Musik

Dieter Meier von Yello "Die Pandemie ist wie Krieg ohne Schießen"

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Dieter Meier (l.) und Boris Blank sind Yello.

(Foto: Universal Music)

Seit Ende der 70er bilden Dieter Meier und Boris Blank das Projekt Yello. Bis heute zählen sie zu den einflussreichsten Künstlern im Bereich elektronischer Popmusik, ihnen gehen scheinbar nie die Ideen aus. Meier sprach mit ntv.de über das 14. Album, kreative Prozesse und globale Katastrophen.

Dieter Meier und Boris Blank gründeten ihr Projekt Yello 1978. Damals waren beide knapp über 30 Jahre alt; schon bald schrieben sie neben anderen Bands wie Kraftwerk Synthiepop-Geschichte. Stücke wie "The Race" und "Oh Yeah" sind legendär, ebenso Alben wie "Stella" oder "Flag".

Inzwischen sind sie also mehr als 40 Jahre im Geschäft; mit "Point" erscheint das nunmehr 14. Album des Schweizer Duos. Wie gewohnt erkennen nicht nur eingefleischte Fans Yello bereits nach den ersten Takten. Die musikalische Handschrift von Boris Blank ist auch dieses Mal unverkennbar. Und während sich Blank in seinen Klangwelten verliert, macht sein Kompagnon Dinge wie Rinder züchten, Wein und Nüsse anbauen und Restaurants betreiben.

Im Interview mit ntv.de erklärte Dieter Meier die Grundpfeiler ihres langjährigen musikalischen Schaffens, verriet aber auch, was ihm auf der Welt gerade am meisten gegen den Strich geht. Den Bogen spannt der 75-Jährige dabei von nicht erneuerbaren Energien über Tierqual bis zur Verschmutzung der Meere.

ntv.de: Herr Meier, wie erfindet man sich als Band immer wieder neu, ohne sich neu erfinden zu müssen?

Dieter Meier: Ich finde, das ist sehr gut formuliert. Dass man sich immer wieder neu erfindet, ohne sich krampfhaft neu erfinden zu müssen. Das ist natürlich schon sehr eng verbunden mit Boris Blank, der nun einfach von Anfang an in seiner Karriere seine eigene Identität gefunden hat. Das war ja nie spekulativ in Hinblick auf Erfolg. Er ist da in seine Welt eingetaucht. Und das Ganze ist für ihn wie sich finden und erfinden. Es ist für ihn wie ein Sauerstoffzelt, in dem er sich befindet. Er kann gar nicht anders als er selbst sein. Er hat seine Tonalität und seinen Ausdruck gefunden und malt seine Bilder auf seine ganz eigene Weise. Permanent hat Boris 50, 60, 70 Klangbilder in Arbeit. Der ganze Prozess ist ein dialektischer, deshalb dauert es auch immer vier Jahre oder fünf Jahre, bis ein Album fertig ist, weil er den Prozess nicht forcieren kann.

Fertiggestellt haben Sie das Album bereits vor Ausbruch der Pandemie. Hat die Corona-Krise einen Einfluss auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung gehabt?

Nein, es ist der ganz natürliche Prozess, dass man sich so in etwa ein halbes Jahr auf die Veröffentlichung vorbereitet. Zumindest, wenn das Label einen ernst nimmt und nicht einfach irgendwann irgendwas auf den Markt schmeißt, als Alibi.

Ihr letzte Album "Toy" wurde auch live präsentiert, unter anderem an vier aufeinanderfolgenden Tagen im Kraftwerk Berlin. Konzerte zu "Point" wird es aufgrund von Corona ja nun erstmal nicht geben - oder wie schätzen Sie die Situation ein?

Sicher werden wir noch einmal auf Tournee gehen, aber nicht mehr mit diesem ersten Konzept, bei dem wir nah an der CD sein wollten. Boris Blank hat mit dem "Yellofier" etwas erfunden, mit dem man in kurzer Zeit improvisatorische Stücke auf der Bühne live bauen und weiter ausbauen kann. Wir werden sicher auch noch zwei Musiker dabei haben, aber es wird nicht mehr dieser Bombast sein, sondern eigentlich wirklich "back to the roots".

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Zuletzt standen Yello 2017 auf der Bühne.

(Foto: imago/Stefan M Prager)

Das klingt jetzt zumindest erstmal optimistisch hinsichtlich neuer Live-Möglichkeiten.

Das wird ja nicht Ewigkeiten so weitergehen. Wenn etwas Neues wie das Virus auf uns zukommt, dann ist unser Immunsystem noch nicht eingerichtet, es sofort zu vernichten, sondern muss sich dann irgendwie neu darauf einschießen. Und das bringt natürlich sehr viele Schwierigkeiten mit sich. Diese Situation haben wir jetzt und ich glaube, dass man das in den Griff bekommt. Und es wird sicher wieder Konzerte geben. Ich erhoffe mir hingegen, dass dieses Virus den kapitalistischen Wahnsinn stoppt, der überhaupt erst dazu geführt hat. Aber das ist natürlich ein Wunschdenken, weil das kapitalistische System eigentlich gar kein System ist. Es ist im Grunde Anarchie. Das System hat nur ein einziges Ziel und das ist die Rentabilität des Kapitals. Das führt zu verschiedenen katastrophalen Zuständen auf dieser wunderbaren Welt.

An welcher Stelle hat das Virus auf Sie und Ihr Leben den größten Einfluss?

Persönlich versuche ich schon, einigermaßen vernünftig umzugehen mit dieser Situation. Aber ich kann mich ja nicht von allem fernhalten. Doch ich würde sagen, ich bin vorsichtiger. Doch ob das Ganze nachhaltig unser Bewusstsein dieser Welt gegenüber verändert? Da habe ich große Zweifel. Diese Pandemie ist wie Krieg ohne Schießen. Vieles wird vernichtet, gerade auch im kulturellen Bereich. Das ist ein gefährlicher Zustand. Es kommen sehr viele Leute dabei um. Ich hoffe, diese Welt wird nicht erst zur Vernunft kommen, wenn es zu spät ist. All die Verrücktheiten, die wir heute noch begehen, zum Beispiel, dass der große Teil der Energie immer noch mit Braunkohle hergestellt wird, obwohl man weiß, was das für Folgen hat. Trotzdem macht man so weiter, weil eine Lobby dahintersteckt, die anderes verhindert. Oder die Regenwälder kompromisslos abzuholzen, das ist alles ein totaler Wahnsinn. Und ich glaube, das wird sich erst wirklich ändern, wenn wir keine Luft mehr kriegen.

Dann ist es aber definitiv zu spät. Ein großes Problem ist auch der Umgang des Menschen mit Tieren. Massentierhaltung ist nicht nur Tierquälerei, sondern auch extrem umweltschädlich. Sie selbst haben eine Rinderfarm in Argentinien. Wie läuft es dort ab?

Wenn man Fleisch isst, sollte es wenigstens von ideal gehaltenen Tieren kommen, die immer im Freien sind und das Gras fressen, was auf Böden wächst, die man sonst nicht bearbeiten kann. Diese Böden in der Pampa sind zu schwach, als dass man dort Soja, Getreide oder Sonnenblumen anpflanzen könnte. Die Kühe leben dort bis zu zehn Jahre, sind immer im Freien. Es sollte eigentlich gar kein anderes Fleisch mehr geben außer welches dieser Art, sonst haben wir bald wieder das, was gerade passiert.

Davon sind wir wohl leider weit entfernt. Unter anderem der Fall Tönnies hat die unmöglichen Zustände in den Schlachthöfen aufgedeckt - nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Menschen, die dort arbeiten.

Es stehen natürlich immer gewaltige Lobbys hinter diesen Politikern, die dann immer irgendwie nachgeben. Allein die Art und Weise, wie 95 Prozent der Tiere gehalten werden. Das ist eine unvorstellbare Tierquälerei auf ganzer Ebene. Und die Leute, die dort arbeiten, werden genauso behandelt. Die armen Kerle aus Polen, Bulgarien oder wo sie herkommen, werden in Bussen angekarrt, müssen zu fünft oder siebt in einem Zimmer übernachten. Im Grunde genommen sind sie ein Abbild der Tiere, die sie schlachten.

Was also würden Sie sich für die nahe Zukunft wünschen?

Wir können schon Energie produzieren, die keine Spuren hinterlässt. Das wäre mal das Allerwichtigste, dass das mit der Öl- und Kohlelobby aufhört. Darin sehe ich die größte Katastrophe. Dann, dass unsere Meere zu Abfalleimern geworden sind. Da müssten schärfere Strafen errichtet werden, damit die nicht den ganzen Dreck ins Meer geben. Das ist doch schon in einem katastrophalen Zustand. Es sind ganz viele Dinge, die eigentlich machbar wären. Aber es gibt auch riesige Lobbys, die dahinterstehen und das gar nicht wollen. Früher haben wir Dinge auf dieser Welt verursacht und wussten nicht, was wir tun. Heute wissen wir, wie katastrophal das alles ist, und machen trotzdem weiter.

Und was steht persönlich für Sie nach der Veröffentlichung des Albums auf dem Programmplan?

Ich entwickle gerade eine neue Schokolade, die ganz natürlich entsteht. In traditionellen Schokoladen sind künstliche Aromen und viel Zucker drin. Wir aber haben ein Verfahren entwickelt, bei dem das volle Aroma der Kakaobohne zum Tragen kommt. So kann ich eine Milchschokolade herstellen, die ganz wunderbar schmeckt, aber nur noch vielleicht 10 oder 12 Prozent Zucker beinhaltet und nicht 60, wie jetzt meist üblich. Und Zucker ist die größte Seuche überhaupt.

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Mit Dieter Meier sprach Nicole Ankelmann

Das Yello-Album "Point" ist ab dem 21. August erhältlich.

Quelle: ntv.de