Musik

Jendrik trotzt Hass und Bashing "Ich will beim ESC Erster werden"

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An Selbstbewusstsein mangelt es ihm jedenfalls nicht: Deutschlands ESC-Kandidat Jendrik.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Sein Song "I Don't Feel Hate" polarisiert. Doch dem Titel getreu will sich Deutschlands ESC-Kandidat Jendrik davon nicht beirren lassen. Wenige Tage vor dem Finale spricht er mit ntv.de über den Contest in Pandemie-Zeiten, die Liebe zur Ukulele, den Hass im Internet und darüber, wann "alles im Eimer" wäre.

ntv.de: Eines steht jetzt schon fest: Dein Auftritt beim Eurovision Song Contest (ESC) wird einzigartig. Unter den Bedingungen einer weltweiten Pandemie hat sich schließlich bisher noch keiner auf den Contest vorbereiten müssen. Wie lief das ab?

Jendrik: Auf jeden Fall mit vielen Zoom-Calls, vielen Zoom-Interviews, aber auch vielen Sessions, bei denen ich allein geprobt habe. Corona hat das alles natürlich schon stark beeinflusst. Hier in Rotterdam ist das nicht viel anders. Meist geht es nur vom Hotel zur Arena und wieder zurück. So richtig raus können wir nicht.

Der ESC ist normalerweise immer auch ein großes Volksfest in der jeweils gastgebenden Stadt. Wie sehr drückt Corona in Rotterdam auf die Stimmung?

Man kriegt das natürlich schon mit. Die Arena und all die Hallen um sie herum sind zum Beispiel sehr leer. Alles wird sehr strikt gehandhabt. Aber das ist ja auch sehr gut! Es geht ja darum, dass niemand unnötig krank wird. Deshalb würde ich nicht sagen, dass es auf die Stimmung drückt. Alle wissen ja, dass diese Maßnahmen zurecht ergriffen werden.

In jedem anderen Jahr wäre deine Teilnahme sicher unbeschwerter gewesen. Wie geht es dir persönlich damit - ärgert dich das oder überwiegt dann doch die Euphorie, dabei zu sein?

Da überwiegt auf jeden Fall die Euphorie! Wirklich schade ist nur, dass ich die ganzen anderen Künstlerinnen und Künstler nicht wirklich kennenlernen kann. Wegen Corona bleibt das ziemlich oberflächlich. Richtig ins Gespräch zu kommen, hat leider bisher nicht geklappt.

Deutschland hat auch in diesem Jahr auf einen ESC-Vorentscheid verzichtet. Wie ist es zu deiner Nominierung gekommen?

Im Prinzip gab es einen Vorentscheid. Der lief aber über mehrere Runden intern ab. Am Anfang mussten sich die Künstlerinnen und Künstler beim NDR (Norddeutscher Rundfunk) bewerben. Mein Weg lief dabei über Tiktok und Instagram, wo ich in Videos erklärt habe: "Hallo, hallo, ich will mich bewerben!" (lacht) Tatsächlich ist man so auf mich aufmerksam geworden und hat mich angeschrieben. So bin ich mit meinem selbstgemachten Song und einem selbstgemachten Video in die erste Runde gerutscht.

Was ist dann passiert?

In dieser ersten Runde wurden die Künstlerinnen und Künstler von zwei verschiedenen Jurys bewertet. Es gab eine 20-köpfige Experten-Jury und eine 100-köpfige ESC-Zuschauer-Jury. Wer weitergekommen ist, konnte dann Songs einschicken. Ich habe dann unter anderem "I Don't Feel Hate" eingeschickt. Auch die Songs wurden bewertet, bis im Finale noch 15 von ihnen übrig waren, die wir dann live performt haben. Auch das fand schon unter Corona-Bedingungen im November statt. Letztlich hat dann mein Song die besten Bewertungen bekommen.

Wie und wann hast du erfahren, dass du das Rennen gemacht hast?

Ich habe es am 1. Dezember erfahren. Ein Team vom NDR wollte mich mit der Nachricht überraschen und wartete noch vor meiner Wohnungstür auf die Kamera. Blöd war nur, dass ich ausgerechnet in diesem Moment auch einkaufen gehen wollte und aus der Tür ging. So ist alles ein bisschen chaotisch geendet - wie häufig in meinem Leben. (lacht) Aber ich habe es tatsächlich zunächst nicht geglaubt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich ausgewählt werde, war in meinen Augen dann doch sehr gering.

Einkaufen bist du dann aber nicht gegangen ...

(lacht) Nein, erstmal nicht.

Einige Länder setzen in diesem Jahr auf Künstler, die eigentlich schon 2020 beim dann abgesagten ESC hätten teilnehmen sollen. Ben Dolic, der Deutschland im vergangenen Jahr vertreten sollte, hat dagegen keine zweite Chance bekommen. Hast du mit ihm mal gesprochen?

Ja. Ben hat mir auch gratuliert. Er hat übrigens auch am Vorentscheid in diesem Jahr teilgenommen. Er ist dann aber von sich aus ausgestiegen, weil es sein favorisierter Song nicht ins Finale geschafft hat.

Es gibt also kein böses Blut zwischen euch ...

Nein! Ganz und gar nicht.

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2020 sollte Ben Dolic Deutschland beim ESC vertreten - doch daraus wurde nichts.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Ben Dolic war schon vor seiner ESC-Nominierung bekannt, weil er an "The Voice of Germany" teilgenommen hatte. Von dir weiß man dagegen noch nicht allzu viel, außer dass du schon als Musical-Sänger gearbeitet hast. Wie war dein musikalischer Werdegang?

Ja, mehr ist da auch nicht. (lacht) Ich habe vier Jahre Musical studiert und daneben auch sonst Musik gemacht. Meine eigene Musik habe ich aber immer für mich im Stillen geschrieben, ohne sie richtig zu veröffentlichen. Das habe ich jetzt tatsächlich zum ersten Mal getan. Dass es Leute gibt, die meine Musik mögen, bestätigt mich natürlich.

Es heißt, du seiest schon immer ein ESC-Fan gewesen. Was macht den Contest für dich aus?

Dass da jeder sein kann, wie er will. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Publikum. Jeder wird so akzeptiert, wie er ist. Für mich ist der Contest einfach ein farbenfrohes Fest von Diversity, Freude und Musik.

Viele gucken den ESC ja mit Freunden. Dazu gibt es dann Chips und Bowle ...

Jawoll! Wir hatten immer Shots. Jeder musste für ein Land eine bestimmte Alkoholflasche mitbringen - zum Beispiel Vodka für Russland, Ouzo für Griechenland oder Jägermeister für Deutschland. Und wenn das jeweilige Land dann aufgetreten ist, gab es den passenden Shot dazu.

Und am Ende ...

... war man gut angetrunken. (lacht)

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Seinen ESC-Song hat Jendrik selbst geschrieben.

(Foto: picture alliance/dpa/NDR)

Der Song "I Don't Feel Hate" stammt aus deiner eigenen Feder. Was lässt sich zur Entstehung sagen?

Ich singe in dem Song ja darüber, dass ich Hass nicht mit Hass bekämpfen möchte. Das geht auf eine Situation zurück, in der ich genau in diesem Gefühlsmodus war. Ich habe in der Auseinandersetzung mit einer anderen Person in mich hinein gehört und erkannt: Der Hass bringt mir nichts, weil ich dadurch nur schlechte Laune bekomme. Und der anderen Person bringt er auch nichts, weil er auch für sie die Situation nicht besser macht. Also haben wir uns für einen anderen Weg entschieden: reden und respektvoll miteinander kommunizieren. Das hat geklappt - und mir die Idee zu dem Song gegeben.

Viele beziehen den Song auch auf den Hass im Internet. Hast du damit auch selbst Erfahrungen gemacht?

Voll! Und ja, es geht neben dem persönlichen Hass in dem Song auch um diesen oberflächlichen Hass, der oft im Internet verbreitet wird und so unnötig ist. Es ist schon lustig: Durch den Song und meine Teilnahme am ESC habe ich im Internet sogar noch einmal mehr Hass erfahren. Nach dem Motto: "Ah, was für ein Song ... Deutschland null Punkte." Natürlich bekomme ich das ab. Aber das Schöne ist: Ich kann wirklich mit Selbstbewusstsein sagen, dass mich das nicht trifft. I don't feel hate, I just feel sorry.

Du hast den Song auf der Ukulele komponiert, ein Instrument, zu dem du eine ganz besondere Beziehung zu haben scheinst ...

Tatsächlich bin ich durch meine Schwester darauf gekommen. Sie hatte sich irgendwann zum Geburtstag eine Ukulele gewünscht - und ich habe mich dann in das Instrument verliebt. Ich habe sogar meine Bachelor-Arbeit über die Ukulele geschrieben. Es gibt viele Faktoren, die sie für mich besonders machen: Die Ukulele beruhigt mich. Und sie macht mir immer gute Laune, weil sie einfach einen sehr sensiblen und intimen Klang hat. Außerdem ist sie leicht zu spielen. Jeder kann das innerhalb von zwei Wochen lernen.

Auch ein gewisser Stefan Raab, den einige für den heimlichen Mister ESC halten, hat ja eine Vorliebe für die Ukulele. Nur Zufall?

Ja, das ist reiner Zufall. Tatsächlich wusste ich bis vor Kurzem gar nicht, dass Stefan Raab mit der Ukulele verbunden ist.

Du bringst die Ukulele in Rotterdam auch mit auf die Bühne. Bei den Proben konnte man sehen, dass du sie an einer Stelle auch in die Luft wirst. Wie sicher bist du, dass du sie wieder fängst?

Keine Ahnung. Wenn sie runter fällt, fällt sie halt runter - und dann ist alles im Eimer. (lacht)

Trotzdem planst du das auch fürs Finale?

Ja, ich mach das sogar zweimal während des Songs.

Dabei handelt es sich nicht um irgendeine Ukulele, sondern um ein ganz persönliches Stück. Es heißt, sie sei mit 4000 Strasssteinen beklebt. Wer hat die denn alle gezählt und aufgeklebt?

Ich denke, das sind sogar mehr. Es waren schon 4000 auf der Vorderseite. Die habe hauptsächlich ich beklebt. Mein Freund hat mir aber auch mal geholfen. Dafür, dass inzwischen auch der Rest beklebt ist, hat der NDR gesorgt, nachdem ich gesagt hatte: "Es wäre cool, wenn alles beklebt wäre, aber ich kann das jetzt nicht mehr machen." (lacht)

Persönlich hast du die Teilnehmer aus den anderen Ländern noch nicht groß kennenlernen können. Aber du hast sicher dennoch Favoriten ...

Es gibt mehrere. Aber ich finde es schwer, mich da festzulegen. Ich merke, dass ich in diesem Jahr eher auf Uptempo-Songs gucke, vielleicht weil ich auch selbst einen geschrieben habe.

Ein bisschen muss dein Herz auf jeden Fall auch für Island schlagen. An dem Song bist du schließlich in gewisser Weise ebenfalls beteiligt ...

(lacht) Ja, sie hatten online einen Chor gesucht. Jeder konnte daraufhin seine Stimme einschicken. Das habe ich gemacht. Aber so richtig zu hören bin ich da natürlich nicht.

Du kommst aus Hamburg, also Butter bei die Fische: Welche Platzierung hast du dir vorgenommen?

Na, die erste! Wenn man bei einem Wettbewerb mitmacht, will man natürlich erster werden. Ob das realistisch ist? Ich bin nicht sicher. Aber natürlich nehme ich mir das vor.

Anders gefragt: Mit welcher Platzierung wärst du zufrieden?

Mit jedem Platz. Mein eigentliches Ziel habe ich ja dann schon erreicht: Ich war beim ESC. Das ist der Grund, weshalb ich das alles gemacht habe.

Hast du Angst vor den Reaktionen aus Deutschland, wenn es von der Platzierung her nicht so gut laufen sollte?

Nö. Dann sollen sie mich ruhig bashen. Das ist ja eh schon passiert. Ich mach dann einfach weiter mit meinem nächsten Traum.

Mit Jendrik sprach Volker Probst

Quelle: ntv.de

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