Unterhaltung
Er hat's noch immer drauf: Mick Jagger.
Er hat's noch immer drauf: Mick Jagger.(Foto: AP)
Sonntag, 10. September 2017

So viel Rock'n'Roll-Herz!: Die Rolling Stones begeistern in Hamburg

Von Katja Schwemmers

82.000 Fans haben diesem Tag entgegengefiebert: Die Rolling Stones spielen zum Auftakt ihrer Europatournee in Hamburg. Keine Senioren-Veranstaltung - auch wenn Mick Jagger und Keith Richards die 70 längst passiert haben.

Roter Pyro-Nebel steigt pünktlich um 20.30 Uhr über der gigantischen Bühne auf. Das perkussive Intro von "Sympathy For The Devil" zaubert ein bisschen Wärme in die kalte Sommernacht. Und dann steht er auch schon da: Mick Jagger, in silberner Paillettenjacke, in der er ein bisschen wie Michael Jackson anmutet.

"Please allow me to introduce myself ..." singt er die erste Zeile des Abends, die fast schon ironisch wirkt. Seine Schultern zieht er am schlanken Körper hoch, Hüfte und Beine winden sich zum Tanz wie eine Schlange. "Woo-woo, woo-woo!", jault er im Vers. Keith Richards gibt mit Stirnband über dem verfilzten Haar den Piraten an der Rhythmus-Gitarre. Alles passt. Willkommen beim Europa-Tourauftakt der Rolling Stones in Hamburg!

Rosa Wolken und Voodoo-Rituale

Selten hatte es in der Elbmetropole im Vorfeld so viel Wirbel um einen Gig gegeben. Vom Konzert des Jahrzehnts war immer wieder die Rede. Damit die 82.000 Anhänger der berühmten roten Zunge auf der Festwiese des Stadtparks Platz finden, wurde das Areal binnen zwei Wochen in eine Open-Air-Arena mit zwölf Tribünen verwandelt. Eine logistische Meisterleistung.

Auch vom Wetter. Die letzten Tage hatte es immer wieder geregnet, weshalb die Stones ihre neue, 1100 Quadratmeter große Bühne nicht in dem Maße austesten konnten, wie erhofft. Doch am Sonnabend um 18 Uhr schieben rosafarbene Wolken die dunkle Regen-Decke einfach beiseite. Auch der Wettergott muss Stones-Fan sein! Oder hat etwa Keith Richards wieder sein bizarres Voodoo-Ritual eingesetzt, bei dem er mit einem 1,50 Meter langen Zauberstab den Regen vertreibt?

Jagger, der Jungbrunnen

Übertragung in Schwarz-Weiß. Das sah beinahe aus wie alte Aufnahmen aus den Sechzigern.
Übertragung in Schwarz-Weiß. Das sah beinahe aus wie alte Aufnahmen aus den Sechzigern.(Foto: picture alliance / Carsten Rehde)

"It's Only Rock'n'Roll (But I Like It)" ist der zweite Song des Abends. Auf der viergeteilten Leinwand wird der tanzende Jagger in seinen Skinny-Jeans nun in Schwarz-Weiß übertragen. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man annehmen, dass es sich dabei um alte Aufnahmen aus einer TV-Show der 1960er handelt. Denn der britische Sänger zählt zwar 74 Lenze, wirkt aber immer noch irgendwie jungenhaft und sprudelt nur so vor Energie! Gitarrist Ronnie Wood sorgt im giftgrünen Jacket für das breite Grinsen auf der Bühne. Charlie Watts wirkt auch dann noch wie ein Gentleman, wenn er seine Drums beackert.

Wer sich fragte, wie sich die Altrocker seit Dienstagabend die Zeit in Hamburg vertrieben haben, bekommt zumindest im Fall von Mick Jagger eine ungefähre Ahnung: mit Deutschpauken! "Moin Hamburg, guten Abend Deutschland!", tastet er sich langsam an das fremde Vokabular heran und fährt fort: "Es ist großartig, nach zehn Jahren wieder bei euch zu spielen. Ich hoffe, dass es bei uns besser laufen wird als bei Pink Floyd damals!" Die britischen Rocker durften 1989 zuletzt auf der Stadtpark-Wiese auftreten.

Kein Wort über das Wetter!

Der legendäre Frontmann hat auf seine alten Tage unheimlich viel Soul in der Stimme. Es geht ans Herz, wenn Jagger bei "Out Of Control" über die Vergangenheit sinniert. "I was young, I was foolish. I was angry, I was vain. I was charming, I was lucky. Tell me how have I changed", heißt es in dem Lied von 1998. Im Innenraum wird dazu ordentlich mitgesummt und gekuschelt.

Auf den höher gelegenen Tribünen sind die Temperaturen hingegen eisig, was sich auch auf das Stimmungsbarometer auswirkt. Es fühlt sich ein bisschen an, als würden die Stones ein Konzert in einem Kühlschrank geben. Watts trotzt den Graden mit weißen Hemden, die er übereinander trägt. "Don't mention the weather!", scheint indes das Motto von Jagger zu sein, der sich hoffentlich keine Unterkühlung holt, wo er jetzt nur noch im flatternden Satinhemd vor dem Publikum seine Kilometer läuft.

Die Stones als Gemälde

82.000 Fans der legendären roten Zunge kamen in Hamburg zum Konzert.
82.000 Fans der legendären roten Zunge kamen in Hamburg zum Konzert.(Foto: picture alliance / Carsten Rehde)

Die Blues-Cover-Songs des aktuellen Albums "Blue & Lonesome" kommen da gerade recht. Jagger spielt wärmende Klänge auf der Mundharmonika. Die romantische Ballade "Play With Fire", die die Stones seit 1990 nicht mehr im Programm hatten, inszenieren sie auf den Leinwänden wie ein wunderschönes Gemälde. Ihren Hit "You Can't Always Get What You Want" dekorieren sie mit Gospel und wechseln immer wieder das Tempo. Was für fantastische Musiker die Stones doch sind, wird hier einmal mehr deutlich! Abgerundet wird ihr Sound von Saxofonisten, einem Keyboarder und zwei Backgroundsängerinnen.

Die Stones überraschen, in dem sie "Dancing With Mr. D." aufführen. Das Stück stammt vom Album "Goats Head Soup" aus dem Jahr 1973 und schaffte es seit damals in keine ihrer Shows mehr. Auf den Leinwänden tut sich dazu ein Urwald auf. Via Twitter hatte die Band zudem Fans aufgefordert, einen aus vier Songs zu wählen, der beim Tourauftakt auf jeden Fall gespielt werden soll. "Under My Thumb" gewinnt die Abstimmung in Hamburg, und die Band scheint sich darüber zu freuen.

"Paint It Black", das 1966 zum ersten Nummer-Eins-Hit mit Sitar-Spiel wurde, ist auch 2017 noch ein echtes Highlight. "Honky Tonk Women" von 1969 sorgt für ausgelassene Stimmung. So langsam wird ein Klassiker nach dem anderen abgefeuert. Und man muss nicht mal Stones-Fan sein, um all ihre Lieder zu kennen. Nach der Bandvorstellung, bei der Richards wie gewohnt den größten Applaus absahnt, übernimmt dieser das Mikrofon als Leadsänger für zwei Songs. Bei "Slipping Away" klingt er erstaunlich nach David Bowie.  

Die Stones auf den Spuren der Beatles

Je länger der Abend, desto mehr ist Jagger zu Scherzen aufgelegt. "Hummel, Hummel" – kredenzt er den Hamburger Gruß. Und er will wissen, ob auch Leute aus Berlin, Bremen und Pinneberg anwesend sind. Der Mann hat seine Hausaufgaben gemacht! "Wir sind heute mit dem Kreuzfahrtschiff hergekommen", sagt er in Anspielung auf die Hamburg Cruise Days, die parallel im Hafen stattfinden. "Ein paar Kumpels aus Liverpool gaben uns den Tipp, dass die Stadt ein guter Ort sei, um eine Karriere zu starten", bringt er die ehemaligen Konkurrenten The Beatles in Erinnerung und erntet Lacher. Auch als Animateur in roter Bomberjacke und mit "Stones"-Shirt macht Jagger eine gute Figur: "Singt mit mir!", fordert er das Publikum auf.

Denn nun kommen schließlich die größten Hits der Stones und ein echtes Rock'n'Roll-Gewitter: "Start Me Up", "Brown Sugar", "(I Can't Get No) Satisfaction", "Gimme Shelter", "Jumpin' Jack Flash" - da bleibt kaum ein Wunsch offen. Nach 140 Minuten ist die Wahnsinns-Show vorbei. Die Musiker hängen sich in den Armen. Die Fans sind glückselig. Über den vier Zungen auf der Leinwand zündet ein Feuerwerk. Und unter die Freude, dabei gewesen zu sein, mischt sich der Gedanke, dass es vermutlich das letzte Mal gewesen sein dürfte, diese legendäre Band in Hamburg live gesehen zu haben.

Die Rolling Stones spielen im Rahmen der "No Filter"-Tour am 12. September im Münchener Olympiastadion und am 9. Oktober in der Düsseldorfer Esprit Arena. Pünktlich zur Tour erscheint am 22. September eine Jubiläumsausgabe des Rolling-Stones-Klassikers "Their Satanic Majesties Request". Sie können die "50th Anniversary Special Edition" mit Stereo- und Monoversionen aller Songs, neu gemastert von Bob Ludwig, hier bestellen oder bei Amazon und iTunes downloaden.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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