Kino

Sch'tis mischen Paris auf Wasch für Blödbommel, hä?

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Valentin (Dany Boon) und seine Freundin Constance (Laurence Arné) sind feste Größen in der Pariser Designerszene.

Concorde Film

Zehn Jahre nach seinem Triumphzug kehrt der nordfranzösische Dialekt Sch'ti in die Kinos zurück. Humorvoll nimmt "Die Sch'tis in Paris" nun die Schickimicki-Gesellschaft der Hauptstadt aufs Korn. Doch der Film hat ein großes Problem.

Plötzlich ist es wieder da, dieses einprägsame "hä?", das schon vor zehn Jahren nur mit großer Mühe wieder aus den Hirnwindungen verschwand. Damals bekannte sich Regisseur Dany Boon mit "Willkommen bei den Sch'tis" humorvoll zu seiner nordfranzösischen Heimat, deren Einwohner Sätze gerne mal mit "hä?" beenden. Bis heute ist die Komödie mit mehr als 20 Millionen Zuschauern in Frankreich der erfolgreichste heimische Film, noch vor "Ziemlich beste Freunde". Nun ertönt der gewöhnungsbedürftige Sch'ti-Dialekt wieder in den Kinosälen. Doch in "Die Sch'tis in Paris" kommt es zu einem großen Missverständnis.

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Wie schon bei seinem Erfolg von 2008 tut Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Boon auch diesmal der Sch'ti-Heimat seine Liebe kund. "Man darf niemals vergessen, woher man kommt, vor allem wenn man es geschafft hat", sagt Boon. Passend dazu zeigt er nun die Geschichte des angesagten Möbeldesigners Valentin D. (Boon), der in der hippen Pariser Kunstszene seit 25 Jahren aus Scham seine proletarische Sch'ti-Herkunft verschweigt, ja sogar dialektfrei behauptet, Waise zu sein. Der Schwindel fliegt auf, als Valentins quicklebendige Familie überraschend auf einer Vernissage von ihm und seiner Freundin Constance (Laurence Arné) auftaucht und das Leben der beiden mächtig durcheinanderwirbelt.

Noch turbulenter wird es, als Valentin vom Auto angefahren wird. Fortan befindet er sich im mentalen Alter von 17 Jahren, spricht Sch'ti statt Lehrbuch-Französisch, von Savoir-vivre keine Spur. Es entspinnt sich ein Chaos, in dem Valentin zwischen zwei völlig gegensätzlichen Lebenswelten hin und her taumelt. Für den Zuschauer ist das vor allem lustig, weil der dreifaltige Boon auf sein altes Erfolgsrezept zurückgreift: Valentins Bruder Gustave (Guy Lecluyse), seine Schwägerin Louloute (Valérie Bonneton), seine Mutter (Line Renaud) und schließlich er selbst parlieren Sch'ti - also den Dialekt, bei dem "s" und "sch" vertauscht werden und dessen Sprecher dabei klingen, als hätten sie eine heiße Kartoffel im Mund. Das sorgt für viele Verständnisprobleme und ist auch noch beim 20. Mal irre witzig.

Hä?

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Valentins Mutter (Line Renaud), sein Bruder Gustave (Guy Lecluyse) und dessen Frau Louloute (Valérie Bonneton) tauchen überraschend bei Valentins Vernissage auf.

(Foto: Concorde Film)

Allein, diesmal vermögen der Sch'ti-Dialekt und amüsante Worte wie "Gottverdaulicher" oder "Blödbommel" filmische Schwächen nicht vollkommen wettzumachen. Noch bevor der Film richtig in Fahrt kommt, wird fast jeder Zuschauer enttäuscht, der "Willkommen bei den Sch'tis" gesehen und lieben gelernt hat. Dort spielten Boon, Renaud und Lecluyse ebenfalls die Hauptrollen. Da allerdings die Handlungen beider Filme unabhängig voneinander, die Gesichter aber die gleichen sind, entfährt dem Zuschauer schon zu Beginn ein dickes "hä?". Als dann auch noch Kad Merad - im ersten Teil noch in der Hauptrolle - in einer Szene auftaucht und obendrein sich selbst spielt, ist die Verwirrung komplett. Hä?

Wer also bei "Die Sch'tis in Paris" eine klassische Fortsetzung des ersten Sch'ti-Films erwartet, wird enttäuscht. Zwar stammen mit Boon, Renaud, Lecluyse und Pierre Richard (als Valentins griesgrämiger Vater) gleich vier Hauptdarsteller aus dem Norden und verleihen so dem neuen Film selbst im fernen Paris Authentizität. Wegen deren Vorgeschichte als Sch'ti-Darsteller ist die Besetzung aber unvorteilhaft. Oder auf Sch'ti ausgedrückt: Regisseur Boon war bei der Auswahl ein Blödbommel. Denn durch das entstandene Missverständnis kommt seine abermalige Liebeserklärung an die Heimat holprig daher.

"Arsch mit Ohren" als unfreiwilliger Botschafter

Immerhin sorgt das Gesamtpaket aus guten schauspielerischen Leistungen, viel Sch'ti-Humor und einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik dafür, dass Boons zweite Botschaft deutlicher ankommt. "Man kann reich werden, aber nicht vergessen, wo man herkommt", mahnt Valentins Maman, als sie erkennt, dass das Herz ihres erfolgreichen Sohnes vom rechten Fleck ins Portemonnaie abgedriftet ist. Für seinen Papa ist er deshalb ein "Arsch mit Ohren".

Durch den unfreiwilligen Neustart seiner Hirnzellen bekommt Valentin vor Augen geführt, wie abgehoben er und seine Pariser Künstlerkollegen doch sind. "Deren Snobismus besteht darin, dass sie sich für intelligenter halten", sagt Boon. Fürwahr, im Vergleich zur laut Boon "realitätsfernen, mondänen Bourgeoisie" sind die Sch'tis "nicht die hellsten Kerzen am Baum" (Zitat Louloute). Doch sie sind ehrlich und bodenständig, was sie mitnichten zu schlechteren Menschen deklassiert. Das erkennt Constance zuerst und lernt ungeachtet ihrer eigenen regionalen und sozialen Herkunft Sch'ti - aus Liebe zu ihrem einst kultivierten Valentin und allen Attacken der Schwiegermutter zum Trotz. Und so nimmt Boon nicht nur die Hauptstadt-Bohème, sondern ganz nebenbei auch die Provinzler aus dem Norden aufs Korn.

Zwar glückt Boon die erzählerische Gratwanderung zwischen Gesellschaftskritik und Heimatverbundenheit. Allerdings ist dieser Spagat wegen des Cast-Missverständnisses recht mühsam, weil die Sehnsucht nach den alten Sch'tis bis zum Schluss mitschwingt. Dennoch ist der Film kein "Schissdrack", sondern unterhaltsames französisches Familienkino. Am Ende des temporeichen Films bleibt die Erkenntnis, dass auch Abwege nach ganz oben führen können - und dass jeder unabhängig der sozialen Herkunft auf seine Art ein Blödbommel ist.

"Die Sch'tis in Paris. Eine Familie auf Abwegen" startet am 22. März in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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