Fremdsein, Liebe, GrenzgängerTriest wird für "Alma" zum Erinnerungsraum

Ein Vater voller Geheimnisse, eine Liebe ohne Halt und eine Stadt zwischen Ost und West: In "Alma" lässt Federica Manzon ihre Protagonistin durch Triest streifen und sich ihren Erinnerungen stellen, in denen Jugoslawien eine wichtige Rolle spielt.
Seit 30 Jahren war Alma nicht mehr in Triest. Jetzt aber kehrt sie für drei Tage in ihre Geburtsstadt zurück, aus der sie als junge Frau Hals über Kopf fortgegangen ist. Der verstorbene Vater hat ihr dort etwas hinterlassen, das sie abholen soll, "etwas, das mehr ist als ein Erbe, eine Erpressung, um sie zurückzuschleifen". Denn um an das Vermächtnis zu gelangen, muss sie Vili wiedersehen.
Alma, so auch der Titel des Romans von Federica Manzon, ist in den 1970er und 1980er Jahren in Triest aufgewachsen, am östlichsten Zipfel Norditaliens. Die Mutter, die in einer psychiatrischen Klinik arbeitet, stammt aus einer großbürgerlichen und habsburgisch geprägten Welt mit Goldrandgeschirr, steifer Weißwäsche und Hegels Werken, die im Regal von einem Töpfchen Edelweiß gestützt werden. Dass sie "den Slawen" geheiratet hat und sich auf diese Weise von den Erwartungen der Familie befreite, haben ihr die Eltern nie verziehen.
Almas Vater überquert ständig die Grenze nach Osten, kommt und geht, wie es ihm passt. Für Alma und ihre Mutter ist es "ein ewiges Warten". Der Vater verkehrt in höchsten Kreisen der jugoslawischen Politik und schreibt offenbar die Reden von Staatspräsident Tito auf. Ist er mal wieder ein paar Tage bei seiner Familie, dann "singt (er) schwermütige Balkan-Lieder und wispert Geheimnisse aus dem Kalten Krieg, die Tochter hängt an seinen Lippen".
Der Bruder, Liebhaber - und der Krieg
Als Alma zehn Jahre alt ist, steht ihr Vater plötzlich mit dem gleichaltrigen Vili in der Tür. Der Sohn zweier Dissidenten, der sein Trikot von Roter Stern Belgrad tagelang nicht ausziehen wird, bleibt bei der Familie. Almas Verhältnis zu ihrem neuen Bruder, der auch ihr Liebhaber wird, ist von Anfang an kompliziert, ein ständiger Wechsel von Nähe und Distanz.
Dann fällt der Eiserne Vorhang und während im auseinanderbrechenden Jugoslawien Kriege toben, treffen Alma und Vili - sie arbeitet inzwischen als Journalistin, er als Fotograf - in Belgrad aufeinander. Danach bricht der Kontakt abrupt ab. Warum soll hier nicht verraten werden, aber es ist etwas geschehen, das Alma zutiefst erschüttert.
Die "Stadt aus Papier"
Der Roman kreist um ein aktuelles Thema: Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Als Erwachsene erzählt Alma kaum etwas von sich. Weil es Dinge gibt, über die sich nicht sprechen kann und weil sie nicht weiß, wie sie die Frage nach der Zugehörigkeit beantworten soll, "überall hielt man sie für eine Fremde, wegen der Flüchtigkeit ihrer Gesten, als wäre sie stets auf dem Sprung".
Das Fremdsein gilt auch für ihre Geburtsstadt Triest: "Man nennt sie 'Stadt aus Papier', weil sie sich stets als Teil einer Nation begriffen hat, die nicht die ihre ist, sie dachte an Österreich, träumte von einem Slawenreich, sogar von der garibaldischen Nation, doch dann ist sie allem fremd geblieben, vor allem sich selbst." Sehr plastisch malt Autorin Manzon ein Bild der Stadt, in der viele Sprachen, Traditionen und Kulturen koexistieren - während die Idee eines Vielvölkerstaates in Jugoslawien blutig scheiterte.
In Italien landete Manzon mit "Alma" einen Bestseller und wurde unter anderem mit dem renommierten Premio Campiello ausgezeichnet. Die "Repubblica" empfahl, "wer etwas wissen möchte über Triest und Italiens östliche Grenze, der muss Alma lesen", und urteilte: "Ein perfekter Roman." Und tatsächlich ist es eine sehr einnehmende, vielschichtige (Liebes-)Geschichte. Das liegt auch an der treffsicheren Übertragung ins Deutsche, für die mit Verena von Koskull eine der versiertesten Italienisch-Übersetzerinnen verantwortlich ist. Um der Erzählung zu folgen, braucht es allerdings ein bisschen Aufmerksamkeit.
Bereichernd und fesselnd
Manzon hat die einzelnen Zeitebenen geschickt miteinander verwoben. Während sich Alma von Karfreitag bis Ostersonntag durch das heutige Triest treiben lässt, wecken Straßen und Gebäude Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend: In den Strandbädern verbrachte sie die Sommer und lieferte sich mit den anderen Mädchen und Jungen Wettstreits im Krampen springen; in einem Hafengebäude lag sie zwischen zurückgelassenen Reisetruhen und Fotografien von Menschen, die aus Jugoslawien geflohen waren, zusammen mit Vili auf einer alten Matratze; in den Kaffeehäusern studierte sie mit dem Großvater die Zeitung.
Und sie erinnert sich an die "Insel der Kommunisten". Dorthin nahm der Vater sie mit, Alma trug schon auf der Fähre die blaue Mütze mit dem roten Stern der Jungpioniere Jugoslawiens, an Land beobachtete sie durch das Fenster eines Hotels ihren Vater und Tito. Mit der Insel ist die in der kroatischen Adria gelegene Inselgruppe Brijuni gemeint. Um diese und andere in dem Buch nur angedeutete Fakten zu entschlüsseln, muss man sich entweder gut in der Geschichte Jugoslawiens und Triests auskennen oder die Bereitschaft mitbringen, bei tieferem Interesse selbst einige Informationen zu recherchieren. Aber die Mühe lohnt sich.
Auch die Hörbuch-Version fängt das manchmal etwas Mäandernde sehr gut ein, Daniela Bette-Koch führt mit eindringlicher und sehr artikulierter Stimme durch die Geschichte. Gemeinsam mit Alma Triest zu entdecken und ihr in ihre Erinnerungen zu folgen, ist bereichernd und fesselnd. Und am Ende erscheint einiges noch einmal in einem ganz anderen Licht.
