Hörbücher

Jussi Adler-Olsen als Hörspiel Das Schicksal kennt kein "Erbarmen"

Eine Frau, entführt, jahrelang eingesperrt, gefoltert, misshandelt, Psycho-Terror ausgesetzt, Höllenqualen leidend - sie hat sich mit ihrem Tod längst arrangiert. Ihre letzte Chance ist ein Kommissar, der alles andere als umgänglich ist. Hingehört!

"Das Schicksal mischt die Karten - und wir spielen." Arthur Schopenhauers Ausspruch könnte auch vom dänischen Bestsellerautoren Jussi Adler-Olsen stammen, denn in seinem Werk "Erbarmen" ist es das Schicksal, das Regie führt, das lenkt, das den Weg vorgibt und den Charakteren die Hand führt. Etwa Carl Moerck von der Kripo Kopenhagen. Gerade bei einem Einsatz dem Tod eben noch so von der Schippe gesprungen, soll der im Umgang mit Kollegen und Presse nicht ganz einfache Charakter mit seinen eigenbrötlerischen Tendenzen von seinen Vorgesetzten "weggelobt" werden. Ziel: der Keller und das dort sich neuerdings befindende Dezernat Q - für sogenannte Cold Cases. Staubige Akten durchwühlen, so will man Moerck kleinkriegen.

Justus von Dohnányi.jpg

Justus von Dohnanyi gibt Kommissar Moerck eine Stimme.

(Foto: Audible)

Doch der findet Gefallen daran, was auch an Assad liegt, einem ihm abgestellten Helfer. Assad soll vor allem Kaffee kochen, kopieren, Ordnung halten - aber er ackert mit Moerck die Fälle durch, mischt sich ein, gibt Tipps von außen. Und die beiden machen sich daran, den Fall Merete Lynggaard zu lösen. Die Politikerin war vor einigen Jahren spurlos verschwunden, von einer Fähre. Damals hatte die Polizei zunächst ihren Bruder Uffe im Visier. Doch Moerck schließt das aus: Uffe ist geistig behindert, seitdem er und Merete in einen Autounfall verwickelt waren, bei denen ihre Eltern ums Leben gekommen waren.

Moerck stöbert, bohrt, hört zu, hakt nach, denkt quer. Aber so richtig weiter kommt er nicht im Fall der verschwundenen Merete Lynggaard. Lebt sie überhaupt noch? Moerck zweifelt an sich, an Assad, an seinen Kollegen - und findet dann doch ein kleines Detail, das ihm weiterhilft. Er besucht Uffe, versucht mit Playmobil-Figuren den Unfall von damals nachzustellen, zeigt dem Jungen Fotos, hofft auf eine Reaktion. Die gibt es, aber nicht wie Moerck es erhofft hat. Egal, Uffe hat jemanden auf einem Foto erkannt und Moerck muss ihn nur noch finden, um den Fall Merete Lynggaard zu den Akten legen zu können, denkt er zumindest. Doch weit gefehlt: So einfach und schnell geht es dann doch nicht - aber Moerck löst den Fall, der sich als ein schicksalhafter entpuppt.

Das Schicksal ist erbarmungslos

Carolin Kebekus_02.png

Carolin Kebekus spricht und "spielt" Merete Lynggaard.

(Foto: Audible)

Merete Lynggaard lebt. Seit Jahren befindet sie sich in Gefangenschaft einer durchgeknallten Familie, wie es scheint, die sie in einem Raum ohne Fenster festhält. Sie foltern Merete mit Dunkelheit, setzen die Frau dann ein Jahr der vollen Beleuchtung von Neonröhren aus. Aber das ist nicht das Schlimmste: Der Luftdruck in Meretes Gefängnis wird systematisch nach oben getrieben, jedes Jahr um ein Bar. Das perfide Ziel dahinter: Wenn Merete endlich den Tod verdient hat, wollen ihre Entführer ihren Körper durch das plötzliche Absenken des Luftdrucks auf ein Bar explodieren lassen: Ihre Knochen werden innerlich brechen, ihre Zellen zerreißen, sie wird verbluten, langsam.

Aber vorher soll Merete leiden - so, wie die Entführerfamilie seit Jahren leidet, seit einem schicksalhaften Tag, der ihrer aller Leben von Grund auf verändert hat. Und Merete leidet, physisch und psychisch. Sie will sterben, dann wieder leben. Sie will Rache und dann Ruhe. Sie will Erlösung und den Grund für ihre Gefangenschaft. Sie will Erbarmen.

"'Erbarmen' ist der pure Wahnsinn"

Cover.jpg

Das Hlrspiel "Erbarmen" erscheint als Audible Original am 2. August zum Download.

(Foto: Audible)

Kein Wunder also, dass Adler-Olsen seinem ersten Moerck-Fall diesen Titel gab. Das Buch hat nun schon rund zehn Jahre auf dem Buckel und auch das Hörbuch ist in die Jahre gekommen. Aber warum nicht ein Hörspiel daraus machen? Den ersten Teil einer Moerck-Serie? Audible entschied sich dafür und bringt in der eigenen, sogenannten Original-Reihe "Erbarmen" neu aufgenommen heraus.

Für die einzelnen Charaktere konnten namhafte "Sprecher" gewonnen werden: Justus von Dohnanyi übernimmt Carl Moerck, Carolin Kebekus ("'Erbarmen' ist der pure Wahnsinn") Merete Lynggaard. Denis Moschitto ist Assad, Matthias Koeberlin Moercks Chef. Und als Erzähler Erich Räuker. Gestandene Schauspieler, eine facettenreiche Komödiantin und Stimmen, die den Zuhörer ebenso in den Bann ziehen wie der Plot selbst fesselt.

Der Pluspunkt des Hörspiels ist die Atmosphäre. Die unterscheidet sich deutlich von einem normalen Hörbuch: quietschende Türen, hallende Schritte, peitschende Schüsse, Musik - das alles erscheint vielmehr wie ein Spielfilm ohne Bild als ein Hörbuch im herkömmlichen Sinn. Teilweise erinnert "Erbarmen" an ein intensives Theaterstück, in dem die Sprecher miteinander agieren.

Mittendrin statt nur dabei

Der Zuhörer fühlt sich mittendrin statt nur dabei. Er leidet mit Merete in ihrem Gefängnis. Er ärgert sich mit ihr, fragt sich wie sie: "Was habe ich euch bloß getan, ihr Ungeheuer?" - und ist hautnah dabei, als sie sich selbst einen Zahn mit einer rostigen Zange ziehen muss. Das schmerzt auch den Zuhörer und lässt ihn hoffen, dass der nächste Zahnarztbesuch noch in weiter Ferne liegt und die Weisheitszähne noch lange in der richtigen Position verharren.

Der Zuhörer fiebert auch mit Moercks Ermittlungen mit - und er macht sich selbst ein Bild vom großen Ganzen im Kopf. Das wiederum fällt wesentlich detailreicher aus als bei einem normal gelesenen Buch oder einem klassischen Hörbuch. Die rund elfeinhalb Stunden, die das Hörspiel dauert, vergehen dabei wie im Flug. Das ist ein Qualitätsprädikat der Audible-Original-Reihe, in der etwa auch "Akte X - Cold Cases" mit den bekannten TV-Synchronstimmen erschienen ist.

Die "Neuauflage" von "Erbarmen" ist absolut gelungen, die Sprecher bereits so ausgewählt, dass weitere Inszenierungen durchaus denkbar sind - wenn es das Schicksal gut meint.

"Erbarmen" bei Audible hören

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema