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Corinna Harfouch: Großes Spiel Wenn Nähe süchtig macht

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Corinna Harfouch spielt in "Lara" eine Mutter, der der Sohn entglitten ist.

(Foto: STUDIOCANAL / Frederic Batier)

Die Liebe ihres Sohns scheint verloren, doch Lara gibt den Kampf nicht auf. Der gleichnamige Film von "Oh Boy"-Regisseur Jan-Ole Gerster erzählt, wie aus geteilter Leidenschaft Missbrauch entsteht. Hauptdarstellerin Corinna Harfouch spricht mit n-tv.de darüber, wieso Eltern nicht loslassen können und Schauspieler keinesfalls die besseren Lügner sind.

n-tv.de: Spielen Sie eigentlich ein Instrument?

Corinna Harfouch: Ne. Ich komme aus gar keinem musischen Umfeld.

Was ist dann Ihr Zugang zu klassischer Musik?

Ich habe als Jugendliche mehr so aus Protest gegen mein Umfeld angefangen, klassische Musik zu hören. Es gab eine Frau in meiner kleinen Stadt Großenhain, die hat mir - das weiß ich noch - das Violinkonzert von Beethoven vorgespielt. Wir haben es fortan mehrmals die Woche auf Schallplatte gehört.

Was hörte denn Ihr Umfeld?

Die hörten Radio. Wir hatten nicht mal einen Plattenspieler zu Hause. Wenn mein Vater fröhlich war, hat er manchmal ein Volkslied angestimmt. Ich habe viel mit meiner Mutter und meinen beiden Schwestern vierstimmig gesungen. Ich war auch im Chor. Da fällt mir ein: Ich habe auch Xylophon gespielt. Aber Noten habe ich nie gelernt. Ich habe keine klassisch bürgerliche Ausbildung in der Hinsicht.

Fiel es Ihnen vor dem Hintergrund leicht, sich in die Welt von "Lara" reinzudenken? In Ihrem Leben spielt klassische Musik schließlich eine entscheidende Rolle!

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Ich habe viel aus meiner Freundschaft zu der Pianistin Hideyo Harada profitiert. Mit ihr und ihrem Mann habe ich viele unglaublich gute Gespräche über Musik geführt. Hideyo spielt Klavier seit ihrem vierten Lebensjahr - wie sie behauptet, leidenschaftlich und aus eigenem Willen. Sie hat schon als Kind große Widerstände überwinden müssen. Sie hat so kleine Hände und doch spielt sie so kraftvoll. Wie sie das macht, ist mir schleierhaft. Jeden Tag übt sie acht Stunden. Es ist mir nahezu unbegreiflich, aber sie tut es einfach. Sie tut es selbst in den Phasen, in denen sie wirklich Schmerzen hat. Wenn sie über Musik spricht, hat das nichts Technisches, es ist ein reines, tiefes Einsteigen in diese Welt. Jede Kunst eröffnet immer auch eine Welt voller Möglichkeiten, sich in ihr auszudrücken.

"Lara" spielt vor der besonderen Kulisse eines Konzerts, behandelt im Kern aber eine ungesunde Beziehung von Mutter und Sohn. Wieso können Eltern es nicht lassen, sich in den Kindern verwirklichen zu wollen. Und wieso können Kinder umgekehrt nicht aufhören, den Eltern gefallen zu wollen?

Im Fall von Lara und ihrem Sohn könnte es ganz harmlos angefangen haben, lange bevor Missbrauch stattfindet. Als Mutter zeigst du deinem Kind, was du schön findest. Vielleicht sitzt der Kleine zufällig am Klavier und sie zeigt ihm die C-Dur-Tonleiter. (summt) Dadadada … Es gefällt dem Kind, wenn es der Mutter gefällt. Das fängt ganz sanft und sachte an: Der Ton, der Anschlag, das ist erst einmal interessant. Und plötzlich ist da eine ganz besondere Nähe zwischen den beiden, eine differenzierte Tiefe. Erstmal ist das aber noch nichts anderes, als wenn andere Kinder mit ihrem Vater auf den Traktor steigen und der zeigt denen dann, wie das geht.

Wo genau beginnt dann der Missbrauch?

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In "Lara" spielen Corinna Harfouch und Tom Schilling eine dysfunktionale Mutter-Kind-Beziehung.

(Foto: STUDIOCANAL / Frederic Batier)

Das Kind ist stolz und die Mutter ist stolz. Auf einmal erweist sich das Kind als talentiert. Lara zum Beispiel hat ihren Sohn jahrelang unterrichtet. Ich bin selber Mutter, ich habe so etwas nie gemacht. Dafür hatte ich auch keine Zeit. (lacht) Aber ich kann mir vorstellen, dass die Nähe der gemeinsamen Stunden süchtig macht. Die Mutter zeigt dem Kind, worin es wirklich gut sein kann. Es müsste jetzt nur einen Schritt weitergehen, aber die Mutter schafft es nicht, loszulassen. Und da fängt der Missbrauch an.

Wieso müssen meist die Kinder die Kraft aufbringen, die Situation zu verändern?

Die Kinder sind diejenigen, die mit dem kreierten Zustand in Konflikt geraten. Die Eltern haben ihn geschaffen, sie stören sich nicht daran.

Schauspielerinnen scherzen oder klagen auch mal darüber, dass ihnen ab einem gewissen Alter permanent die Rolle der Mutter angeboten wird. Wie erleben Sie das?

Es gibt viel zu viele Geschichten nach demselben Schema: Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann nimmt sich 'ne Jüngere, die Frau bricht zusammen, weil sie kein eigenes Leben zu haben scheint, sie trauert, dann passieren irgendwelche Sachen. Da habe ich irgendwann gesagt: Für mich ist Schluss mit solchen Frauen! Das spiegelt auch überhaupt nicht meine Erfahrungen wider. Es gibt so viele tolle Frauen, die einfach losmarschieren. Die haben Fantasie, Lebensmut, Kraft und Freude. Die würden nicht gleich zusammenbrechen, wenn ihr Mann sie verlässt. Dieses ewig gleiche Bild lehne ich ab. Aber dass ich älter werde und nicht mehr die Julia spielen kann, finde ich ganz normal. Da muss man nicht weiter drüber nachdenken.

Während vom Film zunehmend diverse Geschichten, mehr Frauenrollen, fortschrittlichere Geschlechterbilder gefordert werden, bringen die Theater immer wieder den alten Stoff auf die Bühne. Daran scheinen sich weniger Leute zu stören. Wie erklären Sie sich das?

Theater ist eine Kunst, die sich zur Zeit äußert. Anhand antiker Stücke etwa kann man immer auch etwas über das Heute erzählen. Sie bleiben aktuell. Aber es stimmt, wir sind am Theater gewissermaßen zum Erfolg verdammt. Wir werden subventioniert und müssen nachweisen, dass unsere Häuser voll sind. Das Publikum besteht aus vielen älteren Herrschaften - schon allein, weil die sich das leisten können. Gleichzeitig ist man, wenn man am Theater arbeitet, umgeben von jungen, kreativen Menschen, die sich den Arsch aufreißen. Wir kämpfen um die jüngere Generation!

Was ist mit zeitgenössischen Autoren?

Es gibt nicht viele Shakespeares, das liegt in der Natur der Sache. Dennoch gibt es viele interessante zeitgenössische Autoren, die tolle Stücke für die Gegenwart schreiben. An den Theatern bleibt es aber schwierig, unbekannte Autoren durchzusetzen.

Jan Ole Gerster hat bei "Lara" auffällig viele kleinere Rollen mit Theatergesichtern besetzt, Kathleen Morgeneyer, Annika Meier und Alexander Khuon. Dadurch bekommen viele Szenen eine ganz andere Qualität. Wieso werden beim Film nicht öfters Schauspieler mit Bühnenausbildung engagiert?

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Jan-Ole Gerster hat bei "Lara" Regie geführt.

(Foto: Filmfest München / Dominik Bindl)

Jan Ole ist jemand, der häufig ins Theater geht - Gott sei Dank. Das interessiert den einfach. Er zieht ganz viel Wissen daraus und kennt deswegen aber auch ganz andere Schauspieler. Dass er zum Beispiel Kathleen Morgeneyer als hochschwangere Chefin besetzt hat, ist eine kreative Besetzungsidee, auf die ein Besetzungsbüro nicht unbedingt gekommen wäre.

Sind solche Casting-Entscheidungen eine Frage des Geldes?

Faulheit spielt sicher auch eine Rolle. Aber unterm Strich ist beim Film alles eine Geldfrage. Als Schauspieler bekommt man ein Drehbuch zugeschickt, das man mag. Es vergeht ein Jahr, es vergehen zwei Jahre. Vielleicht hat man schon einen Vertrag unterschrieben. Dann kommt man zur Leseprobe und hat ein völlig neues Buch vor der Nase, weil in der Zwischenzeit lauter Geldgeber auf Änderungen bestanden haben. Viele Filmemacher arbeiten ununterbrochen daran, ihren Stoff unterzubringen, durchzusetzen und zu finanzieren. Sie gehen lauter kleine und große Kompromisse ein. Fürchterlich! In der Zeit habe ich vier Inszenierungen gemacht, vielleicht irgendwo was gedreht und noch ein paar eigene Projekte realisiert. Es ist mir unbegreiflich, wie man da nicht verrückt werden, verblöden oder verzweifeln will.

Gibt es einen Irrglauben über Schauspieler, mit dem Sie öfter konfrontiert sind?

Mehrere. Viele glauben zum Beispiel, dass ein Schauspieler tut, was der Regisseur sagt. Wenn Leuten etwas nicht gefallen hat, in dem ich mitspiele, sagen sie: "Du kannst ja nichts dafür." Als hätte ich keinen eigenen Anteil an der Arbeit! Neulich habe ich mich außerdem wahnsinnig darüber aufgeregt, dass dem Schauspieler steuerlich gesehen kein Arbeitszimmer mehr zusteht. Ein Schauspieler steht wohl nur auf der Bühne oder vor der Kamera. Er scheint sich nicht in die Stille begeben zu müssen, um sich mal damit zu beschäftigen, was die Welt bedeutet, oder mit Literatur, Musik und anderen Einflüssen. Er muss offenbar nicht mal zu Hause seinen Text lernen. Und noch ein Irrglaube: Ein Schauspieler habe aufgrund seines Berufs gelernt, zu lügen!

Sie meinen privat?

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Am Schauspielhaus Hannover ist Corinna Harfouch derzeit in "Orlando" zu sehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Genau. Die Leute denken, ein Schauspieler kann doch sehr, sehr gut spielen. Und spielen bedeutet für sie lügen. Dabei ist der eigentliche Schauspieler, einer, den ich als solchen anerkenne, die ganze Zeit auf der Suche nach sich selbst. Er sucht das Ehrliche, die Essenz eines Gefühls, um die dann mit seiner Rolle zu verbinden.

Was ist mit öffentlichen Auftritten? Interviews zum Beispiel gleichen bei Filmstars nicht selten einer Performance.

Gerade junge Schauspieler werden dahingehend aktiv geschult. Die haben oft einen Presseberater an ihrer Seite. Der überlegt sich für jeden Interviewtag gewisse Standardaussagen. Die Schauspieler schreiben sich das dann auf, lernen es auswendig wie einen Text und bringen die Inhalte im Interview. Finde ich schade - und wahrscheinlich auch ein bisschen langweilig.

Sie sprechen ohne entsprechenden Schutz. Bereuen Sie manchmal, was Sie sagen?

Oh ja! Deshalb habe ich schon vor Jahren gesagt: "Live und vor Kameras gebe ich keine Interviews mehr!" Ich gehe nicht in Talkshows, ich spreche nicht mit "Bild" oder "Superillu". Ich habe einfach gemerkt: Das kann mal gut gehen, meistens tut es das aber nicht.

Mit Corinna Harfouch sprach Anna Meinecke

"Lara" startet am 7. November in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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