Kino

Ein letztes Blutvergießen "Rambo" lässt seiner Wut freien Lauf

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Spielt im letzten Teil der Actionfilmreihe wieder den Rächer: Sylvester Stallone als John Rambo.

(Foto: imago images / Prod.DB)

Vom Kriegshelden zum Massenmörder: Ja, eine Menge ist passiert zwischen "Rambo: First Blood" und "Last Blood". Wer im letzten Teil der Kultfilmreihe wieder Sozialkritik erwartet hat, könnte nicht falscher liegen. Wer dagegen auf stumpfe Gewalt steht, saß noch nie im richtigeren Kinosaal.

Es gehört schon eine Menge dazu, wenn man jemandem ein Messer in die Brust rammt und anschließend mit der Hand in die Stichwunde greift, um den ein oder anderen Knochen zu brechen. Dass er noch einmal so viel Blut- und Rachegelüste verspüren würde, hätte John Rambo (Sylvester Stallone) zu Beginn von "Rambo: Last Blood" wohl selbst nicht mehr gedacht. Dabei war doch gerade alles so schön und die ehemalige Tötungsmaschine wahrscheinlich noch nie glücklicher.

Seit zehn Jahren lebt Rambo zurückgezogen auf einer Ranch in Arizona. Der Kriegsveteran führt ein Leben, wie er es sich nie hätte erträumen können: im Beisein einer Familie. Dabei handelt es sich zwar nicht um seine eigene, sondern um seine Haushälterin Maria (Adriana Barraza) und deren junge Enkelin Gabrielle (Yvette Monreal), doch vor allem die 17-Jährige liebt er wie sein eigen Fleisch und Blut. Gabrielle möchte ihren entfremdeten Vater aufspüren, der sie und ihre bereits verstorbene Mutter früh im Stich ließ.

Entgegen aller Warnungen nimmt sie die Suche in Mexiko auf - und wird direkt vom Kartell der berüchtigten Martínez-Brüder entführt. Schwer misshandelt und unter Drogen gesetzt, wird sie nun zur Prostitution gezwungen. Wenn Rambo nicht vorher schon ein gebrochener und traumatisierter Mann war, ist er es spätestens jetzt. Besessen von seiner Wut und bewaffnet bis unter die Zähne, pausiert er seine Rente und macht sich als Ein-Mann-Armee auf den Weg nach Mexiko, um seine Nichte zu retten. Zum Abschied der Kultreihe wird aus dem ehemaligen Kriegsveteranen ein Massenmörder, der nicht eher ruhen will, bis das letzte Blut geflossen ist.

Sozialkritik? Da war doch was ...

Dabei war er nicht immer so - im Gegenteil sogar. Nach dem verlorenen Vietnamkrieg kehrt Rambo in "First Blood" (1982) in sein Heimatland zurück und muss schnell feststellen, dass sein Einsatz keinerlei Würdigung erhalten wird: Denn die US-Bürger haben Kriege satt. Seine Rückkehr und Eingliederung in die Gesellschaft gestaltet sich für den körperlich und seelisch schwer verletzten Kriegshelden als schwierig. Rambo will seinen Kameraden aufsuchen, doch der ist bereits an Krebs gestorben - ausgelöst durch Agent Orange, jenem Entlaubungsmittel, das die US-Armee tonnenweise über Vietnam versprüht hatte. Von sadistischen Kleinstadtpolizisten gedemütigt, geht es für ihn im anschließenden Kampf ums bloße Überleben.

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Rambo will nicht eher ruhen, bis die Martínez-Brüder (li.) tot sind.

(Foto: imago images / Prod.DB)

Am Ende von "First Blood" erlebt der Zuschauer in einer äußerst emotionalen Szene, was von dem ernsten Mann mit Welpenaugen übrig geblieben ist: Nämlich ein kaputter Mensch, gezeichnet vom Krieg in Vietnam, von dem er jetzt nicht einmal mehr sagen kann, wofür er eigentlich gekämpft hat. Hätte sich Regisseur Ted Kotcheff an die Romanvorlage gehalten, hätte Rambo den Film nicht überlebt. Denn in dem Buch erschießt er sich inmitten seines Nervenzusammenbruchs vor den Augen seines Ausbilders und Mentors Samuel Trautman, nachdem dieser sich weigert, ihm die Last von den Schultern zu nehmen und ihn zu töten.

Krieg? Geil!

Es wäre ein stimmiges Ende für einen sozialkritischen Film gewesen, der - man kann es kaum glauben - mit nur einem Tod auskam und stattdessen Kriege und die mangelnde Unterstützung für Veteranen anprangerte, die nun als Täter und Opfer zugleich weiterleben müssen. Und noch viel wichtiger: Den Zuschauern wären die unterirdischen Sequels erspart geblieben, die in den kommenden Jahren folgen sollten.

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Rambo bereitet sich auf seinen Endkampf vor.

(Foto: picture alliance/dpa)

Denn die Bösen sind in diesen nun die anderen, nicht das eigene Heimatland. Tschüss Gesellschaftskritik und hallo, ihr gemeinen Vietnamesen und Sowjets in Afghanistan! Die lassen sogar die Taliban gut aussehen. Statt die Thematik des ersten Teils aufzugreifen, stellten die Fortsetzungen "First Blood Part II" (1985), "Rambo III" (1988) und "Rambo" (2008) plötzlich ganz andere Dinge in den Vordergrund. Es wurde gegen externe Bedrohungen geschossen, die eigene Fahne hochgehalten und sinnlose Gewalt glorifiziert. Nicht ohne Grund bekam "First Blood Part II" in den Kategorien schlechtestes Drehbuch, schlechtester Film, schlechtester Schauspieler und schlechtester Original-Song die Goldene Himbeere.

Auch Rambos Gewaltbereitschaft nahm mit jedem zusätzlichen Film zu. Nachdem in "First Blood" nur der böse Cop durch einen Sturz vom Helikopter gestorben war, gingen in "Rambo III" gleich Hunderte Menschen drauf - im vierten Teil schlachtete sich der wortkarge Antiheld durch mehr als 250 Leiber, riss mit bloßer Muskelkraft Kehlköpfe aus gemeinen Visagen. Über Stunden sahen die Zuschauer Gräueltaten, Vergewaltigungen und erschossene Kinder - und damit die Legitimation für den Helden, zu handeln, wie es das Alte Testament vorgibt: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Zum Abschied wird's persönlich

In "Last Blood" ist es nicht anders. Der Feind: die bösen Mexikaner. Keine Chance also, die Sache legal anzugehen - schließlich kann die US-Polizei ja nicht nach Mexiko. Und "da unten macht eh niemand was", wie Rambo sagt. So führt er keinen politisch motivierten Krieg, sondern einen privaten. Aber der hat es in sich. Um seine geliebte Nichte zu rächen, greift er zu vorher nie da gewesener Gewalt und wird dabei zum Massenmörder. "Ich will, dass sie wissen, dass der Tod kommt", kündigt er seine Bluttat an. Dass er weit über 70 ist, hindert ihn offensichtlich nicht daran, es alleine mit einem Sexhandelsring aufzunehmen.

Der Endkampf auf seiner Farm und in einem selbstgebauten Tunnelsystem erinnert dabei ein bisschen an "Kevin - allein zu Haus" - wenn der kleine Kevin Todesfallen aufgestellt statt Streiche gespielt hätte. Die Szenen sind so brutal - deutlich brutaler als in den anderen Filmen -, dass man schon fast lachen muss. Aber sie sind stark und Rambos blinde Wut auch irgendwie nachvollziehbar. Manche Kritiker werden jetzt die Verherrlichung der Gewaltexzesse anprangern. Aber mal ehrlich: Deshalb schaut man "Rambo" doch auch, oder? Solche Filme werden mittlerweile so gut wie gar nicht mehr gedreht. Und wer keine klammheimliche Freude dabei empfindet, dem Racheengel bei seinem rücksichtslosen Gemetzel zuzugucken, sollte vielleicht einfach einen großen Bogen um das Kino machen.

"Last Blood" ist - ebenso wie seine Vorgänger - nicht das Aushängeschild für Qualitätskino oder herausragende schauspielerische Leistungen. Das ist aber auch völlig egal, man weiß ja, worauf man sich einlässt. Glaubhaft ist Stallones Figur dabei durch und durch. Außerdem ist es Regisseur Adrian Grunberg gelungen, seinem Hauptcharakter zum Abschluss endlich mal eine Tiefe zu verleihen, die er in den vergangenen Filmen nicht vorweisen konnte. Wir erleben Rambo in seinem familiären Alltag, beim Reiten, in einer Disco und beim Verarbeiten seiner Traumata. Sogar eine Party organisiert der alte Sack noch!

"Rambo findet das, was er unter Frieden versteht", kündigte Stallone den Streifen zu Beginn der Dreharbeiten an, als Kritiker öffentlich die Frage stellten, ob die Welt denn wirklich noch einen "Rambo"-Film brauche. Man kann tatsächlich darüber diskutieren, ob man sich den letzten Teil nicht hätte sparen können. Aber nach den Reinfällen, die Teil zwei, drei und vier darstellten, ist "Rambo: Last Blood" ein absolut würdiger Abschluss der Filmreihe.

"Rambo: Last Blood" läuft ab sofort in den Kinos.

Quelle: n-tv.de

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