Verführt vom Internet"Nerve" - Wie weit würdest du gehen?

Vee ist mehr so Typ Mauerblümchen, doch eine Kurzschlussreaktion macht sie über Nacht zu einem der wildesten Mädchen New Yorks. Sie spielt "Nerve". Der gleichnamige Film zeichnet einen gefährlichen Wettkampf um Online-Prominenz.
Wenn an der Straßenecke gegenüber zufällig ein besonders seltenes Pokémon zu fangen ist, dann kann es da schon mal etwas belebter werden. Nervig, oder? Aber es könnte noch wesentlich schlimmer kommen als "Pokémon Go". Der Film "Nerve" präsentiert ein gleichnamiges Online-Game, das ebenfalls die Massen auf die Straße holt. Wie das Internet im Allgemeinen ist es zu weiten Teilen illegal, oberflächlich, manipulativ und schlichtweg ziemlich gefährlich.
Die Heldin des Films heißt Vee (Emma Roberts). Sie ist mehr so Typ Mauerblümchen - cool genug, um mal locker lässig Wu-Tang-Lyrics zu zitieren, bei Weitem zu schüchtern, dem Schwarm zu winken. Das wird sich bald ändern, denn entgegen ihrer gepflegten Friedlichkeit lässt sie sich ausnahmsweise mal provozieren: Vee spielt "Nerve".
"Watcher" oder "Player"
"Nerve" funktioniert ein bisschen wie "Die Tribute von Panem" nur weniger tödlich - offiziell. Zur Belustigung der Massen treten einige Wenige gegeneinander an. Zu welcher Gruppe man gehören will, entscheidet bei "Nerve" jeder selber. Wer sich bei dem Programm anmeldet, wählt eine Rolle: "Watcher" oder "Player".
Als "Watcher" ist man Fan und Moderator zugleich, die Gruppe stellt die Aufgaben. Als "Player" kann man zum Star werden, in dem man immer irrsinnigere Herausforderungen meistert, doch man bleibt auch Spielball. Nicht dass sich einer der Teilnehmer vorab über die entsprechenden Implikationen der eigenen Rolle Gedanken machen würden.
Für Vee beginnt alles mit einem harmlosen Kuss, der sich als schicksalhaft erweisen wird. Der Geküsste, Ian (Dave Franco), wird ihr Partner für eine Nacht. Als Lieblinge der "Watchers" erhalten die beiden Geschenke, die anzunehmen sie sich vielleicht besser zweimal hätten überlegen sollen.
Online-Apokalypse in Aussicht
Das Internet wird dank "Nerve" zur Arena des Voyeurismus und damit erklärt sich auch der sehr zeitgeistig gefärbte Thrill des Films. "Nerve" ist nicht einfach eine upgedatete Version von David Finchers "The Game" mit knackigen Körpern und viel Neonlicht. Der Streifen zeichnet eine Art Online-Apokalypse, die quasi jeden Moment Realität werden könnte. Wo Status und Prominenz im Internet ins Verderben führen, weil aus Followern Feinde werden, wo sich der anonyme Mob ganz austoben kann, wo erst mit Schadenfreude und Sadismus das ganz große Geld verdient wird und scheinbar belanglosen Daten öffentlich einsehbar zur Bedrohung werden, da flimmert Zukunftsangst über die Leinwand.
"Nerve" unterhält mit cooler Optik und zwei jungen Hauptdarstellern, die als willkommene Abwechslung mal durch mehr als ihr Aussehen bestechen. Sie reißen den Zuschauer hinein in ihre rasant bunte Pop-Welt, ob er will oder nicht. Da stört es wenig, dass das Bedrohungsszenario vielleicht real wirken mag, im Verlauf des Films jedoch wesentlich von logischen Patzern gezeichnet ist. Einzig die pathetische Schülersprecherrede zum Schluss hätten sich die Regisseure Henry Joost und Ariel Schulman sparen können. Bis dahin sind ihre Helden aber so herrlich in teurer Abendgarderobe durch die Nacht geflitzt - es sei ihnen verziehen.
"Nerve" startet am 8. September in den deutschen Kinos.