Musik

Das Vermächtnis Leslie Mandokis Liebesbrief an die Welt

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Ehrlich, authentisch, immer voll bei der Sache: Leslie Mandoki.

Wer mit Leslie Mandoki spricht, erlebt eine Naturgewalt - eine Naturgewalt aus Aufmerksamkeit, Musikalität und Empathie. An dem genialen Musiker mit dem ikonischen Oberlippenbart ist aber auch ein Politiker verloren gegangen - fast wäre er es einmal geworden. Doch Mandoki transportiert seine Botschaften auch weiterhin durch die Musik. Als junger Mann wollte er Dichter werden oder Maler, aber sein Vater drängte ihn, etwas Ernsthaftes zu studieren: Musik. Der Vater hat ihm auch mit auf den Weg gegeben, dass Begabung Verantwortung bedeutet - eine Eigenschaft, die dem Musiker in Fleisch und Blut übergangen ist.

Und auch wenn Mandoki sich seit Jahrzehnten über die Musik definiert - es hält den 66-Jährigen außerhalb des Tonstudios oder der Bühne nicht davon ab, über die Möglichkeiten einer besseren Welt zu philosophieren. Seine politischen Vorbilder sind Willy Brandt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Angela Merkel und Edmund Stoiber interessieren sich für seine Meinung, und Michail Gorbatschow ist nicht nur der Mann, der mit Mandoki seine Sorgen um die Welt bespricht, sondern in Mandokis Augen auch einer der größten Rockstars unserer Zeiten. Denn auch "Gorbi" wusste schon früh, dass es "ohne progressiven Rock keinen Fortschritt gibt und Musiker für die Machthaber im Osten gefährlicher als so mancher Oppositionelle waren".

Musikalisch betrachtet kann man mehr als Mandoki kaum erreichen: Wenn er mit seinen "Soulmates" auftritt, dann hat er die Besten der Besten um sich. Leslie Mandoki ist einer, den man zum Freund haben möchte, denn er mag Menschen und hat neben seinem herausragenden Intellekt das größte Herz dies- und jenseits des Starnberger Sees. Ein Gespräch mit ihm ist Geschichtsunterricht, Therapie und Blick in die Zukunft gleichermaßen. Mit n-tv.de spricht er in seinem Berliner Wohnzimmer, dem Restaurant Borchardt, darüber, wie man ein ewiger Rebell bleibt. Und zwar ausführlich.

n-tv.de: Ein Doppelalbum - ein Konzeptalbum - dazu viel Begleitmaterial, ein Buch, ein Bildband, eine DVD: Du bist nicht der Typ, der kleine Brötchen bäckt, oder?

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Ein Künstler, ein Musiker kann nur so laut sein, wie das Publikum es zulässt, so Mandoki.

Leslie Mandoki: (lacht) Stimmt. Ich bin vor allem nicht der Typ für das 30-Sekunden-Aufmerksamkeitsfenster, das heute üblich ist. Dafür habe ich zu viel zu sagen. Mein Album re-installiert daher alles, was es so nicht mehr gibt. Ein Manager würde sagen, dass ich wahnsinnig bin. Zum Glück habe ich keinen (lacht).

Wo soll man bei Leslie Mandoki anfangen? Du bist überall - schon immer und gerade ganz besonders. Mit deinem neuen Album bist du vor allem ein Mahner. Und ein Rebell. Taugt Musik denn noch zur Rebellion?

Das ist eine Frage des Inhalts - ganz klar. Und wenn der Inhalt rebellisch ist, dann sollte auch die Formsprache rebellisch sein. Also gebe ich gern ein paar Informationen mehr mit auf den Weg, als es heute sonst so üblich ist. Rebellisch zu sein ist übrigens keine Altersfrage, wie du dir an der Zusammenstellung meiner Band denken kannst. Neben uns "Alten" haben wir inzwischen auch ein paar Mitglieder, die mir mein Freund und Kollege Quincy Jones empfohlen hat, die um die 30 sind. Bei den "Soulmates" bedeutet "rebellisch sein", dass wir sehr konsequente Texte haben, dass wir das alle zusammen in meinem Studio am Starnberger See einspielen, dass da nichts overdubbed oder digital nachbearbeitet ist. Da stehen richtige Musiker an richtigen Instrumenten. Unser Album ist ein handgeschriebener Liebesbrief an unser Publikum, keine SMS, das ist alles sehr persönlich. Gleichzeitig arbeiten wir uns aber an gesellschaftsrelevanten Themen wie der "MeToo"-Debatte ab, an Profitgier, am Finanzkapitalismus, an der Flüchtlingskrise. Und so empfinde ich Musik dann auch als Transportmittel.

Auf dem Album heißt es im Song "Young Rebels": "Letter to the new kids - Are we old rebels with a new dream or are we new rebels with an old dream?" Gibt es momentan einen Trend zum Rebellentum?

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Ja, wunderbar, das ist ein Aufstand der Vernunft. Unsere Politik ist ja recht unpolitisch geworden, sehr kurzatmig. Man hat das Gefühl, in den Parlamenten sitzen größtenteils Demoskopie-Junkies ohne Visionen. Das meine ich parteiübergreifend. Es gibt so viele Fragen, die die junge Generation hat. Meine Generation hat übrigens vollkommen versagt, das müssen wir uns eingestehen. Wir feiern dieses Jahr nicht nur 50 Jahre Woodstock, sondern auch und vor allem 30 Jahre Mauerfall! Da waren wir in einer ungeheuren Aufbruchstimmung - und was haben wir daraus gemacht? Heute geben wir mehr Geld für Rüstung aus als damals, wir haben, anstatt eine achtsame Gesellschaft auszubauen und eine soziale Marktwirtschaft mit ökologischer Verantwortung zu führen, einen krassen Casino-Kapitalismus und eine Spekulationswirtschaft erschaffen, als gäbe es kein Morgen. Und das reicht von Lebensmitteln über Bildung bis zu Wohnungen. Wir leben in einer Zeit, wo die Gier die Achtsamkeit besiegt, und wir haben die Balance verloren.

Was meinst du mit "Balance verloren"?

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Till Brönner: "Ab und zu muss mal ein Ausländer kommen, um uns zu sagen, wie unser Land funktioniert."

Es kann nicht um bedingungsloses Grundeinkommen, sondern es muss um Chancengleichheit gehen. Dass man Leute schon dazu anhalten sollte, arbeiten zu gehen, auch wenn es nicht der Traumjob ist. Dass es durchaus Arbeitsmöglichkeiten gibt, die zumutbar sind. Aber davor steht ein anderes, viel größeres Problem, nämlich, dass ein 30-jähriger Lehrer in München, Hamburg, Frankfurt und bald auch in Berlin nicht mehr eine Hebamme heiraten und mit ihr zwei oder drei Kinder bekommen kann, weil sie sich einfach keine entsprechende Wohnung leisten können. Momentan ist es zum Glück so, dass die Jugendlichen, auch Greta sei Dank, verstanden haben, dass meine Generation in dieser Hinsicht wirklich vollkommen versagt hat. Ich wiederhole mich: Wir haben ein soziales Ungleichgewicht geschaffen und eine Spaltung in der Gesellschaft entstehen lassen. Es wird bald nicht mehr reichen, freitags zu demonstrieren, es wird bald auch Mondays for Future geben müssen.

Demonstrierst du mit?

Künstler sind immer ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft. Wir und die Journalisten sind die, die darauf aufmerksam machen müssen - und es auch tun.

Wir reden ja bereits miteinander - jetzt muss sich das nur noch in der Politik rumsprechen …  

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Mit Tochter Julia - sie war 2018 im Hambacher Forst bei den dortigen Protestaktionen vom Baum gestürzt und hatte sich verletzt. Ihr Vater findet: "Meine Tochter ist keine Spinnerin, sondern eine realistische Künstlerin". Eine Rebellin eben, wie der Papa.

Das wäre schön (lacht). Mir als Künstler fällt der Riss in unserer Gesellschaft einfach auf. Wir haben jahrzehntelang versäumt, das in den Mittelpunkt zu stellen, was uns eint. Jetzt steht im Mittelpunkt, was uns trennt. Ich frage mich, was wir noch brauchen, um aufzuwachen. In ganz Europa, England allen voran, wird ein immer größerer Keil in die Mitte der Gesellschaft getrieben. Eine Trennung gibt es ja nicht nur von West nach Ost, sondern auch von Nord nach Süd. Wir fallen immer weiter auseinander.

Aber Musik eint - und du bist ein Künstler, der sich schon immer eingebracht hat, der etwas zu sagen hat. Ist es nicht zu hart, zu behaupten, dass deine Generation nichts erreicht hat?

Ich habe ja nicht gesagt, dass wir nichts erreicht haben: Wir leben in Wohlstand und in der längsten Friedensperiode der europäischen Geschichte. Aber wir haben in einem zentralen Punkt versagt und der wird jetzt sichtbar. Nehmen wir ruhig das Beispiel Klima. Ich habe "Young Rebels" schon weit vor einem Jahr geschrieben …

… also noch "vor Greta" …

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"Soulmates" - die Allstars der Musik bei ihrer Gründung: Jack Bruce, Al Di Meola, Leslie Mandoki, Ian Anderson.

… lange vorher, genau.

Klingt ja fast nach einer Prophezeiung.

Das kannst du gerne so nennen. Ich habe auch schon gesagt, dass Trump der nächste Präsident wird, da haben alle noch auf die Demokraten oder einen anderen Kandidaten gesetzt. Wir leben leider in Zeiten, in denen immer der Konflikt in den Mittelpunkt gestellt und eine immer größere Spaltung betrieben wird. Ich wünsche mir, dass Politiker das Einende hervorheben und die Willy-Brandt'sche Linie gehen, der sich immer gefragt hat: Wie verbinde ich zwei Kontrahenten miteinander, wie baue ich eine Brücke? Und das haben sich sowohl Helmut Kohl als auch Gerhard Schröder gefragt. Aber viele Politiker heute heizen mit undifferenzierten Aussagen die Konflikte an. Auch da haben wir versagt, dass wir diese Entwicklung nicht gestoppt haben. Wir bräuchten eigentlich eine neue Aufklärung. Aber nicht bei "den anderen", sondern bei uns selbst.

Du bist wirklich ganz schön streng.

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Mandoki gibt eine musikalische und poetische Antwort auf den aktuellen Status unserer Gesellschaft.

(Foto: Getty Images for Mandoki Soulmat)

Mein Gesellschaftsbild ist ein achtsames, nicht ein spekulatives. Kurz gesagt: Die Oberschicht hat sich zurückgezogen und ich nehme mich da gar nicht aus. Am Starnberger See haben wir tatsächlich nicht so viele Sorgen. Mit meinem Nachbarn Peter Maffay wohne ich Grundstück an Grundstück, ohne Zaun, so etwas brauchen wir nicht. Wenn ich übrigens sage, dass "meine Generation" versagt hat, dann fasse ich das soziokulturell ganz eng, denn natürlich haben nicht alle versagt, nur die, die dazu in der Lage sein sollten, eine Gesellschaft zu tragen und kritisch zu begleiten.

Du bist ein Deutscher mit ungarischen Wurzeln …

Ja. Ich bin ein illegaler Einwanderer gewesen. Ich kam mit nichts an. Alles, was ich hatte, war meine Ausbildung und die verdanke ich meinem Vater, dem Bildung sehr wichtig war. Udo Lindenberg hat mich dann "eingebürgert" in die Bunte Republik Deutschland und Klaus Doldinger war mein Integrationsbeauftragter (lacht).

Was bedeutet Heimat für dich?

Das hat vor allem etwas mit Zugehörigkeit zu tun. Ungarn ist mein Geburtsland, Budapest die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, da bin ich auch verwurzelt, aber meine Heimat ist Deutschland. Ich habe noch einen Koffer in Amerika. Aber ganz ehrlich - ich habe es damals nicht ausgehalten in der kommunistischen Diktatur, dennoch wollte ich eigentlich nicht weg. Wer verlässt schon gerne seine Familie, seine Freunde, seine Muttersprache, seine Band? Das ist überaus schmerzhaft.

Du hast die deutsche Staatsbürgerschaft …

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In fetter Besetzung auf Tour: Tony Carey, Julia Mandoki, Al Di Meola, David Clayton-Thomas, Cory Henry, Bobby Kimball, Chris Thompson, Nick Van Eede, Leslie Mandoki, Randy Brecker, John Helliwell, Till Brönner, Bill Evans, Klaus Doldinger.

Ja, für mich stellte sich die Frage nach einer doppelten Staatsbürgerschaft nicht. Aber ich wünsche mir die europäische Staatsbürgerschaft eines toleranten und bunten Europas.

Was macht das jetzt mit dir, wenn zu befürchten ist, dass einige unserer Mitbürger sich anscheinend wieder nach diktatorischen Zuständen sehnen?

Das veranlasst mich dazu, meine beste und ambitionierteste Arbeit abzuliefern, die ich je gemacht habe. Das neue Album ist ein sehr konsequentes, kompromissloses Kunstwerk. Es ist eine ganz klare Linie zu erkennen, die ich seit meinem 16. Lebensjahr verfolgt habe, die mich schon damals raus aus der Komfortzone katapultiert hat, und ich habe mir Mühe gegeben, mit großer Demut auch, dem Publikum wieder ein richtiges Rockalbum zu schenken. Progressiver Rock und Jazz waren schon immer das Feindbild von Diktatur und Kleingeist. Musik transportiert Freiheit.

Ist Älterwerden eigentlich ein Thema für dich?

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Ja, aber ich plane noch ein paar Jahrzehnte Musik zu machen (lacht). Und gemütlich auf dem Sofa wird man mich nicht finden. Eher mit dem Kanu auf dem See.

Denkst du noch gern an Dschingis Khan?

(lacht laut) Alles hat seine Zeit. Ich mache keine Nostalgieshows - ich verwalte nicht die Vergangenheit, mir geht es um heute und um morgen. Mir ist Dschingis Khan nicht mehr peinlich, es ist so lange her und spielt keine Rolle in meinem Leben.

Zu dem Doppelalbum gehören auch die "Hungarian Pictures".

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Leslie bringt Bartók auf einen neuen Level, findet Al Di Meola.

Ja, Béla Bartók neu zu interpretieren ist ein absoluter Traum gewesen. Weil wir damit zeigen können, dass es besser ist, sich mit anderen zu verbinden statt sie zu bekämpfen, dass wir auch hier wieder das Einende und nicht das Trennende in den Vordergrund stellen. Bartók hat damals schon gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus geschrieben, er wollte Brücken bauen. Das ist absoluter Rock!

"Living in the Gap" und "Hungarian Pictures" - ist das dein Vermächtnis?

Ja, aber: This isn't the end, my friend" - das ist nur eine Zwischenbilanz. 

Mit Leslie Mandoki sprach Sabine Oelmann

Live-Konzerte 2019: 31. Oktober Hamburg, Laeiszhalle; 7. November München, Circus Krone; 8. November Dortmund, Konzerthaus; 9. November Berlin, Konzerthaus

Quelle: n-tv.de

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