Kino

In Campinos DNA steht "Ärger" "Weil du nur einmal lebst" im Kino

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"Tage wie diese" haben die Toten Hosen eigentlich immer.

Seit 36 Jahren spielen sie ihre Lieder, und seit 36 Jahren geht es aufwärts und immer weiter mit der Band, die einst den Punk als Gegenentwurf zur biederen westdeutschen Realität der späten 70er und frühen 80er Jahre in den Vordergrund stellte. Auch heute noch sind Politik, Spaß und Provokation keine Widersprüche - für Campino, den Sänger und Texter, ist die Band eine Lebenseinstellung. Über 19 Millionen verkaufte Tonträger haben nichts daran geändert, dass "die Hosen" auch weiterhin auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen und in ihrem Umfeld, mit ihren Fans und der immer gleichen Crew sozial und loyal umgehen. "Bis zum bitteren Ende" haben sich viele Fans und Crewmitglieder in die Haut tätowieren lassen.

Nach Campinos Hörsturz und einigen ausgefallenen Konzerten der Tour 2018 ist der Band bewusst geworden, dass es irgendwann vielleicht nicht mehr weitergeht. Cordula Kablitz-Post wagt sich daher in die Männerdomäne und begleitet die Toten Hosen auf ihrer Rekordtournee "Laune der Natour". Sie zeigt eine Band, die jeden Tag auf der Bühne schätzt, und reist mit den Jungs durch Deutschland und die Schweiz bis nach Argentinien, wo die Hosen seit 26 Jahren die enthusiastischsten und treuesten Fans außerhalb des deutschsprachigen Raums haben.

Kablitz-Post erhielt für ihre Porträtreihe "Durch die Nacht mit …" den Grimme-Preis und zeigt die Band während der Tour auf der Bühne, Backstage und im Tourbus. Christopher Rowe und Matthias Schellenberg filmen dabei nach dem "Fly on the wall"-Prinzip, für die Co-Regie bei den Konzerten konnte der renommierte Musikfilmregisseur Paul Dugdale gewonnen werden, der bereits mit Coldplay und den Rolling Stones zusammengearbeitet hat. Mit Campino und Cordula Kablitz-Post spricht n-tv.de über sensible Tage, Verantwortungsgefühl und die unbändige Liebe der Band zur Musik und ihren Fans.

n-tv.de: Ihr hattet ganz schön zu tun vor, während und nach der Berlinale, bei der euer Film Premiere gefeiert hat ...

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Es gibt doch nichts Schöneres ...

(Foto: © avanti media fiction 2019)

Campino: Es gibt doch nichts Schöneres, als über etwas zu reden, das einen interessiert, berührt und von dem man sich emotional auch noch gar nicht abgekoppelt hat. Wir sprechen also gern über unseren Film (lacht).

Sehr gut. Das ist ein sehr emotionaler Film, ein Film, der einen an Stellen, wenn zum Beispiel "Tage wie diese" mit vollem Wumms mitgegrölt wird, zum Heulen bringen kann.

Cordula Kablitz-Post: Na, dann haben wir ja alles richtig gemacht (lacht).

Den Film zu realisieren, das musste ganz schön schnell gehen, oder? Der Anruf kam und - zack - dann leg' mal los, Cordula.

Cordula: Erstmal hat natürlich die große Freude überwogen, dass die Band das überhaupt will, denn ich hatte ja schon früher mal angefragt. Da war der Zeitpunkt anscheinend noch nicht richtig … Mein Problem war dann eher, die Filmförderungsanträge bewilligt zu bekommen, und zwar möglichst schnell. Es war keinem in der Band klar, dass das sehr lange dauern kann (lacht). Und eine Bewilligung für einen Kinofilm zu bekommen, ist sehr viel mehr Aufwand als fürs Fernsehen, was zum Beispiel Kameras und so weiter angeht. Das dauert normalerweise drei bis vier Monate. Wir hatten immerhin sieben Kameras.

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Wie lange sind wir noch in Form?

(Foto: © avanti media fiction 2019)

Was hat die Band schließlich bewogen, dem Projekt zuzustimmen?

Campino: 2017, als das Thema zum ersten Mal aufkam, waren wir noch zu müde vom Album, Interviews, der Aufmerksamkeit der Medien. Wir hatten schon einmal bei einer Doku mitgemacht, und generell sind wir als Band nicht so erpicht darauf, dass immer eine Kamera auf uns gerichtet ist (lacht). Trotzdem wühlte diese Anfrage irgendetwas in uns auf, und dann kam der Gedanke: "Es läuft gerade echt gut, wir sind in Form - und wer weiß schon, was in fünf Jahren ist? Lasst das mal schnell mitnehmen."

Ist man nicht auch geschmeichelt bei so einer Anfrage?

Campino: Geschmeichelt nicht, aber wir haben uns über das Interesse gefreut. Uns war jedoch sofort klar, dass das jetzt keine Streicheleinheit wird, sondern auch Arbeit bedeutet. Es ist ja keine Hofberichterstattung (lacht). Die Herausforderung bei so einem Projekt ist, etwas über sich selbst zu erfahren. Was wir besonders spannend fanden als ein von Männern durchsetzter Betrieb: Wie schaut eine Frau auf das Geschehen? Ich dachte mir, sie würde bestimmt mehr auf die emotionalen Dinge eingehen als auf die technischen ... Für mich war das ein interessanter Aspekt. Gleichzeitig war ich mir sicher, dass die Zusammenarbeit von Cordula, die in ihrem Metier sehr gut ist, mit Paul Dugdale als Konzertregisseur eine tolle Verbindung sein würde.

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Es gab auch sensible Tage ...

(Foto: © avanti media fiction 2019)

Und?

Campino: Wir sind sehr froh über das Ergebnis!

Wie bist du denn in die Männerwirtschaft reingekommen? Du bist nah dran, ohne den Herren zu sehr auf der Pelle zu hängen …

Cordula: Wir haben die Jungs ganz behutsam an die Kamera gewöhnt, und wir haben einfach viel gedreht. Ich kenne das Prinzip aus der Sendung - die ich noch immer mache, auf Arte - "Durch die Nacht mit ..."

Campino: … bei dem Format habe ich auch schon mitgemacht, mit Klaus Maria Brandauer …

Cordula: … genau, und ich wusste, wie Campino das findet, so zu arbeiten. Man vergisst die Kamera irgendwann. Jetzt war es natürlich viel extremer. Wir hatten 26 Drehtage. Und es gab auch Ermüdungserscheinungen, da konnte die Band uns bestimmt nicht mehr sehen  (lacht) … Es gab schon sensible Tage, vor allem, als Campino die Probleme mit dem Ohr hatte. Da schmeißt er auch schon mal mit dem Handtuch nach einem (lacht). Das war so ein Moment, in dem ich dachte: "Oh je, jetzt bloß nicht übertreiben."

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Text, Noten Reihenfolge - alles muss sitzen!

(Foto: © avanti media fiction 2019)

Ich finde grundsätzlich, dass die Band untereinander schon ganz schön streng mit sich ist, vor allem, was die Ansprüche an sich selbst und die anderen angeht. Ich hätte auch nie gedacht, dass ihr so dermaßen viel probt und so perfektionistisch seid!

Campino: Ich habe das natürlich völlig verinnerlicht, wie das bei uns so abläuft. Aber wenn wir jetzt eh schon darüber sprechen: Wir haben wahrscheinlich tatsächlich mehr mit einem Sportverein gemein als mit Musik und Kunst (lacht). Die meisten denken, wir müssten nicht mehr proben, weil wir die Songs schon seit dreißig Jahren kennen und spielen, aber man würde doch auch keinen Fußballer fragen, ob er es noch nötig hat, zu trainieren, oder? Auch wir müssen im Training bleiben, die Abläufe müssen sitzen, das muss auch mal im Dunkeln über die Bühne gehen, und da muss man immer wieder aufs Neue einen Zugang zu jedem Lied finden. Ein Lied ist ja kein Holz, das man schnitzt und das dann fertig in der Ecke steht. Ein Song lebt weiter und kann an Aussagekraft verlieren oder gewinnen, je nach Kontext. Wenn wir z.B. "Willkommen in Deutschland" spielen und am Abend vorher gab es einen fremdenfeindlichen Angriff auf Asylbewerber, hat das Lied eine besondere Bedeutung.

Nervt es euch als Band eigentlich, dass ihr immer die ersten sein sollt, die was sagen, die aufstehen, die sich politisch auch festlegen, wenn es in Deutschland mal wieder rumort, Stichwort "Echo" oder "Chemnitz" …

Campino: Ich habe nicht das Gefühl, dass wir immer die ersten sind. Natürlich ist man es manchmal schon leid oder müde, aber wenn du mich fragst, kann man sich nicht erlauben, sich nicht gegen Terror oder Nazis zu äußern. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich das tun muss. Es ist mein Wesen, meine Erziehung, das bin ich meinen Eltern schuldig, für das, was sie mir für mein Leben mitgegeben haben. Ursprünglich wollte ich ehrlich gesagt gar nicht zum Echo gehen, weil ich wusste, was da auf mich zukommt. Bis kurz vor der Veranstaltung stand noch nicht fest, ob ich das tatsächlich machen würde, weil ich nicht schon wieder derjenige sein wollte, der aufsteht. Dann sagte mir aber jemand in meinem Umfeld: "Wenn du es nicht machst, wer dann? Einer muss es tun!", und das hat mir den letzten Impuls gegeben. Ich habe dann den anderen in der Band gesagt, sie könnten zu Hause bleiben, um für die China Tour zu packen, und bin alleine hingegangen. Aber wir mussten uns einfach positionieren. In meiner DNA steht doch auch "Ärger" bereits eingeritzt (lacht).

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Lasst mal die Opis draußen? Bitte nicht!!

(Foto: © avanti media fiction 2019)

Hast du das Gefühl, dass ihr neue Fans gewonnen habt durch diese Positionierung, es ist ja neues Leben in der Demo-Kultur …

Campino: Es würde mich zumindest freuen, wenn wir diesen Funken durch unser Verhalten weiterreichen können. Ich glaube zwar nicht, dass man jemanden grundsätzlich durch Musik oder unsere Aussagen ändern kann, aber vielleicht entfachen wir ein Feuer in den Leuten, in denen sowieso schon eine Glut lodert. Für uns war es eine Riesenehre von diesen jungen Bands - Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet, Marteria - mit ins Boot in Chemnitz geholt zu werden, dass die nicht gesagt haben: "Lasst mal die Opis draußen!", sondern dass wir alle an einem Strang ziehen.

Sehr poetisch - zurück zum Film: Andi guckt vor einem Konzert durch den Zaun, um zu sehen, welche Fans als erste ins Stadion rennen, um in der ersten Reihe zu stehen.

Campino: Ich finde so etwas wichtig und gehe vor dem Konzert auch auf die Bühne hinter den Vorhang um zu spüren, welche Atmosphäre in der Halle herrscht.

Ihr seht "uns" also ...

Campino: (lacht) Wir achten auf euch, ja.

Jetzt aber wirklich zurück zum Film: Wie tickt denn diese Band nun? Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

Cordula: Das größte "Geheimnis" ist, dass die Jungs Freunde sind. Die Band-Chemie funktioniert darüber, dass jeder seine Rolle hat. Dass jeder was anderes supergut kann und dass sie sich ergänzen. Die sind total autark mit ihrer eigenen Plattenfirma, mit ihrer Organisation der Tourneen, das ist unglaublich toll, und das ist ja auch der ursprüngliche Punk-Gedanke, sich nicht von irgendeinem Major reinreden zu lasen. Das war ein konsequenter Move zu sagen: Wir machen alles alleine!" Und seit leider der Band-Manager starb vor zwei Jahren hat jeder noch ein Stück mehr Verantwortung übernommen. Das hält sie alle zusammen, glaube ich. Ein eingespieltes Team ist das, seit über 37 Jahren.

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Campino: Mein Grundsatz ist: "If something works, don't fix it." Das geht ganz stark in die Richtung, die Cordula beschrieben hat. Allgemeingültiger gesagt ist es so: Jeder von uns hat seinen Platz gefunden und ist eine Autorität in seinem Bereich. Breiti hat die Bandkasse unter Kontrolle. Andi kümmert sich um die Videos und ist der Vermittler zwischen verschiedenen Stationen, Kuddel ist der musikalische Direktor, eine Instanz, ich bin das Sprachrohr. Und keiner ist neidisch auf den Job des anderen!

Mit Cordula Kablitz-Post und Campino sprach Sabine Oelmann

"Weil du nur einmal lebst" kommt am 28. März ins Kino. Durch das hochwertige Dolby-Atmos-Verfahren wird der Film auch in den größten und modernsten Kinos gezeigt, damit die Fans ihn sowohl optisch als auch akustisch als besonderes Event erleben. Und eine Kinokarte ist viel günstiger als ein Konzertticket, also nichts wie hin!

Quelle: n-tv.de

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