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"Ich hätte mit Freuden alles aufgegeben", so Maria Callas über ihre Weltkarriere.
"Ich hätte mit Freuden alles aufgegeben", so Maria Callas über ihre Weltkarriere.(Foto: Fonds de Dotation Maria Callas)
Freitag, 18. Mai 2018

Intimes Filmporträt einer Ikone: Wie Maria mit "der Callas" auskam

Von Katja Sembritzki

Maria Callas gilt als die kapriziöse Diva schlechthin. Gut 40 Jahre nach dem Tod der berühmtesten Opernsängerin der Welt zeigt ein Dokumentarfilm ihre private Seite: die Frau, die von einem Leben abseits des Ruhms träumte.

Ihr Sopran war außergewöhnlich, ihre Erscheinung von makelloser Noblesse: Maria Callas, genannt "die Göttliche", gilt als die größte Opernsängerin des 20. Jahrhunderts. Die Fans bejubelten sie wie einen Popstar. Beruflich wechselten sich Triumphe und Skandale ab, privat Glück und Tragödien - was den Mythos um sie nur noch verstärkte. "Die Callas" ist auch heute noch gleichbedeutend mit der Diva aller Diven. Doch wer war Maria?

Tom Volf hat für seinen Film fünf Jahre lang Materialien gesammelt.
Tom Volf hat für seinen Film fünf Jahre lang Materialien gesammelt.(Foto: 2018 PROKINO Filmverleih GmbH)

Als sich der Filmemacher Tom Volf 2013 bei einer Internetrecherche nach einem Opernbesuch zum ersten Mal mit der Sängerin auseinandersetzte, verfiel er ihr sofort. Er wollte mehr über die "Primadonna assoluta" erfahren, über die gerne in Superlativen geredet wird, und begab sich auf Spurensuche. Das Ergebnis ist der Dokumentarfilm "Maria by Callas".

Bis auf wenige Ausnahmen kommt ausschließlich die Sopranistin selbst zu Wort - in Videos und Bildern, mit ihrem betörenden Gesang (zehn Arien sind in kompletter Länge zu hören und zu sehen) sowie in Interviews und Briefen (gelesen von Eva Mattes). Den roten Faden des Films bildet ein in Vergessenheit geratenes TV-Interview, das der britische Starmoderator David Frost 1970 mit Callas geführt hat.

"Ich trage zwei Personen in mir"

Die Sängerin war zu diesem Zeitpunkt 47 Jahre alt. Fünf Jahre zuvor hatte sie ihren Abschied von der Opernbühne genommen, die intensive Karriere hatte ihrer Stimme geschadet. Nun gewährte Callas einen Blick in ihr Innerstes: "Ich trage zwei Personen in mir. Ich möchte Maria sein. Aber da ist auch die Callas, der ich gerecht werden muss. Ich versuche, mit beiden auszukommen."

David Frost interviewte 1970 eine freimütig Auskunft gebende Maria Callas.
David Frost interviewte 1970 eine freimütig Auskunft gebende Maria Callas.(Foto: Fonds de Dotation Maria Callas)

Volf möchte vor allem die verletzliche Frau hinter der Ikone zeigen, die ihr Leben ihrer einzigartigen Begabung widmete und für ihren Weltruhm einen hohen Preis zahlte. So litt sie unter dem Verzicht auf Familienleben und Kinder. "In diese Karriere wurde ich hineingezwungen. Zuerst von meiner Mutter, dann von meinem Mann", erklärt sie im Gespräch mit Frost. "Ich hätte mit Freuden alles aufgegeben. Aber Schicksal ist Schicksal."

Leben voller Höhen und Tiefen

Das Interview, dessen einzige Kopie in einer Schublade bei Callas' ehemaligem Hausmeister schlummerte, ist nicht das einzige wertvolle Dokument. Volf hat viele bisher unveröffentlichte Materialien aufgespürt, die von privaten Super-8-Filmen über VHS-Videos bis hin zu Bildern reichen, die Grace Kelly von ihrer Freundin aufgenommen hat.

Maria Callas 1958 in Mailand.
Maria Callas 1958 in Mailand.(Foto: Fonds de Dotation Maria Callas)

In einer Art Collage folgt der Filmemacher den Höhen und Tiefen des Lebens der 1923 als Tochter griechischer Einwanderer in New York geborenen Callas: ihren von Fans und Presse gefeierten Erfolgen in den bedeutendsten Opernhäusern der Welt ab 1949; dann ihren Krisenjahren, in denen ihre Stimme schwand, sie immer wieder Auftritte absagte und sich ihr Ruf als kapriziöse Diva festigte. Das wohl größte Aufsehen erregte sie 1958 in Rom. Dort brach sie eine von viel Prominenz besuchte Norma-Aufführung wegen einer Erkältung nach dem ersten Akt ab. Es folgte das, was man heute einen Shitstorm nennen würde. "Man hatte begonnen, mich mit einer beispiellosen Heftigkeit zu lynchen", so Callas.

Mal perfekt, mal ungeschminkt

Der Film lebt davon, dass er ständig die Perspektive wechselt. In einem Moment ist da der Star zu sehen, der in jeder öffentlichen Situation die Perfektion sucht: Auf der Bühne wird "die Callas" bis in die letzte Faser ihres Körpers zu Norma, Carmen oder Tosca, abseits der Bühne lächelt sie in typischem Callas-Styling - rote Lippen, markanter Lidstrich, elegant frisierte Haare - jeden Skandal weg. Im nächsten Augenblick erscheint Maria, die durch den Garten einer Villa läuft, bei einem Fest ein kurzes Ständchen singt oder gänzlich ungeschminkt mit Aristoteles Onassis Zeit am Strand verbringt.

Zwischen Glück und Verzweiflung: Maria Callas mit Aristoteles Onassis.
Zwischen Glück und Verzweiflung: Maria Callas mit Aristoteles Onassis.(Foto: Fonds de Dotation Maria Callas)

Auf ihre turbulente Beziehung zu Onassis stürzten sich die Medien, seit Callas ihren Mann für den griechischen Milliardär verlassen hatte. In Onassis glaubte sie, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Dass er nicht sie, sondern eine andere Stilikone - die Kennedy-Witwe Jackie - heiratete, riss ihr den Boden unter den Füßen weg. Von der Hochzeit 1968 erfuhr sie aus der Presse.

In einer der letzten Einspielungen des Films sitzt eine erschöpft wirkende Callas an einem Swimmingpool und spielt teilnahmslos mit einem Hund. Anfang der 1970er-Jahre hatte sie ein Comeback versucht - und war gescheitert. 1977 starb sie vereinsamt mit 53 Jahren an einem Herzinfarkt in ihrer Pariser Wohnung.

Mit "Maria by Callas" zeichnet Volf das intime und faszinierende Porträt einer zerrissenen Frau. Dass er durch seine sehr subjektive Zusammenstellung der Materialien und die gewählte Form einige Leerstellen lassen muss - geschenkt. Denn entstanden ist die große Callas-Hommage eines echten Bewunderers. Und die sollten sich Fans und all jene, die den Kosmos der Ausnahmesängerin entdecken wollen, auf keinen Fall entgehen lassen.

Die Dokumentation "Maria by Callas" läuft derzeit in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de