Musik

"HipHop ist der Rausschmeißer" Fanta4 - We Are Family

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Fanta4 - sind für alle da.

(Foto: Robert Grischek)

Smudo und Michi Beck haben hervorragende Laune, denn ihnen wird der Fred-Jay-Preis verliehen. Der was? Der Fred-Jay-Preis. Und der ist gar nicht mal so unwichtig, denn es geht um das deutsche Liedgut. Und dass die Herren von den Fantastischen Vier dazu einiges beigetragen haben, steht wohl außer Frage. Außerdem haben wir über den bevorstehenden Eurovision Song Contest geredet, den brachliegenden Echo, den wiederbelebten Baltic Soul Weekender und alte Helden.  

Seid ihr nicht ganz schön sauer, dass ihr den Fred-Jay-Preis, in dem es immerhin um Wörter, Texte und den Reim im Allgemeinen geht, erst jetzt bekommt?

Smudo: Ja, wir sind total sauer (lacht).

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Sehnlichst erwartet, jetzt haben sie ihn.

(Foto: imago/pixelpress)

Michie Beck: Den Preis gibt es seit 1989 und der einzige Grund, den wir uns erklären können, ist wohl der, dass der Text zu "Saft" - beide legen los: "Gib mir deinen Saft ich geb' dir meinen" - den Ausrichtern des Preises, wohl vor allem zu Lebzeiten der Witwe von Fred Jay (Anm. d. Red.: der so außergewöhnliche Texte komponiert hat wie: "Ra-Ra-Rasputin, Lover of the Russian Queen", Sie erinnern sich, Boney M., Frank Farian? Und nach dem der Preis der GEMA benannt wurde) aufgestoßen ist.

Smudo: Jetzt kriegen wir ihn jedenfalls endlich! (lacht)

Wo wir schon über Texte reden: Wie merkt ihr euch eure teils ellenlangen Texte? Oder sowas wie "MfG - Mit freundlichen Grüßen"?

Michi Beck: Speziell der hat eine Weile gebraucht. Aber man hört den ja beim Machen, beim Texten, und das dauert schon mal ewig, dann nimmst du ihn auf, und dann hörst du ihn wieder, wenn die Platte fertig ist. Aber stimmt, bei "MfG" war es ein Sonderfall, da baut man sich auch künstliche Logikketten. Und - für live - haben wir uns Überleitungseselsbrücken konstruiert, aber dann sitzt das auch.

Ihr habt schon so viele Preise bekommen - was bedeutet euch noch eine weitere Preisverleihung?

Smudo: Das ist ein legendärer Preis! Den gibt es seit 1989 und das ist das Jahr, seit dem wir uns "Die Fantastischen Vier" nennen. Das war ein langer Prozess, wo wir von englischsprachigen zu deutschsprachigen Texten gewechselt sind. Kollegen, Freunde, die Musikindustrie - alle hatten ihre Zweifel, ob HipHop auf Deutsch nun so eine gute Idee sei. Damals herrschte noch Katerstimmung nach der eingestürzten Neuen Deutschen Welle, und jetzt wieder auf Deutsch? Aber wir waren auf dem Trip, dass das was ganz Eigenes ist, yeah, wir machen nichts nach! Und dann hör' ich im Südwestfunk, dass dieser Preis an Jule Neigel geht. Wirklich getroffen war ich aber erst später, als dann Ayman und Freunde den Preis bekommen habe. Nichts gegen Ayman, aber das war sein erstes Album und wir hatten schon 12 Jahre, 5 Alben und nach Herbert Grönemeyer das zweite deutsche Unplugged hinter uns gebracht.

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Gib mir deinen Saft ...?

(Foto: imago/pixelpress)

Michi Beck: Was hat der Ayman nochmal gesungen?

Du bist mein Stern …

Smudo: Ein Fall von Integrationsgeste, glaube ich.

Michi Beck: So, wie Bushido mal den Integrationsbambi bekommen hat, nehme ich an …

Smudo: Genau. Aber zurück zum Fred-Jay-Preis - der Name allein ist schon cool und ich dachte: Den Preis für die deutsche Textdichtung, den müssen wir kriegen, das ist UNSER Preis!

Michi Beck: Den wollten wir haben, jawohl!

Smudo: Ich hab' jedenfalls schon meine Rede geübt.

Kurz mal zu einem anderen Preis: zum Echo. Der wird gerade so ein bisschen durch den Kakao gezogen, oder?

Smudo: Ja, das ist echt ein schwieriges Thema. Als Preis der Deutschen Phono-Akademie geht es natürlich um Umsätze, ganz klar, aber deswegen ist der Preis eben auch das traurige Abbild des Plattenkäufers. Ich finde, dass der Echo dieses Jahr (zögert) eine echt langweilige Veranstaltung war.

Das darf man so sagen?

Beide: Natürlich, hat doch jeder gesehen!

Michi Beck: Diese Umsatzchartsgeschichte ist einfach nicht spannend …

Smudo: ... man müsste es viel Grammy-mäßiger machen …

Michi Beck: … es ist wie die Schere in der Welt, die zwischen ganz Reich und ganz Arm aufgeht, so scheint es auch bei der Musik zu sein (lacht).

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Wie die Schere auf der Welt ...

(Foto: imago/APress)

Smudo: Beim Echo fehlt ein programmatischer Teil, wo man mitgestalten kann. Das Ziel sollte sein, dass man da etwas Künstlerisches vorstellt, um die ganze Bandbreite zu zeigen. Es war auch schade, dass unser Kollege Kollegah so spät einen Preis bekommen hat.

Zwei sogar.

Smudo: Ja, aber erst zum Schluss. Das ist so typisch, HipHop ist immer der Rausschmeißer.

Ihr habt Ideen, das Ding aus dem Kakao zu ziehen?

Smudo: Da muss ein bisschen mehr Glanz dazukommen. Aber das sagt sich leicht.

Michi Beck: Ja, man muss sich einen anderen Modus überlegen.

Kommen wir zur nächsten, auch nicht ganz so einfachen Veranstaltung: dem ESC.

Michi Beck: (lacht) Zum ersten Mal bin ich da so richtig drin.

Ihr habt ja auch dieses supersüße Mädel am Start.

Beide: Diese supersüße Mädel? Welches supersüße Mädel (lachen)?

Wie bereitet ihr euch darauf …

Smudo: … jeden Tag hundert Liegestütze, Protein-Drinks …

Okay, wie bereitet ihr Jamie-Lee darauf vor? Darauf, dass es auch in die Hose gehen kann, die ist noch so jung und singt so toll …

Smudo: Wir schrauben die Erwartungshaltung einfach eine Stufe runter.

Michi Beck: Wir haben zum zweiten Mal bei "The Voice of Germany" mitgemacht, zwei Mal das Ding gewonnen, dann muss man ja noch was anderes ausprobieren. Und nachdem klar war, dass alle wollen, dass Jamie-Lee für Deutschland antritt und es echt schwierig ist, selbst als Gewinner einer so tollen Sendung wie "The Voice" nicht einfach zu verpuffen, haben wir gedacht: Ja, warum denn nicht da auch noch mitmachen? Und durch ihren ganzen Style ist sie schon so auffällig und man verlangte quasi nach ihr (lacht). Nachdem sie und ihr Management dann ja gesagt haben, haben wir als Coaches da auch Lust drauf. Als musikalische "Papas" sind wir natürlich die Berater, Protegés und Ansprechpartner.

Smudo: Role Models!!

Michi Beck: Wir besuchen sie auf jeden Fall vor Ort, um ihr Kraft zu geben, ein paar Beiträge zu machen und sie zu pushen.

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Hauptsache, sie freut sich!

(Foto: dpa)

Smudo: Und dann wir beide vorm Fernseher mit Deutschlandfähnchen!

Michi Beck: Wir gucken uns das auf jeden Fall an!

Dann hoffen wir mal, dass sie wirklich nicht untergeht.

Smudo: Ich finde, Jamie-Lee passt da total rein, mit ihren fantastischen Outfits und dem wirklich sehr schönen Song. Und dann als junges Mädchen mit künstlerischen Ambitionen, das sieht man ihr doch an! Wir Deutschen haben da ja keinen so guten Ruf (lacht) …

Michi Beck: Vielleicht auch, weil Deutschland ja gerade eine eher kontroverse Stellung in Europa hat, von der Politik her, wird es sicher schwer …

Smudo: Könnte aber auch ein Schlüssel sein …

Michi Beck: Genau, weil sie nicht so typisch deutsch ist. Und sie hat 'ne super Stimme und sie wird immer besser!

Smudo: Hauptsache, sie freut sich am Schluss, das ist immer so schön.

Apropos freuen: Ihr seid schon lange dabei und habt es geschafft, Generationen mit eurer Musik zu beglücken. Eltern wie ich gehen mit ihren zehnjährigen Kindern auf eure Konzerte und amüsieren sich zusammen. Wo bleibt denn da dieser Moment, wo Kinder über die Musik ihrer Eltern stöhnen und umgekehrt?

Michi Beck: (lacht) Der kommt noch, keine Sorge, so in drei vier Jahren!

Smudo: Dann kannst du wieder alleine zu den Fantas gehen!

Michi Beck: Wir haben aber auch viele Teens!

Smudo: Ich fand aber früher auch die Musik geil, die mein Vater gut fand, also zum Teil. Ist ja auch eine Frage des Typs. Aber da hat sich was verändert, tatsächlich, früher war Musik viel mehr Identifikationskultur, um Abstand zu seinen Eltern zu bekommen, und das ist heute vielleicht nicht mehr so sehr der Fall, deswegen gibt es diesen großen Konflikt zwischen Eltern und Kindern auch nicht mehr. Vielleicht läuft das eher über die Klamotten, oder Kino, was weiß denn ich ….

Du hast gerade auf dem Baltic Soul Weekender aufgelegt ...

Smudo: … ja, da haben wir auch so einen Familien-Gedanken. Da kommen die Leute inzwischen auch mit ihren Kindern hin.

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Baltic feelings in Bispingen.

Das Festival musste ein Jahr aussetzen, und jetzt hast du dich mit darangemacht, das Ganze wieder zu beleben. Warum? Es gibt doch eh schon so viele Festivals.

Smudo: Nicht ich alleine, sondern wir, also unsere Booking-Company Four Artists. Es ist ein so schönes Festival und der Gedanke dahinter gefällt mir. Ich lege seit zehn Jahren hier auf, seit es das Festival gibt, ich liebe das, ich mag den Dan (Anm.d.Red.: Daniel Dombrowe, Gründer und Veranstalter des Weekenders) und ich merke auch, was mein persönliches Alter angeht, dass das Ding einen Markt hat: Musikunterhaltung für Leute, die sonst in den aktuellen Charts und den damit verbundenen Musikveranstaltungen nicht so richtig ihre Plätze haben.

Früher war das an einem Ostsee-Strand, jetzt ist es in Bispingen, "in the Middle of Nowhere". Was ist da der Vorteil dran?

Smudo: An der Ostsee war es eben am Rande von Nowhere. Es gab technische, logistische und leider auch Abstimmungsgründe, die uns haben umziehen lassen. Aber auch jetzt gibt es mit dem See die direkte Nähe zum Wasser, die Bungalows und das Hotel liegen ruhiger und sind moderner. Und das Essen ist deutlich besser (lacht).

Man braucht leider gar keine neuen Gummistiefel …

Smudo: Nee, aber so ein Festival, das wollten wir, die Fantas, in unserer Firma unbedingt im Portfolio haben. Es gibt da mehrere Dancefloors, junge DJs, alte DJs, Soulgrößen wie die Sisters Sledge, Kurtis Blow – these are the breaks!! - aber auch Neuentdeckungen. Ich kann mir zum Beispiel sehr gut den Seven hier vorstellen, der jetzt unser Vorprogramm war. Joy Denalane hat da mal gespielt, Fettes Brot! Ich hoffe, dass das so weitergeht. Ich bin jedenfalls stolzer Baltic Soul Resident DJ (lacht).

Michi Beck: Sorry, eines muss ich jetzt auch noch loswerden: Wenn ich diese jungen Fans sehe, dann berührt mich das. Es erinnert mich an uns früher, als wir angefangen haben, Musik zu machen. Es erinnert mich daran, wie wir James Brown, der unser Hero war, gesampelt haben. Und jetzt funktioniert das vielleicht so all-time-classics-mäßig wieder, mit uns (lacht).

Smudo: Das hast du schön gesagt, Michi!

Mit Michael Bernd Schmidt und Michael Beck sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de