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Der "Spirit" von Depeche Mode "Ich sorge mich vor einem Atomkrieg"

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Seit 1995 sind sie nur noch ein Trio: Depeche Mode alias Martin Gore, Dave Gahan und Andrew Fletcher (v.l.).

Anton Corbijn / Columbia Records / Sony Music

Seit 37 Jahren zusammen, mehr als 100 Millionen verkaufte Tonträger, ausverkaufte Stadien - Depeche Mode sind nach wie vor eine der größten Popbands auf dem Planeten. Mit dem Album "Spirit" melden sich die Elektro-Pioniere zurück - und geben sich dabei nachdenklich wie nie zuvor.

Einen Vorgeschmack, wie das Werk auch live klingen wird, gab die Gruppe am vergangenen Freitag vor einer kleinen, ausgewählten Schar von 1000 Fans in Berlin. Veranstaltet wurde der Gig von einem Telekommunikationsunternehmen und so war der Saal im altehrwürdigen Funkhaus Nalepastraße passend in zartes Magenta getaucht.

Am Rande des Auftritts sprach Martin Gore, langjähriger Songschreiber und musikalischer Kopf der Band, mit n-tv.de über "Spirit", sein Verhältnis zu Sänger Dave Gahan, Vaterfreuden und das Leben in trostlosen Zeiten.

n-tv.de: Ihr habt euer neues Album "Spirit" in Berlin in einem sehr intimen Rahmen vorgestellt - intim für das Publikum, aber auch für euch. Wie war das für dich?

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Martin Gore: In so einem intimen Rahmen aufzutreten, in dem die Menschen so nah vor einem sind, ist tatsächlich auch für uns merkwürdig. Und so oder so war es ein wenig seltsam für uns, da es das erste Mal seit drei Jahren war, dass wir überhaupt zusammen vor Publikum gespielt haben. Trotzdem hat es Spaß gemacht.

Fällt so ein Auftritt vielleicht sogar schwerer als ein Konzert vor einer mehr oder weniger anonymen Masse?

Nun ja, in gewisser Weise macht das keinen Unterschied. Das Konzert wurde ja online live gestreamt. Von jetzt an ist es also für immer für die Masse der kompletten Nachwelt im Netz. (lacht)

Ihr habt euch bewusst dafür entschieden, das Album in Deutschland und speziell in Berlin vorzustellen. Warum?

Gerade mit Berlin fühlen wir uns sehr verbunden. Wir sind in einem sehr frühen Stadium unserer Karriere, 1983 mit dem Album "Construction Time Again", hierhergekommen. Wir waren jung und von daher auch leicht zu beeindrucken. Es war das erste Mal, dass wir überhaupt eine längere Zeit außerhalb von England verbracht haben. Und natürlich war das auch eine besondere Zeit damals mit West-Berlin, das wie eine Künstler-Enklave war. Das hat einen tiefen Eindruck bei uns hinterlassen. Und das sage ich nicht nur so dahin. Für mich ist Berlin so etwas wie die Hauptstadt von Europa - und somit auch ein guter Ort, um dort ein Album vorzustellen.

Seit 1993 bringt ihr eure Alben in absoluter Regelmäßigkeit heraus - alle vier Jahre. Ist das ein Zufall oder hat sich dieser Rhythmus für euch bewährt?

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Gore ist seit jeher musikalisches Mastermind der Gruppe.

(Foto: imago/Votos-Roland Owsnitzki)

Eine Zeit lang war es sicher einfach nur Zufall. Und auch heute setzen wir uns nicht zusammen und sagen: "So, vier Jahre, jetzt müssen wir ein Album machen." Trotzdem ist es wahrscheinlich nicht mehr nur Zufall. Ich glaube, es ist einfach die Zeitspanne, die wir brauchen, um nach einer Tour runterzukommen, unsere Soloprojekte zu verfolgen, neue Songs zu schreiben, ins Studio zurückzukehren und das Album schließlich zu veröffentlichen.

In vier Jahren bleibt sicher auch einige Zeit ohne Depeche Mode, in der ihr nicht zusammen im Studio, auf Tournee oder Interviewtour seid. Ihr wohnt alle drei an verschieden Orten auf der Welt: du in Santa Barbara, Dave Gahan in New York und Andrew Fletcher in London. Habt ihr in dieser Zeit Kontakt?

Nicht sehr viel. Ich spreche mit Dave vielleicht zweimal im Jahr am Telefon. Und mit Andy vielleicht ein klein wenig häufiger. Aber ich finde das ziemlich gesund, denn wenn wir dann wieder zusammen an einem Projekt arbeiten, sind wir für ganze zwei Jahre zusammen. Das ist eine lange Zeit, in der du ständig aneinanderklebst.

In der Vergangenheit wurde ja sehr oft die angeblich immerwährende Rivalität zwischen dir als musikalischem Mastermind und Dave als extrovertiertem Frontmann der Gruppe thematisiert. Wie kommt ihr heute miteinander aus?

Ich glaube, unser Verhältnis ist gut. Und ich kann mich auch an keine Zeit erinnern, in der es schrecklich gewesen wäre. Als Dave mal von mir behauptet hat, ich sei ein Diktator, hat mich das ziemlich überrascht. Ich hatte nie das Gefühl, Druck auf andere auszuüben oder alles zu diktieren. Aber man muss wissen: Von 1982 bis 2005 habe ich allein alle Songs geschrieben. Als dann Dave auf einmal angefangen hat, ebenfalls Songs zu schreiben, hat dies das System für eine gewisse Zeit schon erschüttert.

Mit "You Move" habt ihr auf eurem neuen Album "Spirit" auch wieder einen Song zusammen geschrieben. Klappt das gut?

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Bereits im Oktober 2016 gaben Depeche Mode eine Pressekonferenz zu ihrem neuen Album.

(Foto: imago/snapshot)

Ja, bisher hat es immer gut geklappt. Ich glaube, wir beide arbeiten gerne isoliert. Ich hatte eine vage Idee für den Song und schickte ihm eine Sounddatei. Er hat dann Text und Gesang dazugefügt und mir die Datei zurückgeschickt, so dass ich den Song vollenden konnte.

Viele Kritiker urteilen über "Spirit", dass es euer bislang pessimistischstes und düsterstes Album sei. Stimmst du dem zu?

Vielleicht ja. Der Punkt, um den es bei dem Album geht, ist, dass es um die Menschheit gerade schlecht bestellt ist. Wir brauchen wieder eine Art Spiritualität und müssen zurück auf unseren Weg finden. Wir leben in trostlosen Zeiten. Der Song "Eternal" etwa handelt von einer aufziehenden schwarzen Wolke, die einen radioaktiven Schauer bringt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mir das letzte Mal wirklich Sorgen über einen möglichen Atomkrieg gemacht habe. Jetzt mache ich das. Leider erscheint das nicht mehr zu weit hergeholt.

Gleich die ersten drei Songs auf dem Album - "Going Backwards", "Where's The Revolution?" und "The Worst Crime" - sind sehr politisch und scheinen perfekt zu Themen wie Donald Trump oder dem Brexit zu passen. Tatsächlich wurden sie jedoch vor dem Eintreten dieser Ereignisse geschrieben. Das wirkt fast schon prophetisch …

Nun ja, die Welt war auch schon nicht mehr im besten Zustand, als ich so gegen Ende 2015, Anfang 2016 mit dem Schreiben der Songs begonnen habe. Es gab zu dieser Zeit schon viele Vorzeichen. Der US-Wahlkampf läuft ja rund zwei Jahre. Trump galt bereits als aussichtsreicher Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner. Das andere erschreckende Thema waren für mich die Ereignisse in Syrien. Ich kann einfach nicht glauben, dass die Weltmächte das zulassen. Und dann gibt es noch den sogenannten Krieg gegen den Terror. Wozu hat der denn geführt? Inzwischen gibt es mehr Terror als je zuvor.

Ihr fragt euch, wo die Revolution bleibt. Aber in gewisser Weise scheint es die ja zu geben, auch wenn es eine rückwärtsgewandte und rechtsgerichtete Revolution ist …

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Das Album "Spirit" ist seit vergangenem Freitag erhältlich.

(Foto: Anton Corbijn / Columbia Records / Sony Music)

Stimmt, in gewisser Weise ist es das. Man hat gespürt, dass viele Menschen sehr verärgert und frustriert sind. Aber ich hätte nie erwartet, dass das zum Brexit oder zur Wahl Trumps führen würde.

Du lebst in den USA. Kannst du dir vorstellen, das Land wegen Trump zu verlassen?

Das ist schwierig. Ich habe einen 14-jährigen Sohn. Wenn ich nicht auf Tour bin, habe ich ihn regelmäßig bei mir. Bis er die Schule beendet hat, habe ich nicht wirklich die Option, das Land zu verlassen. Ich glaube, wenn Trump weiter seine irrsinnige Agenda durchdrückt, werden die Proteste dagegen zunehmen. Und wenn ich nicht auf Tour sein sollte, werde ich mich ihnen auch anschließen.

Du hast nicht nur einen 14-jährigen Sohn und zwei Kinder in ihren 20ern, sondern seit Anfang 2016 auch eine kleine Tochter …

Stimmt, ich habe eine Tochter, die ein Jahr und einen Monat alt ist. Und ich habe eine Tochter, die gerade eine Woche alt ist.

Wirklich? Das wusste ich nicht. Glückwunsch!

Ja, sie wurde am Montag (13. März) geboren. Und am Dienstag musste ich abreisen, um nach Deutschland zu kommen.

Hat es deine Sicht der Dinge verändert und dich noch einmal nachdenklicher gemacht, dass du heute wieder zwei so kleine Kinder hast?

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Ja, in den 80ern trug Gore so manch gewagtes Outfit.

(Foto: imago stock&people)

Vielleicht. Einige der Songs auf "Spirit" habe ich geschrieben, während meine Frau schwanger war. Und "Eternal" habe ich für meine einjährige Tochter geschrieben. Aber ich glaube, allein das Älterwerden führt zu einem stärkeren politischen Bewusstsein.

Das hattest du aber doch schon immer …

Ja, aber nicht so ausgeprägt. Heute setze ich mich damit viel stärker auseinander und habe auch das Gefühl, Politik deutlich besser zu verstehen als damals, als ich noch jünger war.

Du hast mal gesagt, deine älteren Kinder würden dich nicht mehr ernst nehmen, seit sie Fotos von dir in den 80ern gesehen haben. Wie blicken sie heute auf ihren Vater?

(lacht) Ich komme mit ihnen jedenfalls sehr gut aus. Das Gehirn versteht Dinge, an die man nicht zu oft erinnert werden will, gut zu verdrängen. Es gibt eine lustige Geschichte: Wir hatten diese Auseinandersetzung mit Richard Spencer (rechtsextremer US-Publizist, Anm. d. Red.). Er hatte uns als "Posterband" der Alt-Right-Bewegung bezeichnet. Da hat Peter, unser Keyboarder, ein altes Foto von mir in einem Minirock und mit Make-Up verschickt. Dazu die Frage: "Sieht so etwa die 'Posterband' der Alt-Right-Bewegung aus?" (lacht)

Ihr habt bisher noch nie Ermüdungserscheinungen erkennen lassen oder Andeutungen gemacht, Depeche Mode vielleicht irgendwann aufzulösen. Heißt das, dass wir euer nächstes Album in vier Jahren erwarten können?

Ich sage immer, dass wir es nicht vorhersagen können. Das mache ich, glaube ich, schon seit 1986. Wir planen immer nur unser aktuelles Projekt. Jetzt haben wir mit "Spirit" erst mal noch ein gutes Jahr zu tun, in dem wir zum Beispiel auf Tour gehen. Und danach? Das kann man nie wissen - und das meine ich nicht im negativen Sinn.

Mit Martin Gore sprach Volker Probst

Das Album "Spirit" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Depeche Mode geben zwischen Mai und Juli mehrere Konzerte in Deutschland: Leipzig (27.5.), Köln (5.6.), Dresden (7.6.), München (9.6.), Hannover (11.6.), Frankfurt (20.6.), Berlin (22.6.), Gelsenkirchen (4.7.)

Quelle: n-tv.de

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