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Geschafft - der Krieg ist vorbei.
Geschafft - der Krieg ist vorbei.(Foto: dpa)
Donnerstag, 26. Oktober 2017

"Die Unsichtbaren" : Versteckt in Nazi-Deutschland

Von Sabine Oelmann

Was für ein großartiger Film! "Die Unsichtbaren - Wir wollen leben" erzählt die wahre Geschichte von vier jungen Berliner Juden, denen es mit viel Einfallsreichtum gelungen ist, sich im Alltag "unsichtbar" zu machen und so der Deportation zu entkommen.

Berlin, 1943. Das Nazi-Regime hat die Reichshauptstadt offiziell für "judenrein" erklärt. Doch einigen Juden gelingt das Unvorstellbare: Sie werden "unsichtbar" für die Behörden. Oft ist es pures Glück und ihre jugendliche Unbekümmertheit, die sie vor dem gefürchteten Zugriff der Gestapo bewahrt. Nur wenige Vertraute - selbst hochgradig gefährdet - wissen von ihrer wahren Identität. Das Ganze wird von den vier Menschen erzählt, von denen der Film handelt. Er wechselt hin und her zwischen Dokumentar- und Spielfilmformat und es ist schwer, zu entscheiden, welche Erzählform besser ist: Wenn die wahren Menschen, inzwischen alt, von ihren Erlebnissen und Erfahrungen berichten, wenn wir sie sehen, wie sie nachdenken, lachen, noch immer betroffen berichten und selbst kaum glauben können, dass sie es geschafft haben. Das ist rührend, spannend, großartig erzählt. Oder wenn der Spielfilm das Leben der jungen Leute erzählt - denn das ist großartig gespielt.

Max Mauff als Cioma Schönhaus
Max Mauff als Cioma Schönhaus(Foto: dpa)

Da ist zum einen Cioma Schönhaus (Max Mauff), der heimlich Pässe fälscht und so das Leben Dutzender anderer Verfolgter zu retten versucht. Ein junger, sensibler Mann mit dem absoluten Drang, aus dieser Situation hinauskommen zu wollen. Seine eigene Tollpatschigkeit steht ihm manchmal im Weg, aber immer wieder gibt es Menschen, die schützend die Hände über ihn halten. Er schlägt sich allein durch, verliert seine Eltern, lernt Verbündete kennen und Nächstenliebe. Als älterer Herr dann, als Erzähler, ist er ein Mann mit Witz und Charme, dem am Ende doch die Tränen kommen, als er, sicher nicht zum ersten Mal, begreift, mit wie viel Glück er dieser Hölle entkommen ist.

Alice Dwyer als Hanni Lévy beziehungsweise Hannelore Kaufmann
Alice Dwyer als Hanni Lévy beziehungsweise Hannelore Kaufmann

Die junge Hanni Lévy (Alice Dwyer) blondiert sich die Haare und ändert ihren Namen, um als angebliche "Arierin" unerkannt über den Ku'damm "spazieren" zu können. Dabei sind diese "Spaziergänge" nichts anderes als "Zeit totschlagen", denn die Verstecke der jungen Menschen sind nicht sicher, immer müssen sie auf der Hut sein, stets damit rechnen, alles stehen und liegen lassen zu müssen. Hannis größtes Problem ist die Einsamkeit. Und dass sie auf eine gewisse Art ihre Identität in der Illegalität verloren hat.

Als ältere Dame erzählt auch sie mit Humor und ohne Bitterkeit von der Zeit, die sie fast das Leben gekostet hätte. Überhaupt scheint das Vergeben eine große Rolle zu spielen. Und die Erfahrung, dass es auch andere Menschen als Nazis gab damals in Deutschland. Schauspieler und reale Personen ermöglichen es dem Zuschauer, sich hervorragend in die Figuren hineinversetzen zu können - in diese jungen Menschen, die auf jeden Fall leben wollten.

Es geht um Leben und  Tod

Aaron Altaras (r.) als Eugen Friede und Andreas Schmidt als Hans Winkler
Aaron Altaras (r.) als Eugen Friede und Andreas Schmidt als Hans Winkler

Eugen Friede (Aaron Altaras) verteilt nachts im Widerstand Flugblätter. Tagsüber versteckt er sich in der Uniform der Hitlerjugend und im Schoße einer deutschen Familie. Auch hier wird die Geschichte so unglaublich plastisch, weil der echte Eugen Friede in seinen Erzählungen so ungeheuer authentisch ist, sich an so vieles erinnert. Seine gütige Art ist einnehmend. "An dem Tag begann meine Illegalität", erzählt er in einer Szene, und der Zuschauer erlebt mit ihm, was das bedeutet. Zum Beispiel: "Ich habe vermieden, anderen ins Gesicht zu gucken."

Ruby O. Fee als Ruth Arndt
Ruby O. Fee als Ruth Arndt

Und schließlich ist da noch Ruth Arndt (Ruby O. Fee), die als Kriegswitwe getarnt NS-Offizieren Schwarzmarkt-Delikatessen serviert. Wäre es keine wahre Geschichte, man hielte sie für konstruiert und unmöglich. Schön an dem Film, dass die Helfer in ihrer Komplexität, ihrer Zerrissenheit und ihrem Drang, das Unmögliche möglich machen zu wollen, ebenfalls so gut dargestellt werden, denn sie alle kämpfen für ein Leben in Freiheit, ohne wirklich frei zu sein.

Illegalität - bedrückend aktuell

Selbst als Werner Scharff (Florian Lukas), einem Freund und Widerstandskämpfer, die Flucht aus Theresienstadt gelingt und er erzählt, was dort vor sich geht, fällt es den anderen durch die Bank schwer, ihm die schrecklichen Geschichten zu glauben, die er von Vergasung und Zuständen im Konzentrationslager erzählt. Man konnte einfach nicht glauben, was da geschah. Er versucht, zum Widerstand aufzurufen und findet in Hans Winkler, einem Justizangestellten und Nazi-Gegner (bei dem Eugen Friede untergekommen ist), einen Verbündeten. Sein Wirken sollte jedoch nur noch von kurzer Dauer sein: Scharff wurde 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen erschossen.

Der Film transportiert eindringlich, wie mutig die Menschen in ihrer Verzweiflung waren, was sie alles in Kauf genommen haben. Das waren junge Menschen mit Träumen von einem Leben - mit Träumen, die absolut nachvollziehbar sind und die jeder junge Mensch hat. Niemand kann "einfach so akzeptieren", warum sein Leben weniger gelten sollte als das anderer. Bedauerlich, wie aktuell die Tatsache ist, dass sich auch heute noch immer Hunderttausende Menschen in der Illegalität bewegen müssen.

Bedrückend, wie das in der Sprache und in den Handlungen der Nazis geklungen hat. Ein Schlag ins Gesicht, jeden Tag aufs Neue. Das auszuhalten und sich "unsichtbar" zu machen, ist auch im Nachhinein noch phänomenal.

"Die Unsichtbaren" schildert ein erstaunlich unbekanntes Kapitel des jüdischen Widerstands während der Zeit des Nationalsozialismus. Das Drehbuch basiert auf Interviews, die Regisseur Claus Räfle und seine Ko-Autorin Alejandra López mit Zeitzeugen geführt haben. Einfühlsam, beklemmend und dennoch humorvoll verweben sie die Spielhandlung mit Interviewausschnitten und Archivaufnahmen zu einem dichten, emotional bewegenden Ensembledrama. Neben den vier Nachwuchsstars zählen Florian Lukas, Steffi Kühnert und der leider vor Kurzem verstorbene Andreas Schmidt zum hochkarätigen Cast.

"Die Unsichtbaren" läuft ab sofort im Kino.

Quelle: n-tv.de

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