Kino

Superheldin statt Antiheldin Lisbeth Salander mutiert zu MacGyver

In "Verschwörung" ist es finster wie in einer Schachtel. Und zugleich rappelts im Karton. Horrorprofi Fede Alvarez hängt Stieg Larssons "Millennium"-Universum um Hackerin Lisbeth Salander ein schweres Action-Gewand um. Ist das im Sinne des Erfinders?

Man kann Stieg Larsson nicht mehr nach seiner Meinung fragen. Der Autor der berühmten "Millennium"-Trilogie ist seit über 14 Jahren tot. Allerdings hatte er noch nie ein Mitspracherecht, wenn es um die Interpretation seiner Gedanken rund um Pseudoheldin Lisbeth Salander ging. Bereits den Jubel und Trubel um seine Romane "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung" hat der Schwede nicht mehr miterlebt. Sie wurden sämtlich erst nach seinem Tod veröffentlicht.

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Seither wurden alle drei Bücher wenigstens einmal verfilmt. Den Anfang unternahmen federführend die Schweden selbst. Mit Noomi Rapace als Hackerin Lisbeth Salander und Mikael Nyqvist als Journalist Mikael Blomkvist brachten sie alle drei "Millennium"-Teile auf die Leinwand. Relativ dicht an der literarischen Vorlage orientiert, wurden die Filme von Kritikern und Publikum gefeiert. Nyqvist erlag im vergangenen Jahr tragischerweise dem Krebs. Für Rapace dagegen pflasterte die Rolle als Lisbeth Salander ihr den Weg zu einer internationalen Karriere. Und Larsson? Ihm hätten die schwedisch-unterkühlt-schaurigen Streifen womöglich auch gefallen.

Ja, vielleicht wäre auch das Hollywood-Remake von "Verblendung" auf sein Wohlwollen getroffen. Das entstand 2011 unter der Regie von David Fincher, jetzt mit Rooney Mara und Daniel Craig in den Hauptrollen und abermals weitgehend originalgetreu. Doch obwohl der Film die Kinokassen ordentlich klingeln ließ und ebenfalls beste Bewertungen einheimste, wurde die Reihe in den USA nicht fortgesetzt.

Herzlich willkommen: Camilla

Stattdessen gibt es nun "Verschwörung" - und die mittlerweile dritte Inkarnation von Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist. Diesmal dürfen Claire Foy, die sich ihre Sporen nicht zuletzt als Queen Elisabeth II. in der Netflix-Serie "The Crown" verdient hat, und Sverrir Gudnason, unter anderem bekannt als Björn-Borg-Darsteller in "Borg/McEnroe", ran. Und diesmal steht wirklich völlig in den Sternen, was Larsson über diesen Auftritt wohl gedacht hätte.

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Gewusst wie - Lisbeth Salander weiß, wie man mit Schurken umgeht.

(Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH)

Schließlich stammt nicht einmal das Buch, auf dem der Film basiert, von ihm. David Lagercrantz hat es geschrieben - mit Zustimmung von Larssons Erben. Doch nicht nur das könnte dem verstorbenen Originalautor mitunter sauer aufstoßen. Denn so wie in "Verschwörung" hat man seine unkonventionelle Antiheldin Lisbeth Salander bislang noch nicht zu Gesicht bekommen. Und nicht nur sie. Mit Sylvia Hoeks, zuletzt etwa in "Blade Runner 2049" zu sehen, zieht auch ein neuer Charakter in die "Millenniums"-Welt ein: Lisbeths gemeingefährliche Zwillingsschwester Camilla.

Und das kommt so: Im eiskalten Stockholm pirscht sich der Programmierer Frans Balder (Stephen Merchant) an Lisbeth heran. Er hat für die NSA eine Software entwickelt, die es ermöglicht, Kontrolle über sämtliche Atomwaffenarsenale auf der Welt zu erhalten. Jetzt jedoch plagt ihn das Gewissen und er bittet die Hackerin, das Programm zu stehlen. Das gelingt Lisbeth Salander auch, doch noch bevor die Software zerstört werden kann, wird sie ihr auch schon wieder abgeluchst - von einem Syndikat der übelsten Sorte, das sich "The Spiders" nennt. Während Lisbeth ihren Freund Blomqvist bittet, ihr bei der Wiederbeschaffung des brisanten Programms zu helfen, nimmt das Unheil seinen Lauf. Denn auch die NSA und der schwedische Geheimdienst rücken Lisbeth auf der Jagd nach der Software auf die Pelle. Von Camilla mal ganz zu schweigen ...

Fürst der Finsternis

Die Regie bei "Verschwörung" übernahm Fede Alvarez. Er hat in jüngster Zeit vor allem mit zwei Horrorfilmen von sich reden gemacht: "Don't Breathe" und dem Remake von "Tanz der Teufel". Auch bei "Verschwörung" erweist er sich als wahrer Fürst der Finsternis. Die zappendustere Inszenierung steht ihren Vorgängern definitiv in nichts nach.

Dass das schaurige Flair der bisherigen Filme mit Lisbeth Salander dennoch ein Stück weit verloren geht, liegt dagegen just an der Neuinterpretation der Hauptfigur selbst. Die nerdig-zierliche Hackerin mutiert in "Verschwörung" geradezu zu einer Superheldin mit übermenschlichen Fähigkeiten. Nicht nur, dass ihr wirklich jedes Computerproblem allerhöchstens ein paar Sekunden Kopfzerbrechen bereitet, sie löst auch sonst jede Schwierigkeit beinahe wie MacGyver, trotzt Schlägen, Stürzen und Explosionen wie "Wonder Woman" und fährt Motorrad wie einst Roger Moore als James Bond in "In tödlicher Mission" Ski in der Bobbahn.

Alvarez hängt der neuesten Lisbeth-Salander-Geschichte damit ein derart schweres Action-Gewand um, dass der nonchalante Charme des Schwedenkrimis, der in diesem Fall großteils in Potsdam entstand, darunter zu ersticken droht. In jüngster Zeit wurden auch Rufe laut, der nächste James Bond solle doch bitte eine Frau sein. Nun gäbe es ihn, den weiblichen 007, nur dass er auf den Namen Lisbeth Salander hört. Die Frage ist nur, ob das tatsächlich im Sinne des Erfinders ist.

"Verschwörung" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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