Musik

Geständnisse des Peter Heppner "Du diskutierst nur mit den Vollidioten"

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Peter Heppner hat nicht nur ein neues Album, sondern gleich zwei.

(Foto: Mathias Bothor)

Erst die Band Wolfsheim, dann das Joachim-Witt-Duett "Die Flut", dann solo. Doch egal wie, Peter Heppners Stimme zieht einen immer an wie die Motten das Licht. Nun bringt er gleich zwei Alben auf einmal raus. Mit n-tv.de spricht er aber auch über "Promi Big Brother", Idioten und die AfD.

n-tv.de: Herr Heppner, sechs Jahre lang haben Sie kein Album mehr veröffentlicht. Warum hat das so lange gedauert?

Peter Heppner: Das hatte gesundheitliche Gründe. So ist das halt, wenn man älter wird. Bei mir waren die Probleme sehr speziell: Ich hatte eine Herzdisposition, das heißt, eine Verdickung der Herzwand. Das wird im Leben immer schlimmer. Jetzt um die 50 musste bei mir etwas dagegen getan werden. Und bis ich wieder richtig einsatzfähig war, dauerte es einfach zwei Jahre. So kam es zu dieser besonders langen Verschiebung - drei oder vier Jahre an einem Album zu arbeiten, ist für mich dagegen keine Besonderheit.

Nun ist es ja aber nicht nur ein Album geworden, sondern es sind gleich zwei: das eher "typische" Peter-Heppner-Album "Confessions & Doubts" und "TanzZwang" im Dance-Gewand ...

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Mit "Confessions & Doubts" erscheint nach sechs Jahren Pause wieder ein Album von Peter Heppner.

(Foto: Sony Music)

Ja, aber das hat mit der Entstehungsdauer wieder nichts zu tun. Ich habe die Arbeit an der Platte diesmal vielmehr mit einem einzigen Komponisten angefangen: Dirk Riegner, der auch mein Live-Keyboarder und ein sehr guter Freund von mir ist. Wir haben einfach mal drei, vier Sessions gemacht. Dabei sind wir so gut vorangekommen, dass wir auf einmal mit 30 Song-Ideen dastanden. Und die waren alle geil. Was sollte ich jetzt damit machen? Ein Doppelalbum fand ich doof.

Warum?

Ich finde, es gibt nur sehr wenige Beispiele von Doppelalben, die wirklich tragen. Bei vielen denke ich mir: Hätten sie nur die besten Stücke herausgesucht, wäre es die bessere LP gewesen. Ich wollte für mich eine andere Lösung finden. Während des Schreibens mit Dirk kam dann die Idee auf, die Stücke in "tanzbar" und "nicht tanzbar" aufzutrennen. So konnte man auch die tanzbareren Stücke von echten Dance-Produzenten produzieren lassen. So haben wir es dann auch gemacht. Das heißt: Die eine Platte ist komplett von Alex Lys mit mir zusammen produziert worden. Das Tanz-Album wurde dagegen fast ohne mein Zutun produziert. Die meisten Songs haben wir weggeschickt, nach drei Wochen wiedergekriegt und hatten - ups - ein Stück.

Ist es Ihnen leicht gefallen, die Verantwortung so aus der Hand zu geben?

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In Sachen Kunst ist Peter Heppner ein Kontroll-Freak.

(Foto: Mathias Bothor)

Das war für mich auf jeden Fall eine neue Erfahrung. Normalerweise bin ich bei Produktionen schon etwas besitzergreifend. (lacht) Was das, meine Musik und Kunst angeht, bin ich ein ziemlicher Kontroll-Freak, aber nicht im Leben.

Wo fühlen Sie sich 2018 eher zu Hause - beim entspannten Elektropop oder in der Tanzmusik?

Die Frage stellt sich nicht. Ich fühle mich nirgends mehr oder weniger zu Hause. Ich bin von Anfang an mit dem Ziel angetreten, gute Popmusik zu machen und nicht irgendein komisches künstlerisches Geschwurbel. Dass meine Musik dennoch Gehalt haben muss, war für mich eine Selbstverständlichkeit. So habe ich auch schon immer tanzbare Musik gemacht. Das war schon vor 20 Jahren so, als ich mit Schiller zusammengearbeitet habe.

Ein Song, der auf "Confessions & Doubts" heraussticht, ist natürlich das Duett "Was bleibt" mit Joachim Witt. Das erscheint pünktlich genau 20 Jahre nach "Die Flut" - ihrem ersten, sehr erfolgreichen Duett mit Witt. Feiern Sie mit "Was bleibt" also so etwas wie ein Jubiläum?

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Eigentlich nicht, denn es war nicht so geplant. Tatsächlich hatte mich Joachim schon vor sechs Jahren gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das Stück zusammen mit ihm zu machen. Die Musik und die Strophenparts, die er heute singt, standen damals schon. Und auch mir ist schließlich das Richtige dazu eingefallen. Wir hatten auch schon ein kurzes Demo produziert, doch dann gab es etwas Schwierigkeiten mit seiner Plattenfirma - und wir haben die Sache erst einmal auf Eis gelegt. Als wir jetzt über die Planung meines Albums gesprochen haben, war klar, dass das Stück da nun mit drauf soll. Und erst da ist uns lustigerweise aufgefallen, dass 2018 auch das Jubiläumsjahr von "Die Flut" sein würde.

Joachim Witt hat als Künstler ja eine ziemlich bewegte Geschichte hinter sich - von seinen musikalischen Erfolgen mit der Neuen Deutschen Welle oder mit "Die Flut" bis hin zu Phasen, in denen er sogar bei "Promi Big Brother" auftrat. Wie blicken Sie darauf?

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Sagen wir mal so: Joachim und ich kennen und mögen uns, sonst könnten wir auch nicht zusammenarbeiten. Aber wir sind nicht miteinander befreundet. Deshalb habe ich das zwar zur Kenntnis genommen, aber ohne daran teilzunehmen. Trotzdem tat mir vieles leid. Und einige Entscheidungen, die er getroffen hat, fand ich von außen auch komisch. Allerdings sehen viele Entscheidungen, die man als Künstler oder Mensch trifft, von außen komisch aus und ohne die Innensicht zu kennen, kann sich niemand ein Urteil erlauben. Joachim ist kein Hallodri, sondern durchaus selbst reflektiert. Er wird deshalb für jede seiner Entscheidungen gute Gründe gehabt haben, auch wenn ich bei "Promi Big Brother" ins Grübeln geraten bin.

Sie würde man dort also nicht sehen?

Zumindest würde ich sehr viel tun, um das zu vermeiden. Es mag aber natürlich sein, dass das oder so etwas Ähnliches irgendwann nicht mehr vermeidbar ist. Wir wissen schließlich alle, dass das Musik-Business kein Wachstumsmarkt ist - ganz im Gegenteil sogar. Das heißt: Im Grunde kann man als Musiker sein Leben kaum noch bestreiten. Die einzige Möglichkeit, die es noch gibt, sind Live-Auftritte. Alles andere funktioniert nicht mehr. Da muss man sich schon überlegen, wie man das hinkriegt. Auch für mich ist das nicht einfach. Dass man heutzutage viele Musiker sieht, die scheinbar komische Dinge tun, die sie vor 20 Jahren vielleicht nicht getan hätten, liegt einfach daran.

War es also früher besser?

Ich bin jedenfalls froh, noch genug von der Zeit mitgekriegt zu haben, in der man, auch als Indie-Band, noch richtig Platten verkaufen konnte. Das war eine tolle Sache und super Luxus. Nicht, weil wir wie die Blöden Geld gescheffelt hätten, aber weil uns das unglaublich gute Möglichkeiten gegeben hat. Ich musste im Grunde schon nach der ersten Wolfsheim-Platte nicht mehr arbeiten, um mein Leben zu finanzieren, und konnte mich so komplett auf die Musik konzentrieren.

Wolfsheim ist ein gutes Stichwort. Manche Fans trauern Ihrer früheren Band immer noch hinterher und ich muss Ihnen die notorische Frage stellen: Gibt es noch Hoffnung auf ein Comeback?

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Peter Heppner mit Markus Reinhardt als Band Wolfsheim.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Also ich wüsste nicht, wie es gehen soll. Da ist nicht von meiner, aber von anderen Seiten viel Porzellan zerschlagen worden, von dem ich nicht weiß, wie es gekittet werden sollte. Ich wollte Wolfsheim nie beenden, weil es auch immer mein Baby war, in das ich viel investiert habe. Prinzipiell bin ich immer noch der größte Wolfsheim-Fan der Welt - aber damit weiterzumachen ist mir irgendwann verwehrt worden.

Dabei waren Wolfsheim seinerzeit tatsächlich eher ein Szenephänomen. Als Solokünstler waren Sie eigentlich erfolgreicher ...

Deutlich erfolgreicher sogar, wenn ich das mal an Verkaufszahlen oder der Verbreitung festmache. Ich werde heute auch sehr viel seltener auf Wolfsheim angesprochen als auf die Nebenprojekte. Wenn ich auf etwas angesprochen werde, ist es eigentlich meistens "Die Flut", vielleicht noch "Wir sind wir" oder die Sachen mit Schiller.

Sie sagen, Sie wollten immer Popmusik machen, wurden mit Wolfsheim aber ja trotzdem zu Lieblingen der Gothic-Szene. War das ungewollt?

So würde ich es nicht sagen. Man kann sich seine Fans ja nicht aussuchen. Und mein Anspruch war ja nicht, einfach nur Popmusik zu machen, die sich am besten noch gut verkauft, sondern qualitativ hochwertige Popmusik. Meine musikalische Sozialisation fand in den 80er Jahren statt. Was hatten wir da in Deutschland an Popmusik? Modern Talking, CC Catch, Sandra ... Es war eigentlich ein Muss, da etwas Besseres machen zu wollen. (lacht) Dafür hat man aber erst einmal auch kein Konzept und probiert alles Mögliche aus. Dafür gab es eben mehr Zuspruch aus der Szene, vielleicht weil sie experimentierfreudiger und auch offener ist. Der Mainstream ist dagegen träge. Bis die große Masse etwas gut findet, dauert es halt ein bisschen.

Ich würde mal behaupten, es ist unbestritten, dass Sie eine herausragende Stimme haben. Ihnen würden viele wahrscheinlich noch zuhören, wenn Sie aus dem Telefonbuch vorsingen würden. Haben Sie dieses Phänomen mal für sich selbst ergründet?

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Peter Heppner dachte zu Beginn seiner Karriere, er habe lediglich eine durchschnittliche Stimme.

(Foto: Mathias Bothor)

Das Lustige ist, dass ich am Anfang immer meinte, ich hätte eine stinknormale Stimme - kein bisschen ungewöhnlich, toll oder auffällig. Ich dachte, um wiedererkennbar zu werden, bliebe mir nur das Songwriting - indem ich ungewöhnliche Texte schreibe und sie auf ungewöhnliche Art und Weise singe. Ungewöhnlich heißt aber erst einmal komisch und auch nicht unbedingt gut. Um am Ende ein Popstück zu haben, das zwar ungewöhnlich, aber trotzdem gut ist, muss man noch ein paar Wochen zusätzlich daran arbeiten. So habe ich mich selbst dazu erzogen, nie die erstbeste Idee zu nehmen, sondern immer zu warten, bis die ungewöhnlichste und allerbeste Idee kommt. Vielleicht liegt es daran, dass meine Stimme so wiedererkennbar ist und die Menschen sie für besonders halten.

"Was bleibt" befindet sich auf "Confessions & Dance". Auf "TanzZwang" gibt es dagegen den Song "Fremd in diesem Land" mit durchaus aktuellem politischen Bezug. Wie meinen Sie ihn?

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Auf die Grundidee kam ich dadurch, dass mir etwas Merkwürdiges aufgefallen ist: Die verschiedensten Gruppen in diesem Land sagen, sie fühlten sich hier fremd. Als ich dann näher guckte, wer das so alles sagt, reduzierte sich das auf zwei Gruppen: Zum einen die Leute, die tatsächlich fremd in diesem Land sind, zum anderen aber teilweise auch Leute, die hier geboren sind oder bereits seit Generationen hier leben. Dass Menschen auf völlig verschiedenen Wegen an diesem Punkt landen, fand ich hochinteressant - künstlerisch, aber auch psychologisch und soziologisch. In dem Song habe ich das mal nebeneinandergestellt und so näher angeguckt.

Sie wurden in der Vergangenheit immer mal wieder mit der Gesinnungsfrage konfrontiert, sei es wegen des Bandnamens Wolfsheim, wegen des Satzes "Wo ist der Führer, der mich führt?" im Song "The Sparrows And The Nightingales" oder wegen des Lieds "Wir sind wir". Hat sie das tangiert?

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Nein. Denn diese Diskussionen gab es eigentlich nur mit Leuten, die einen sehr eingeschränkten Horizont haben. Du diskutierst immer nur mit den Vollidioten. Die intelligenten Leute wissen dagegen, woher ich komme und wie sie es zu verstehen haben. Sie hören sich auch mehr als ein Lied an und hören bei einem Text nicht nur auf einen Satz. Insofern nervt es auf der einen Seite natürlich schon ein bisschen. Auf der anderen Seite hat es mich herzlich wenig interessiert.

Die Thüringer AfD um Björn Höcke hat "Wir sind wir" eine Zeit lang als Auftrittsmusik verwendet. Hat Sie das gestört?

Jein. Wir hatten das ja schon: Man kann sich seine Fans nicht aussuchen. Und eigentlich ist es doch schön, wenn die AfD diesen Song spielt und nicht irgendwelche anderen Lieder, die sie wirklich besser nicht spielen sollte. So hat sie wenigstens gute Musik dabei. (lacht) Und vielleicht denkt der eine oder andere über das, was in dem Lied gesagt wird, dann auch mal nach. Das Lied hat ja nicht die dumpfe Aussage, wie toll wir in dem Land seien - ganz im Gegenteil. Ich erwähne darin nicht einmal die Worte "Deutschland" oder "Deutsch". Gerade mit dem Video gepaart ist klar, dass es keine Jubelhymne ist.

Paul van Dyk, mit dem zusammen Sie "Wir sind wir" gemacht haben, hat sich dagegen entschieden gegen die Verwendung des Songs durch die AfD ausgesprochen …

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Ich möchte nichts dazu sagen, weshalb Paul das gemacht hat. Das war halt sein Weg, damit umzugehen. Meiner ist aber ein anderer. Zumal du als Künstler in Wahrheit nicht viel dagegen tun kannst. Du kannst höchstens dagegen vorgehen, dass der Song wirtschaftlich genutzt wird, etwa in einer Wahlwerbung, aber nicht dagegen, dass er irgendwo aufgeführt wird. Wenn sie ihre Gema-Gebühren abführen, war es das. Dagegen hast du keine Handhabe. Die AfD hat ja auch nicht als erstes das Lied für sich benutzt.

Sondern?

Da hatten wir auch schon die CDU und einige Vereine, die das wollten oder einfach gemacht haben. Auch in so einer komischen Multimediashow am Reichstag wurde es über Jahre gespielt. Also benutzt wurde es so oder so schon von vielen. Das kann ich mir nicht aussuchen. Wenn so ein Stück draußen ist, ist es draußen und ich kann als Künstler nicht mehr viel tun. Das sehe ich auch nicht als meine Aufgabe. Meine Aufgabe als Künstler ist es, vorher alles richtig zu machen, um dann vielleicht die richtigen Leute zu erreichen.

Der letzte Song auf "Confessions & Doubts" ist "Theresienstadt". Er soll auch in dem Musikdrama "Die Kinder der toten Stadt" Verwendung finden ...

Ja, dafür ist das Lied auch gemacht worden.

Wie kam das?

Ganz einfach: Ich wurde gefragt. Aber wenn ich ehrlich bin, fand ich das erst einmal komisch. Es geht ja um das Thema KZ. Und dazu ein Musical zu machen, finde ich, gelinde gesagt, gewagt. Denn genau das ist es: ein Musical, auch wenn nun lieber von einem Musikdrama gesprochen wird. Aber wir haben uns dann zusammengesetzt, um unsere gegenseitigen Ansprüche und Bedenken zu besprechen, und sind uns erstaunlicherweise dabei sehr schnell einig gewesen. Ich war dann selbst von dem Projekt immer mehr begeistert und habe das gerne unterstützt.

Um den Bogen zum Beginn unseres Gesprächs zu spannen, als Sie Ihre gesundheitlichen Probleme angesprochen haben. Wie geht es Ihnen heute?

Gut. Das mit dem Herz merke ich nicht mehr groß. Aber ich merke natürlich, dass ich keine 17 mehr bin. Mittlerweile würde ich sagen: Mir geht es wie einem normalen 50-Jährigen.

Der Song "Was bleibt" wirft die Frage auf, was man als Mensch wirklich hinterlassen kann. Was möchten Sie, dass von Ihnen bleibt?

Meine Kunst, hoffe ich. Und davon möglichst viel. Man weiß ja nicht, wie es in 100 Jahren mit der modernen Musik sein wird. Aber ich glaube, ich habe eine ganz gute Chance, durch meine Kunst ein bisschen unsterblich zu werden.

Mit Peter Heppner sprach Volker Probst.

Quelle: n-tv.de

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