Vom Bleiben und GehenDer Wald lässt "Die Riesinnen" nicht los

Hannah Häffner erzählt in ihrem Roman "Die Riesinnen" von drei Frauen im Schwarzwald, die mit Heimat, Freiheit und Selbstbestimmung ringen und ihren Platz in der Welt suchen. Nicht nur die Figuren wachsen ans Herz - es gibt noch einen anderen heimlichen Star.
Wann immer es geht, knapst Liese etwas von ihrem Einkaufsgeld ab. In einer Diamalt-Blechdose hat sie schon 36 Mark und 28 Pfennige versteckt - weniger vor dem ungeliebten Ehemann als vielmehr vor ihrer Schwiegermutter, "sie ist einfach überall, bis man nur noch schreien möchte". Anfang der 1960er Jahre träumt Liese davon, das kleine Dorf mitten im Schwarzwald zu verlassen, in dem jeder und jede von jedem und jeder ständig beobachtet und beurteilt wird.
Liese Riessberger ist die erste Generation dreier Frauen aus dem fiktiven Ort Wittenmoos, von denen Hannah Häffner in ihrem bezaubernden Roman "Die Riesinnen" erzählt. Wie später ihre Tochter Cora und ihre Enkelin Eva ist Liese "mager (…), wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform. (…) Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten". Außerdem sind da ihre "Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es."
Mit Liese, Cora und Eva spürt Häffner der Frage nach, ob Heimat etwas ist, "das man nicht loswird, das am Schuh klebt oder an der Seele". Und sie verhandelt ein Thema, das besonders - aber nicht nur - junge Menschen beschäftigt: Bleibe ich an dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, oder gehe ich weg - um dann vielleicht doch irgendwann zurückzukommen?
Dass sie Wittenmoos nur in Gedanken hinter sich lassen wird, weiß Liese. 36 Mark und 28 Pfennige sind einfach ein zu lächerlicher Betrag, um fortgehen zu können. Als ihr Mann stirbt, fordert sie von ihrem Schwiegervater die Metzgerei ein und erarbeitet sich den Respekt von Belegschaft und Geschäftspartnern. Und sie kümmert sich als alleinerziehende Mutter um Tochter Cora.
Rückkehr ist keine Niederlage
Cora hält nach dem Schulabschluss nichts mehr in dem Dorf. Zu gut hat sie dort das Gefühl kennenlernen müssen, wie es ist, "wenn man nicht in die Welt passt, als hätte der liebe Gott einen über den Rand hinaus gemalt". In Paris, Amsterdam und an der italienischen Adriaküste genießt sie das wilde Leben. Doch dann ist sie plötzlich wieder da - mit dickem Bauch und geplatzten Träumen.
Dass sie bald ein Kind haben wird, verdrängt sie, "aber manchmal, wenn sie halb schon in den Schlaf gerutscht ist, denkt sie versehentlich doch daran, und es kommen seltsame Dinge dabei heraus". Cora muss irgendwie lernen, Mutter zu sein, ihre Rückkehr nicht als Niederlage zu begreifen und ihrem Leben, das sie sich so ganz anders vorgestellt hat, Sinn zu verleihen.
Auch ihre Tochter geht zum Studieren weg aus Wittenmoos. Cora hätte sich für sie Berlin, London oder Madrid gewünscht, aber Eva schafft es nur bis Stuttgart, "die Wahrheit ist, dass ihr der Mut fehlt, ist einfach manchmal so, was ist schlecht daran". Und auch dort fühlt sie sich fehl am Platz. Es braucht etwas Zeit, bis Eva versteht, warum sie sich ihrem Heimatort so tief verbunden fühlt.
Neben den drei Hauptfiguren gibt Häffner einem weiteren Protagonisten viel Raum: dem Wald, "den man nicht aus sich herausbekommt, auch wenn man ihn verlässt. Der wurzelt, unter dem Herzen, hinter den Lungen, und man hört ihn deiner Sprache an und sieht ihn in deinen Augen". Alle drei Frauen haben zu ihm eine besondere Beziehung. Liese stiehlt sich auf abgelegenen Pfaden in den Wald und findet dort neue Zuversicht. Die kleine Cora verkriecht sich an einer Baumwurzel, nachdem sie in der Schule gedemütigt wurde. Und als Baby lässt sich Eva oft erst dann beruhigen, wenn sie in den Wald getragen wird.
Mitreißend ab Seite eins
Der Roman ist von der ersten Seite an mitreißend, Häffner gestaltet die drei Frauenfiguren auf liebevolle Art, ohne ihnen ihre Rauheit zu nehmen. Sie erzählt die Geschichte chronologisch und wechselt wie nebenbei die Perspektive von einer Riessbergerin zur nächsten, stellt sie vor unterschiedliche Herausforderungen und lässt sie selbstbestimmt ihren Platz in der Welt suchen.
Aber der heimliche Star ist die poetische Sprache, die den Roman zu etwas Besonderem werden lässt und immer wieder überrascht. Häffner kombiniert Worte auf neue, unerwartete Weise, findet eindrückliche Metaphern, baut kluge Gedanken en passant mit ein. Das macht jede der gut 400 Seiten zu einem echten Leseerlebnis.
