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