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Fallen, aufstehen, weiterfahren "Mid90s" - Skaten mit Fuckshit und Ray

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Ray, Fuckshit, Ruben, Fourth Grade und Stevie (v.l.) mit ihren Skateboards - sie sitzen irgendwo, wo sie nicht sein dürften.

(Foto: imago/Prod.DB)

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Stevie wächst im L.A. der 1990er auf, ohne Vater, dafür mit einem gewalttätigen Bruder. In einer Skatergang findet der 13-Jährige eine Ersatzfamilie und eine ganz neue Welt - mit Drogen, Sex und ständigem Fluchen. Hollywoodstar Jonah Hill ist in seinem ersten Film als Regisseur ein echtes Kunstwerk gelungen.

Stevie ist 13, "so süß" und "noch in dem Alter, bevor Jungs zu Arschlöchern werden", wie ein Mädchen ihm bescheinigt. Er wächst im Los Angeles der Neunzigerjahre auf - in den "Mid90s", wie der Filmtitel schon klarmacht; mit seiner alleinerziehenden Mutter und seinem großen Bruder, um dessen Anerkennung und Zuneigung er kämpft, der ihn aber meist nur brutal verprügelt. Auch die mit viel Aufwand für ihn zum Geburtstag zusammengestellte Mix-CD wird kaum ausgepackt und keines Blickes gewürdigt.

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Ray (Na-Kel Smith) und Fuckshit (Olan Prenatt, v.l.) sind sowas wie die Leitwölfe der Skatergang.

(Foto: © 2018 JAYHAWKER HOLDINGS, LLC)

So etwas wie eine Ersatzfamilie findet der ziemlich verloren wirkende Stevie dann bei einer Skater-Clique, die im "Motor Avenue Skateshop" und auf dessen Hof abhängt. Die Jungs sind alle älter als er, eine komplett neue Welt eröffnet sich für Stevie. Sich anlegen mit Erwachsenen, Abhauen vor der Polizei, Zigaretten, Alkohol, Kiffen, Mädchen, erster Sex. Kameradschaft, Freundschaft, Konkurrenzkampf. Nicht danke sagen und freundlich sein, denn das ist "schwul". Nicht zeigen, dass man sich beim Skaten anstrengt, denn das ist uncool. Derbe Wortwahl. Fuckshit hat deshalb diesen Namen weg, weil er in quasi jeder Situation "Fuck! Shit!" ruft. Und Fourth Grade nennen sie so, weil er so schlau ist wie ein Viertklässler. Also nicht so besonders schlau. Er stellt dämliche Fragen und filmt die ganze Zeit - Letzteres wird sich noch als absolut großartig herausstellen.

Nicht besonders schlau ist auch manche Mutprobe der Skater, klar - manchmal klappt es, manchmal geht es schief und manchmal geht es richtig daneben, auch mal lebensgefährlich. Die Kids stehen auf einem Dach, es gilt, mit dem Skateboard eine ziemlich große Lücke zu überwinden. Chefskater Ray hat keine Probleme damit, Ruben kneift, Anfänger Stevie wagt es, alles hält den Atem an. In einem normalen Hollywood-Film hätte er es geschafft, hinterher hätten sich alle abgeklatscht, eine große Buddie-Harmonie hätte sich über alles gelegt. Hier jedoch schafft Stevie es nicht, er fällt durchs Loch und richtig auf die Fresse.

"Auf dem Skateboard groß geworden"

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"Mid90s" ist Jonah Hills Regiedebüt. Der Hollywoodstar wurde mit Kinohits wie "Superbad", "21 Jump Street" und "The Wolf of Wall Street" bekannt.

(Foto: imago/snapshot)

Jonah Hill war bisher nur als Schauspieler bekannt - er ist erst 35, hat aber schon in 60 Filmen mitgespielt und war zweimal für den Oscar nominiert ("Moneyball", 2011 und "The Wolf of Wall Street", 2013). "Mid90s" ist sein erster Film als Regisseur. 1983 geboren, war er in den Neunzigern also auch Teenager - und er ist "in den Mittneunzigern in L.A. auf dem Skateboard groß geworden. Ich habe meine gesamte Zeit vor dem Gerichtsgebäude verbracht, das man im Film sehen kann", erzählt er in einem Interview für den Filmverleiher.

Für den Film wurde das Gerichtsgebäude "so wiederhergestellt, wie es damals war, mit den Graffitis und allem anderen". Überhaupt hat das Filmteam sich mächtig ins Zeug gelegt, um alles so zeitgemäß wie irgend möglich auferstehen zu lassen. Gedreht wurde auf originalem 16-Millimeter-Filmmaterial und im 4:3-Format. Die Klamottenlabels, die CDs, die Computerspiele, die Autos - alles echt Neunziger. Der Skatershop sieht genauso aus, wie diese Läden damals eben aussahen (und es oft heute noch tun). Und natürlich: der Soundtrack! Der stammt von Trent Reznor (von den Nine Inch Nails) und von Atticus Ross.

Mitspieler Musik

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"Du bist süß!" Stevie kommt an bei den Girls.

(Foto: imago/Prod.DB)

Die Musik ist - wen wunderts bei der Thematik - ein überaus wichtiger Teil des Films, sie kommentiert, fast wie ein eigener Erzähler. Man hört Rap von GZA und Wu-Tang Clan, aber auch die Pixies, Morrissey, Herbie Hancock ... Viele Szenen wurden laut Hill zur Musik geschnitten, in deren Rhythmus. "Einer der wichtigsten Aspekte des Films für mich ist der Versuch, Hiphop als relevante Kunstform während unserer Jugend darzustellen", sagt Hill im Interview.

Als zusätzliche Verneigung vor der Szene hat er eine kleine, aber wichtige Nebenrolle mit einem Rapper besetzt - Del the Funky Homosapien spielt einen Obdachlosen, der sich bei den Jungs dafür bedankt, dass sie überhaupt mit ihm reden. "Wenn du weißt, dass er das ist, fügt es dem Ganzen eine coole Ebene hinzu. Wenn nicht, dann beeinflusst es dein Erlebnis nicht im Geringsten", findet Hill. Und wer bei "Mid90s" an "Kids" denkt, den bekannten Skaterstreifen von Larry Clark von 1995 - dessen Drehbuchautor Harmony Korine erweist Hill und seinem Film die Ehre mit einem Cameo-Auftritt.

Perfekte Besetzung

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"Mid90s" lief bei der Berlinale in der Sektion Panorama und kommt nun in die deutschen Kinos.

Überhaupt - die Besetzung! Hier hat Hill ein unglaubliches Händchen bewiesen. Kaum zu glauben, aber tatsächlich hat außer Sunny Suljic, der Darsteller des Stevie - der beim Dreh erst elf war! - keiner der Jungs vorher geschauspielert. Es sind alles "nur" Skater, zum Teil professionell, die ihre Figuren sehr überzeugend verkörpern. "Diese Kids zu finden, den Film mit ihnen zu drehen und mitzuerleben, wie sie sich von Skatern in echte Schauspieler verwandeln, war vermutlich die bewegendste Erfahrung in meinem Leben", sagt Hill dazu.

Herausragend dabei: Na-Kel Smith in der Rolle des Ray, ein begnadeter Skater und so was wie der besonnene Leader of the Pack. In der sicher berührendsten Szene des Films, als es Stevie richtig mies geht, setzt sich Ray auf dem Hof neben ihn: "Oft denken wir, dass unser eigenes Leben das schlimmste ist. Aber wenn du einmal den Scheiß der anderen siehst, dann würdest du nicht tauschen wollen!" Und dann tun sie das, was in dem Moment am besten hilft: Sie gehen skaten.

"Mid90s" lief bei der diesjährigen Berlinale in der Sektion Panorama und kommt am 7. März 2019 in Deutschland ins Kino.

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Quelle: n-tv.de

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