Kino

"Würde gern Bank überfallen" Sebastian Schippers Weg zu "Roads"

Mit dem One-Take "Victoria" gelingt Sebastian Schipper 2015 ein Überraschungserfolg. Eine ganz andere Herausforderung stellt nun sein neuer Streifen "Roads" dar. Mit n-tv.de spricht er über Erwartungshaltungen, Flüchtlinge und den erhobenen Zeigefinger.

n-tv.de: "Roads" ist Ihr erster Film nach "Victoria". Da werden Sie sicher mit einigen Erwartungshaltungen konfrontiert werden. Konnten Sie sich selbst bei der Entstehung von "Roads" davon freimachen?

Sebastian Schipper: Der Erfolg von "Victoria" ist für mich ein vollkommen abstrakter Gedanke. Diesen Film zu machen, war für mich ein ganz innerliches Erlebnis. Ich denke viel mehr an die unfassbar krasse und angsteinflößende Reise, die wir mit ihm unternommen haben, als an rote Teppiche oder Preise.

Hat Sie der Erfolg von "Victoria" dann nicht überrascht?

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Doch, klar. Als wir den Film gemacht haben, dachten wir zunächst, er würde vielleicht ein paar verquere Cineasten interessieren. (lacht) Aber das war uns egal. Wir hatten Bock auf diesen Film! Das vergisst man nicht, vor allem nicht bei so etwas wie diesem One-Take. Ich habe aus der Resonanz auf den Film deshalb auch nicht mitgenommen, dass ich der Coolste, Beste und Erfolgreichste bin. Mir hat das vielmehr gesagt: Wenn ich etwas mache, das ich unbedingt machen will, vor dem ich zugleich aber auch Angst habe, kann das der Schlüssel zu etwas Tollem sein.

Und das, was Sie unbedingt machen wollten, war ein One-Take ...

Zunächst einmal war es der Gedanke, dass ich in irgendeiner Parallelwelt eigentlich mal sehr gern eine Bank überfallen würde. (lacht) So kam die Idee zu dem Film. Erst dann kam die Überlegung: Damit er auch wirklich richtig gut reingeht, drehen wir ihn doch einfach in einer Einstellung.

Wie war das bei "Roads"?

Hier war es der Gedanke, einen Film zu machen, der sich mit dieser Welt auseinandersetzt. Denn diese Welt lässt uns nicht in Ruhe. Sie lässt einen auch nicht in Ruhe Filme drehen. Das hat mir mindestens genauso viel Respekt eingeflößt, wie einen One-Take zu drehen.

Den Film ohne Schnitt in einem Stück zu drehen, war sicher die größte Herausforderung bei "Victoria". Was war es bei "Roads"?

Dass wir eine Geschichte erzählen, die leicht, witzig und absurd ist. Und zugleich eine Geschichte, die mittenrein in das geht, was in Europa gerade los ist und unsere Politik mehr als alles andere seit dem Mauerfall auf den Kopf gestellt hat: die Herausforderung und Tragödie, aber - wie manche sagen - auch die Chance der Migration. Unser moralisches System wird ja gerade herausgefordert wie seit 30 Jahren nicht mehr. Als der Kalte Krieg zu Ende ging, haben alle gejubelt. Doch jetzt werden ein paar offene Schecks nachgereicht, die unsere Werte infrage stellen und uns damit konfrontieren, wer wir eigentlich sein wollen.

Der Film ist einerseits lustig, aber auch sehr berührend ...

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Die Hauptrollen in "Roads" spielen Stéphane Bak und Fionn Whitehead (v.l.)

(Foto: Studiocanal GmbH)

Trotzdem haben wir beim Drehen dieses Films wahnsinnig viel gelacht, gefeiert und in irgendeinem südspanischen Resort Minigolf gespielt. (lacht) Wir wollen keine sauertöpfische Miene aufsetzen und mit erhobenem Zeigefinger auftreten. Wir wissen selbst nicht, wo genau in dieser Situation oben und unten ist. Wichtig ist nur, sich dem Thema zu stellen und darüber mehr zu erzählen als das, was wir aus den "Tagesthemen" kennen.

Was das Sujet angeht, haben "Roads" und "Victoria" auf den ersten Blick nicht viel gemein - oder gibt es da doch Parallelen?

Nun ja, man darf eins nicht vergessen: Die Namensgeberin bei "Victoria" ist eine Migrantin. Sie ist nach Berlin gegangen, weil sie in Spanien keine Perspektive hatte. In "Victoria" geht es um eine Nacht in Berlin, in "Roads" um einen Sommer in Europa. In beiden Fällen dreht sich die Handlung um junge Leute, die sich im Moment ihrer größten Einsamkeit begegnen und zusammenhalten. Insofern könnte man bei den beiden Filmen schon von einer Geschwister-Beziehung sprechen. Aber wahrscheinlich sind sie eher Cousins. (lacht)

Sie sind nicht nur Regisseur Ihrer Filme, sondern mindestens auch Mitautor und seit "Victoria" auch Produzent. Sind Sie ein Kontrollfreak?

Na ja, "Victoria" war natürlich vom Erlebnis des totalen Kontrollverlustes geprägt. Da hatte jeder vollkommene Teilhabe und ich konnte niemanden groß kontrollieren. In dem Moment, als es losging, haben sie gemacht, was sie wollten. (lacht) Aber ansonsten ist es doch so: Kontrolle gibt es eh. Da will ich sie lieber selbst haben, als dass mir jemand sagt, was ich tun und lassen soll. Man muss aber auch klar sagen, dass das auch Verantwortung mit sich bringt. Vor allem, wenn es darum geht, selbst zu produzieren. Man hat dann ein kleines mittelständisches Unternehmen. Das ist schon eine andere Art von Freiheit.

Wie suchen und finden Sie eine Geschichte wie die von "Roads"?

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Einst arbeitete Schipper auch als Schauspieler, etwa im "Tatort", doch inzwischen hat er sich voll und ganz auf die Arbeit hinter der Kamera verlegt.

(Foto: Studiocanal GmbH / Eniac Martinez)

Es gibt immer viele Ideen. Eine war, dass ich schon immer mal einen Film über den Sommer drehen wollte. Für mich persönlich ist "Roads" deshalb auch ein Sommerfilm. "Victoria", aber auch mein Film "Absolute Giganten" spielen dagegen in einer Nacht. Für mich sind das vom Gefühl her sehr ähnliche Dinge: mit Freunden eine Nacht oder mit einem Kumpel den Sommer verbringen.

Wie hat sich die Idee zu der Geschichte dann weiter entwickelt?

Ich glaube, der allererste Gedanke war, dass zwei mit einem geklauten Auto quer durch Europa fahren. Zu einer richtigen Filmidee wurde es aber erst, als Oliver (Oliver Ziegenbalg, mit Sebastian Schipper Autor des Drehbuchs, Anm. d. Red.) und mir klar wurde, in welcher Welt die Geschichte spielen soll und was das Ziel ist. Wir wollten nicht nur irgendein Roadmovie machen, in dem man irgendwo hingurkt. Wir fragten uns: Was passiert auf dieser Reise mit dem, der das Auto klaut? Wo will er hin? Wen trifft er? Dann wurden es zwei 18-Jährige. Dann kam der eine aus dem Kongo und der andere aus London. In dem Moment haben wir beide uns erschrocken ...

... weil Sie auf das Flüchtlingsthema gekommen sind ...

Ja, wir wollten das zunächst gar nicht und befürchteten, uns zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Wir dachten: "Da kann man nur etwas falsch machen." Aber das Thema hat uns nicht mehr losgelassen. Es ging nicht mehr nur darum, einen Film zu machen, den wir für eine gute Idee halten, sondern einen, an dem wir uns abarbeiten.

Der Film spielt auch in Calais. Das kommt im Film sehr authentisch rüber ...

Es war mir wichtig, dass Calais im Film eine Rolle spielt, weil es das ja nun mal auch in der Realität tut. Wir haben allerdings nicht in Calais gedreht, sondern in Dünkirchen. Calais hat uns keine Drehgenehmigung gegeben.

Haben Sie sich dennoch von der Situation in Calais selbst ein Bild gemacht?

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Schipper (hier mit Bak am Set) will, dass sich die Menschen mit der Flüchtlingsfrage beschäftigen.

(Foto: Studiocanal GmbH / Eniac Martinez)

Ja, ich habe mir das vor dem Dreh angeguckt. Das war sehr eindrucksvoll. So eindrucksvoll, dass die letzten 10 bis 15 Minuten des Films komplett umgeschrieben wurden, nachdem ich das erste Mal in Calais gewesen bin. Ich hatte großen Respekt vor dem Schluss des Films und den Tragödien, die sich in Calais abspielen. Aber als ich gesehen habe, wie sich dort auch junge Menschen aus ganz Europa engagieren und erstmal - jenseits von erhobenem Zeigefinger und Moral - einfach nur helfen, hat sich das bei mir tief eingebrannt. Da geht es nicht um politischen Diskurs, sondern darum, dass die Menschen Essen und Kleidung brauchen. Und die Helfer sagen einfach nur: Wir sind in Europa. Hier hungert keiner.

Sie haben gesagt, auch Ihnen gehe es nicht um den erhobenen Zeigefinger. Hat "Roads" dennoch eine Message?

Wenn es eine "Message" gibt, dann die, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe als Filmemacher die Möglichkeit dazu, sehe mich deshalb aber überhaupt nicht überlegen. Ich bin dem Thema Migration gegenüber auch viel ambivalenter, als es mit Blick auf den Film vielleicht erscheinen mag. Natürlich ist die schamlose Art, wie rechte Stimmen in Europa laut werden, eklig. Aber die Unbeholfenheit und Distanziertheit, die das bürgerlich-liberale Spektrum zum Teil zu dem Thema hat, ist mir auch unangenehm. Ich glaube wirklich, meine einzige Botschaft wäre, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen. Wir können nicht so tun, als ob es das nicht gäbe. Zu welchem Schluss wir dann kommen, muss und darf jeder selbst entscheiden.

Mit Sebastian Schipper sprach Volker Probst

"Roads" läuft ab sofort in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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