Musik

Gianna Nannini im Goldrausch"Ich habe in Deutschland meine musikalische Identität gefunden"

01.05.2026, 16:07 Uhr
00:00 / 14:25
GN_DSC_2448
Hat die kommenden fünf Jahre schon durchgeplant: Gianna Nannini. (Foto: Heiko Roith)

Im Jahr 1976 veröffentlicht die damals 21-jährige Gianna Nannini ihr erstes Album, das nach ihr selbst benannt ist. Dieses runde Jubiläum feiert die Italienerin im September unter dem Motto "GiannaGold" mit einem einzigen Konzert in der legendären Berliner Waldbühne. Im Interview mit ntv.de erklärt die "Bello e impossibile"-Sängerin, inwiefern Deutschland wichtig für ihre musikalische Identität war und bis heute eine besondere Rolle für sie spielt.

ntv.de: Sie haben sich entschieden, Ihr einziges Jubiläumskonzert samt Symphonieorchester in der Berliner Waldbühne zu spielen. Warum fiel die Wahl genau auf diese Location?

Gianna Nannini: Der Promoter kam bereits vor zwei Jahren mit diesem Vorschlag auf mich zu. Ich habe sofort zugesagt, denn es ist ein Ort, der weltweit die beste Akustik bietet. Mein Ziel ist es, dort ein symphonisches Erlebnis zu schaffen, um das kommende Jahr gebührend zu feiern. Ich glaube nicht, dass viele Künstler mit der passenden Musik dort spielen können. Man muss in den Arrangements absolut perfekt sein. Es ist eben nicht einfach nur ein Konzert, wie man es in einer gewöhnlichen Arena erlebt. Es ist etwas Besonderes, weil man sich mitten in der Energie der Bäume befindet. Es wird im Grunde wie ein Metal-Konzert, denn die Symphonie zieht einen auf der Bühne in unglaubliche Höhen. Mit einem Orchester aufzutreten, ist für mich außergewöhnlich. Ich denke, ich habe mir dafür den besten Platz der Welt ausgesucht.

Sie haben 1988 schon einmal dort gespielt. Erinnern Sie sich noch gut daran?

Ich erinnere mich zumindest daran, dass man dort alles spüren kann. Die Musik an diesem Ort kennt kein Alter.

Ein Auftritt mit einem kompletten Orchester ist ein großer Unterschied zu Ihren sonstigen Shows. Wie gehen Sie dieses Projekt an?

Ich habe bisher erst ein einziges Mal in der Arena di Verona mit einem Symphonieorchester gespielt. Damals hat es geregnet, was für mich und die Stimmung der Streichinstrumente gar nicht gut war. Feuchtigkeit ist Gift für diesen Sound. Ich hoffe also inständig, dass es diesmal trocken bleibt. In gewisser Weise ist es für mich wie ein erstes Mal. Es geht bei dieser Komposition nicht darum, meine Rocksongs einfach nur neu zu verpacken. Ich sehe mich als Teil der Symphonie, als Teil des Klangs. Das ist mittlerweile fest in meinem Stil verankert.

Wie muss man sich die Proben dafür vorstellen?

Wir proben einige Tage vorher sehr intensiv. Zuvor arbeiten wir getrennt an den Stücken, und dann kommt der Moment, in dem wir alles zusammenfügen.

Dieses Konzert markiert den Beginn einer neuen Phase, "GiannaGold". Sie planen darunter die nächsten fünf Jahre. Was genau darf man erwarten?

Ich muss planen. Es ist ein wichtiger Punkt nach so vielen Jahren im Musikgeschäft. Wir sind jetzt bereit für echte "europäische Musik". Ich möchte das Konzept, an dem ich jahrelang experimentiert habe, verstärken: diesen europäischen Rhythmus zusammen mit der italienischen, mediterranen Melodie. Wir haben den Sound endlich gefunden und gestaltet. Berlin ist dafür der perfekte Ort, um diesen Kampf für europäische Musik zu beginnen.

Dennoch bleibt Ihre Musik untrennbar mit Italien verbunden. Wie sehen Sie sich selbst?

Ich wurde in Siena geboren, natürlich ist meine Musik italienisch identifiziert. Aber das Entscheidende war, die italienische Melodie mit dem europäischen Rhythmus zu kreuzen. Das war nicht einfach. Der legendäre Produzent Conny Plank hatte diese besondere Gabe, den richtigen Rhythmus zu finden. Ich versuche heute, das Typische aus Europa zu betonen, egal ob ich mit Produzenten in Amerika oder England arbeite.

Wie geht es nach dem Jubiläumskonzert weiter?

Danach gehen wir auf eine große Arena-Tour durch Europa, natürlich auch durch Deutschland im Jahr 2027. Wir werden wahrscheinlich in Italien starten. Dieses Jahr spiele ich noch auf Rockfestivals, das nächste Jahr ist dann komplett voll mit Ereignissen.

Sie haben mal gesagt, dass Deutschland für Sie mehr als nur ein Absatzmarkt ist. Was verbindet Sie mit dem hiesigen Publikum?

Mein allererstes Album, das war ich pur. Mein erstes Konzert habe ich damals beim Kölner Rundfunk gegeben. Das Publikum dort begann, mich und mein Spiel am Klavier zu schätzen. Das war 1976. Danach spielten wir noch in kleineren Sälen, aber es war für mich der große Durchbruch in Europa. In dieser Zeit traf ich auch Conny Plank, der für mich ein absoluter Held war. Deutschland war meine Initiation. Manche Menschen reisen dafür nach Afrika, ich ging nach Deutschland, um meinen Stil und meine Identität zu finden. Wir haben mit experimenteller Musik und elektronischen Instrumenten wie dem ARP Odyssey oder Oberheim gearbeitet. Das waren die Elemente, die meinen Sound erschaffen haben.

Conny Plank ist leider schon 1987 verstorben. Tragen Sie seine Vision noch immer in sich?

Ich weiß nicht, ob ich jemals noch einmal jemanden wie ihn treffen werde. Aber ich möchte dazu beitragen, dass die verschiedenen Musikrichtungen in Europa zusammenfinden. Ich möchte Musiker ermutigen, ihre eigene Kultur zu bewahren. Popmusik entsteht oft aus der Folkmusik der jeweiligen Länder. Conny hat Musikerinnen und Musikern immer geholfen, ihren eigenen Weg, ihre eigene Straße zu finden.

Sie haben auch die Berliner Elektronik-Szene erlebt. Wie sehr hat Sie das geprägt?

Ich fand die elektronische Szene mit Künstlern wie Apparat sehr faszinierend, weil es eine sehr analoge Art der Elektronik war. Viele Menschen kamen damals aus genau diesem Grund nach Berlin. Conny Plank hat diese Entwicklung schon früh antizipiert. Dennoch habe ich es immer vorgezogen, wenn eine echte Band spielt. Wir waren wie eine Troika, wir haben das immer gemischt.

Gianna Nannini auf RTL+ Musik

Entdecken Sie die Musik von Gianna Nannini jetzt auf RTL+ Musik

gianna_live_2016

(Foto: Simone de Luca)

Wenn Sie auf die vergangenen 50 Jahre zurückblicken - welche Entscheidungen hatten den größten Einfluss auf Ihre Karriere?

Ich glaube fest daran, dass man Risiken eingehen muss. Wenn man etwas Neues entdeckt, darf man seine Vision nicht stoppen, nur weil man gerade Erfolg hat. Erfolg ist für mich nur ein Schub, um noch mehr Möglichkeiten zu haben, in andere Länder zu reisen und von anderen Kulturen zu lernen. Ich bin während des Krieges allein in den Irak gereist, um dort Künstlern zu helfen. Solche Erfahrungen inspirieren dich, neue Texte und Melodien zu schreiben. Man darf niemals aufhören, zu forschen. Man muss das Risiko eingehen und sagen: "Lass uns dorthin gehen, auch wenn wir vielleicht nicht zurückkommen."

Interessiert es Sie, was junge Rockbands heute so machen?

Ich mag den Sound einer echten Band generell sehr. Ich habe das Gefühl, dass gerade aus Polen interessante Rock-Neuigkeiten kommen. Mich fasziniert es, wenn populäre Traditionen mit Rock'n'Roll verbunden werden. Rap ist mir in Italien oft zu gleichförmig - überall derselbe Sound. Ich suche das Besondere, auch bei den Instrumenten. Ich benutze die Mandoline oder Holzblasinstrumente. Ich war auch im Iran, um Aufnahmen zu machen. Dort dürfen Frauen nicht singen, aber sie dürfen spielen. Wir haben dort Dinge in ganz anderen Tonleitern aufgenommen. Ich entdecke Musik lieber direkt in den Volkstraditionen, als mir nur Platten anzuhören. Privat höre ich aber ohnehin viel klassische Musik und spiele sie auch selbst gerne.

Sie haben viele Trends erlebt und sogar überlebt, ohne Ihren einzigartigen Sound aufzugeben. Wie schwer ist es, sich nicht verbiegen zu lassen?

Das Geheimnis ist meine Stimme. Ich habe dieses Geschenk bekommen. Man erkennt mich sofort, selbst wenn ich a cappella singe. Bei meiner jetzigen symphonischen Arbeit geht es nicht darum, die Musik mit Medien künstlich aufzublähen. Ich will mit meiner Stimme Teil dieses großen Klangfilms sein. Meine raue, krächzende Stimme bildet einen fantastischen Kontrast zur sauberen Struktur eines Orchesters.

Es heißt, dass Sie sehr viel Wert auf körperliche Fitness legen …

Ja, ich mache Pilates und praktiziere Triathlon. In den letzten fünf Jahren habe ich mir zwar ständig etwas gebrochen - mal ein Bein, mal einen Arm - aber ich mache weiter. Ich sehe meinen Körper wie ein Instrument, das ich stimmen muss, bevor ich auf die Bühne gehe. Man braucht für mein Repertoire einen sehr langen Atem. Man bewegt sich viel, man flippt fast aus auf der Bühne. Wenn man da nicht fit ist, funktioniert es nicht. Nach dem Training fühlt man sich so gut, dass man alles schaffen kann.

Das Musikgeschäft gilt nach wie vor als Männerdomäne. Spüren Sie eine Veränderung über die Jahrzehnte?

Es singen heute definitiv mehr Frauen als früher, aber es sind immer noch nicht genug. In der Rockszene sieht es eher mau aus. Als ich anfing, gab es in Italien niemanden, der Rock gemacht hat - nicht einmal die Männer. Da ich quasi in Deutschland musikalisch "geboren" wurde, habe ich diesen Stil nach Italien gebracht. Es hat lange gedauert, bis sie mich dort verstanden haben, weil ich keine klassische "Prima Donna" war. Es gibt auch heute noch zu wenige Frauen, die Instrumente spielen oder in technischen Jobs wie dem Mixing oder Producing arbeiten. Viele opfern diesen Weg vielleicht auch, wenn sie eine Familie gründen. Es ist ein hartes Geschäft.

GIANNA-NANNINI-GIANNA-NANNINI-italienische-Rocksaengerin-hier-bei-einem-TV-Auftritt-1981-GIANNA-NANNINI-Italian-Rock-singer-and-singer-songwriter-TV-Show-performance-1981
Gianna Nannini zu Beginn ihrer Karriere Anfang der 1980er-Jahre. (Foto: imago images/United Archives)

Glauben Sie, dass männliche Artists zudem oft besser vermarktet werden?

Es ist interessant, dass statistisch gesehen mehr Frauen die Platten von männlichen Künstlern kaufen. Vielleicht haben sie deshalb in einer gewissen Weise mehr Erfolg. Ich mag den Begriff "Frauenentwicklung" eigentlich nicht so sehr. Wir werden nicht in eine bestimmte Musik hineingeboren, sondern müssen offenbleiben. In Italien fehlen oft auch die Strukturen, es gibt kaum Rock-Clubs oder Venues wie in Amsterdam, wo man als Band zusammenwachsen kann. Als ich nach Deutschland kam, spielte jeder in einer Band. In Italien war das eher die Ausnahme.

Sie wurden bereits vor dem Internet-Zeitalter zum Weltstar. Wie bewerten Sie die heutige Welt des Streamings und der sozialen Medien?

Für Independent-Music ist es heute besser. Jeder hat die Chance, vom heimischen Computer aus die Nummer eins zu werden. Die Zukunft der Musik ist dadurch in gewisser Weise offener geworden. Social Media ist ein wichtiges Instrument, das das Fernsehen von früher ersetzt hat. Man braucht nicht mehr zwingend eine Plattenfirma, um gehört zu werden.

Hat die ständige Verfügbarkeit in Ihren Augen auch Nachteile?

Man verliert ein wenig die Neugier. Man erfährt sofort alles über sein neues Idol. Früher waren diese Leute eher wie Freunde, heute ist alles Marketing. Das macht es schwerer, eine so lange Karriere zu haben wie ich. Ich persönlich nutze soziale Medien nur, um zu informieren, was ich gerade mache. Ich mag es nicht, dort zu rufen: "Hallo, kauft meine Platte!" Ich sehe es eher als ein Fenster nach draußen.

Besteht Ihr Publikum eigentlich aus Fans jeder Altersgruppe?

Ja, das ist das Schöne. Die Leute, die vor der Social-Media-Zeit kamen, folgen mir noch heute. Und heute bringen sie ihre Kinder und Enkelkinder mit. Ganze Generationen stehen da zusammen.

Sie haben sich zuletzt wieder verstärkt der analogen Aufnahme gewidmet …

Es gibt diesen Trend zurück zum Analogen. Ich werde müde von diesem "Gefängnis der Elektronik", in dem alles nur aus dem Computer kommt. Wir brauchen wieder etwas Menschliches, ein echtes Instrument, eine Geige. Deshalb stelle ich auch weiterhin Vinyl her. Vinyl ist eine völlig andere Art, Musik zu erleben. Man muss heute beides können, man darf das eine nicht ausschließen. Der Computer kann die Energie einer echten Band, die gemeinsam spielt, niemals ersetzen.

Werden wir in den nächsten fünf Jahren neue Musik von Ihnen hören?

Ich arbeite ständig an neuen Sachen. Aber auch Songs, die 50 Jahre alt sind, fühlen sich heute noch gut an. Das gibt mir Glück und Hoffnung für die Zukunft.

Mit Gianna Nannini sprach Nicole Ankelmann

Gianna Nannini spielt ihr einziges Konzert am 19. September in der Waldbühne in Berlin. Noch sind ein paar Tickets über eventim.de verfügbar.

Quelle: ntv.de

BerlinRockmusikItalienInterviewsMusik