Pandemie, Gewalt, ChaosAuf Jo Nesbos "Insel der Ratten" bricht die Apokalypse los
Von Thomas Badtke
Erst eine Pandemie. Dann Arbeitslosigkeit, Armut und Gewalt. Das Gesetz des Stärkeren regiert. Ein ultravermögender Doomsday-Prepper fliegt auf die "Insel der Ratten" und plant eine "Arche Noah der Reichen". Sein Sohn plündert, brandschatzt, mordet - bis sich ihm ein Familienvater in den Weg stellt.
Will und Colin kennen sich seit ihrer Kindheit. Mittlerweile haben sie Ehefrau und Kinder und Will arbeitet als Topjurist bei Colins Firma. Der hat es geschafft, ist einer der reichsten Menschen des Landes. Will ist etwas wie sein moralischer Kompass, bremst ihn ein, holt ihn ab und an auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie fahren gemeinsam in den Urlaub. Colins Sohn Brad himmelt Wills Tochter Amy an. Die perfekte Liaison? Für Amy nicht.
Damm bricht die Pandemie los. Sie kommt irgendwo aus dem Osten - und fegt über die ganze Welt hinweg. Volkswirtschaften taumeln, brechen zusammen. Die Arbeitslosenraten explodieren und mit ihnen die Armut. Ganze Orte, Städte und Regionen werden entvölkert. Wer kann, flieht in die vermeintliche Sicherheit. Colin tut es: Er hat sich mit weiser Voraussicht eine Insel gekauft, die "Insel der Ratten". Sie hat ihren Namen von den Tieren, die sie mittlerweile bewohnen. Einst war sie eine Gefängnisinsel, der letzte Ort für Typhuskranke.
Liebe, Macht, Ohnmacht
Will dagegen bleibt mit seiner Familie in seinem Haus, versucht alle so gut es geht vor den marodierenden Banden zu schützen. Geld ist nicht im Überfluss da, aber es ist auch nicht mehr die Leitwährung: Diese Position haben Benzin, Waffen und Munition eingenommen.
Als es eines Nachts an der Haustür klingelt, begeht Will den entscheidenden Fehler: Er öffnet die Tür, weil eine junge Frau in Amys Alter und ein kleiner Junge davorstehen. Eine ehemalige Klassenkameradin von Amy auf der Suche nach etwas Essbarem. Aber sie sind nur Ablenkung, Beiwerk, denn in der Zwischenzeit brechen die Mitglieder der "Chaos"-Bande über die Hintertür ein.
Will wird überwältigt, gefesselt und in der Garage eingesperrt. Er hört die Schreie seiner Frau, kann aber nichts tun. Der Anführer der "Chaos"-Gang ist Colins Sohn Brad, längst auf die schiefe Bahn geraten, versucht er, Amy habhaft zu werden. Während Teile der Bande Wills Frau vergewaltigen, schleppt Brad Amy aus dem Haus. Will bleibt am Leben - und schwört Rache.
Die Schlüsselrolle nimmt dabei die junge Frau ein, die ihn an der Haustür übertölpelt hat. Die Nummer zwei von "Chaos", die nur versucht, den kleinen Jungen zu schützen. Koste es, was es wolle. Und als eben dieser Junge zwischen die Fronten gerät, entscheidet sich die Frau für Wills "Sache". Ab da heißt es nur noch: Anschnallen und genießen!
Nesbo at it's best
"Insel der Ratten" von Norwegens Nummer-Eins-Autoren Jo Nesbo ist bei Ullstein und Hörbuch Hamburg erschienen und hat absoluten Kultcharakter. Da, wo Stephen King ein 1000-Seiten-Buch oder 30-Stunden-Hörbuch gemacht hätte, packt Nesbo alles in nicht einmal viereinhalb Stunden. Der absolute Wahnsinn! Einmal angefangen, lässt einen der Stoff nicht los und man selbst alles andere links liegen. Das liegt an der Erzählweise mit Rückblicken, dafür tragen aber auch die SprecherInnen Jenny Laura Bischoff (der "Racheengel") und Oliver Siebeck ("Will") Rechnung.
Beide Figuren haben Ecken und Kanten, sind sympathisch, haben Ziele und einen moralischen Kompass. Irgendwie. Den braucht es auch, oder besser: Den gilt es zu verteidigen, wenn die Apokalypse losbricht und nur noch das Gesetz des Stärkeren gilt. Wenn die Welt zerbricht und die Superreichen auf einer eigenen "Arche Noah" den Untergang der Zivilisation aussitzen wollen. Quasi nach dem Motto: Scheiß doch auf den dreckigen Rest und nach mir die Sintflut! Will glaubt zwar nicht mehr an die Regierung, aber an die Macht von Justitia (auch wenn die örtliche Staatsanwältin einen superteuren Sportwagen fährt und gleichzeitig absoluter Benzinmangel herrscht). Für ihn gilt nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das hebt ihn heraus, macht seine Figur so besonders - bis sie an ihre moralischen Grenzen stößt.
Das Spiel mit den Möglichkeiten, mit den Was-wäre-Wenns ist absolut fesselnd und lässt einen auch lange nach Ende des Werks nicht mehr los. Gedankenspiele im Kopf. Einfach mal durchexerzieren. Was wäre wenn? Vorbereitet sein für den Fall der Fälle. Die nächste Pandemie ist nur eine Frage der Zeit …
