Kino

One Night Stand zu fünft Victoria rauscht durch Berlin

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Victoria tanzt in einem Berliner Club. In wenigen Stunden beginnt ihr Job im Cafe - eigentlich.

(Foto: Wildbunch )

Junge Spanierin, erst kurz in Berlin, noch ohne Freunde hier, mit mies bezahltem Kellner-Job: so weit, so alltäglich. Bis sie in einer Nacht, die alles verändert, Sonne, Boxer, Blinker und Fuß trifft. Erst ein entspanntes Bier und Kiffen auf dem Dach und dann: Bäng!

Eine junge Frau auf der Tanzfläche eines Clubs, ausgelassen, allein unterwegs. Auch der Barkeeper will nicht mit ihr trinken, sie kippt ihren Wodka runter und verlässt den Laden. Draußen, es ist Nacht oder früher Morgen, umtaumeln sie ein paar Typen, nicht mehr ganz nüchtern, sehr ausgelassen, total aufgekratzt. Nicht unangenehm, eher die lustige Sorte, die es auch nicht allzu tragisch nimmt, dass der Türsteher sie abgewiesen hat. Sie stellen sich Victoria (Laia Costa) aus Madrid vor - Sonne, Boxer, Blinker und Fuß (Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Rigit und Max Mauff) aus Berlin. Und zwar echte Berliner, keine Zugezogenen, wie Sonne betont: "We are real Berliners, you know? Real Berlin guys."

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Vor dem Club trifft sie "real Berlin guys".

(Foto: Wildbunch)

Sie werden der Rest der Nacht, des anbrechenden Morgens miteinander verbringen und was wie eine typische Berliner Partynacht beginnt, mit Bier vom Späti, auf der Straße rumturnen und Kiffen auf dem Dach, endet in Chaos, Panik und Tod.

Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen

Denn einer der Jungs hat noch eine alte Schuld zu begleichen und da sie immer alle zusammenhalten, egal was passiert, und vier Männer gebraucht werden für den Deal, sind alle dabei. Aus der alten Knast-Schuld wird ein sehr krummes Ding, aus dem Joint werden harte Drogen und aus den aufgekratzten Party-Jungs Gangster wider Willen. Zudem wird Victoria mit hineingezogen - einer der Jungs ist zu zugedröhnt und fällt daher aus und wenn sie nicht zu viert sind, platzt der Deal. Aus der spontanen Straßenbekanntschaft wird für Victoria, das Mädchen aus gutbürgerlichem Haus, das große Abenteuer, die Reise ins Ungewisse.

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Das ist kein Spaß mehr.

(Foto: Wildbunch )

Warum lässt sie sich nur darauf ein, könnte man sich fragen. Sie könnte auch einfach Nein sagen und gehen. Und sie ist kein naives Dummchen, die einfach nur mitläuft, im Gegenteil. Aber ihr Verhalten ist durchaus nachvollziehbar: Die junge Spanierin, erst drei Monate in Berlin, noch nicht richtig angekommen, hat noch keinen Freundeskreis in Berlin, nur einen äußerst schlecht bezahlten Kellner-Job. Sie geht allein tanzen, lädt den Barkeeper auf einen "Schnaps" ein (was der ablehnt) und sucht offenbar Kontakt und Anschluss - zumindest lässt sie sich vor dem Club gleich auf die Jungs ein und zieht mit ihnen rum. Nachts als Frau allein mit vier fremden Männern - da hätten andere Angst. Aber sie fasst gleich Vertrauen, merkt, dass die Jungs in Ordnung sind - durchgeknallt, aber in Ordnung. Sie behandeln sie mit Respekt, vor allem Sonne, der gleich ein Auge auf sie geworfen hat.

Bäng!

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Nach dem Deal und vor dem bösen Erwachen: es wird gefeiert.

(Foto: Wildbunch)

Als Sonne und sie später allein in dem Cafe sitzen, das sie in ein paar Stunden öffnen muss, gibt es einen der wenigen stillen Momente in dem Film - mit Klavier und Kakao, der nie fertig wird; sie erzählt sehr private Dinge von sich und für einen Moment denkt man: gleich küssen sie sich. Und dann: Bäng! Dann knallen die anderen Jungs zur Tür herein und die Dinge nehmen ihren Lauf, wie in einer Spirale, immer schneller, immer härter und lauter, immer atemloser. Unheilvoll, verhängnisvoll. Wer dabei kein Herzklopfen bekommt, muss echt abgebrüht sein. Eine Tour de Force mit immerhin einer Art Happy End.

Der besondere Dreh an dem Film: er wurde in einem Take aufgenommen, 140 Minuten ohne einen einzigen Schnitt. (Genau: am 27. April 2014 zwischen 4.30 und 7 Uhr morgens.) Ohne Drehbuch, nur mit einem zwölf Seiten umfassenden sogenannten Treatment, ohne vorgeschriebene Dialoge. Eine krasse, wirklich beeindruckende Leistung der Schauspieler - und des Kameramannes Sturla Brandth Grøvlen, der eine Art Marathon absolvieren musste. Keine Klappe, die 25., es waren nicht viele Versuche möglich. (Es gab genau drei.) Zweieinhalb Stunden absolute Präsenz und Konzentration. Dass dafür kein Text auswendig gelernt werden musste, sondern sich aus der Handlung ergab, macht die Dialoge so glaubwürdig - genau so redet man, so schreit man rum in solchen Situationen.

Dass die Kamera die Protagonisten nie verlässt, entwickelt einen unwiderstehlichen Sog. In den ersten Minuten ist es recht anstrengend, der wackeligen Handkamera zu folgen, aber dann zieht der Film einen rein und lässt nicht mehr los. "Victoria" von Regisseur Sebastian Schipper lief im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb und wurde mit dem Silbernen Bären für die beste Kamera ausgezeichnet. Zu Recht.

"Victoria" kommt am 11. Juni 2015 in die deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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