Musik

"Wir waren am Boden zerstört" Per Gessle lässt Roxette nicht sterben

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Taucht seine Songs in ein Country-Gewand: Per Gessle.

(Foto: Anton Corbijn / Warner Music)

Als Duo feiern Roxette Megaerfolge. Doch 2016 zwingt der Krebs Sängerin Marie Fredriksson zur Aufgabe. Jetzt macht ihr Partner Per Gessle allein weiter - solo, aber auch mit Roxette. n-tv.de verrät er, wie das geht und wie es um Fredriksson heute bestellt ist.

n-tv.de: Herr Gessle, 30 Jahre bildeten Sie als Roxette ein Duo. Wie fühlt es sich für Sie an, jetzt ohne Marie Fredriksson unterwegs zu sein?

Per Gessle: Das ist gar keine so große Sache, um ehrlich zu sein. Denn schon in den vergangenen 20 Jahren haben wir zum Beispiel Interviews wie dieses nur noch selten zusammen gegeben. Seit Marie 2002 krank geworden ist (Marie Fredriksson erkrankte an einem Hirntumor, Anm. d. Red.), hat sie eigentlich gar keine Interviews mehr gegeben. Aber ich weiß natürlich, worauf Sie hinaus wollen: auf die grundsätzliche Situation, Roxette nun ohne Marie fortzuführen. Und das fühlt sich schon anders an.

Inwiefern?

Nun, was ihr widerfahren ist, ist natürlich schrecklich. Und es ist traurig, dass sie sich Anfang 2016 entschieden hat, Roxette aufzugeben. Allerdings kam das damals für mich auch nicht überraschend. Wenn man ihre Situation in den Jahren zuvor aus nächster Nähe miterlebt hatte, war das zu erwarten. Ich wusste, dass sie schon am Ende unserer Tour schwer zu kämpfen hatte. Sie saß ja auf der Bühne, weil sie nicht mehr die ganze Zeit stehen konnte - und sie hasste das! Sie hatte auch das Gefühl, nicht mehr so singen zu können, wie sie es gern getan hätte. Aber am Ende war wohl die Frage des Reisens ausschlaggebend, das zu einer zu großen Belastung für sie wurde.

Wie geht es ihr heute?

Sie ist okay. Sie lebt ein sehr privates Leben und geht aus verständlichen Gründen nicht viel aus. Aber wir sprechen uns alle paar Wochen. Letzten Sommer habe ich sie auch zum Essen getroffen. Da war sie in guter Verfassung. Sie kann nur einfach nicht mehr so arbeiten, wie sie es gerne täte.

Sie waren ja nicht nur "Geschäftspartner" bei Roxette, sondern auch bereits vor Gründung der Band befreundet. Marie Fredrikssons Erkrankung muss Ihnen auch persönlich sehr nahe gegangen sein ...

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Eines der letzten gemeinsamen Pressebilder von Per Gessle und Marie Fredriksson 2016 - wenig später stieg sie bei Roxette aus.

(Foto: Viktor Flumé / Warner Music)

Ja, das ist sie. Als Marie krank wurde, war das wirklich entsetzlich, vor allem für ihre Familie, aber auch für mich. Wir alle waren am Boden zerstört. Marie steht mir und auch meiner Familie sehr nahe. Es ist eine schreckliche Krankheit. Im Rückblick fühle ich mich aber auch sehr geehrt und glücklich, dass sie 2009 noch einmal zurückgekommen ist. Dadurch hatten wir noch einmal einige Jahre zusammen, bis es 2016 dann wirklich vorbei war.

Seither haben Sie an Ihrem Soloalbum gearbeitet, das jetzt erschienen ist: "Small Town Talk". Es ist ein Country-Album geworden. Wie kam es dazu?

Wenn man so alt wie ich ist, möchte man neue Dinge ausprobieren und sich Herausforderungen stellen. (lacht) Das ist gar nicht so leicht, denn man hat einfach seinen Stil. Egal, ob ich Piano oder Gitarre spiele - am Ende wird es ein Per-Gessle-Song. Trotzdem: Nachdem Marie bei Roxette ausgestiegen war, wollte ich mal etwas komplett anderes machen. Und ich hatte erst einmal einfach nur die Idee, schwedische Songs im Akustik-Stil zu schreiben. Das hatte auch damit zu tun, dass sich auch in meiner Familie eine Tragödie ereignet hat: Innerhalb von drei Jahren sind meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester gestorben - alle an Krebs.

Ist diese Erfahrung in die neuen Songs mit eingeflossen?

Beeinflusst hat es mich sicher, auch wenn ich vielleicht nicht explizit darüber geschrieben habe. Ich wollte jedenfalls keine heavy Rocksongs schreiben, mit denen ich auf die Top 40 schiele. In erster Linie wollte ich eigentlich etwas für mich selbst machen.

Wie kam es dann von den Akustik-Songs zum Country-Album?

Ich habe mit meinem Team darüber gesprochen, dass wir die Songs irgendwo anders aufnehmen sollten. Wir sprachen über Frankreich und London, bis irgendjemand meinte: "Warum probieren wir nicht Nashville aus?" Und ich dachte mir: "Weshalb bin ich nicht darauf gekommen?" (lacht) In den Songs gab es ohnehin schon einige Country-Elemente. Und sie mit lokalen Musikern in Nashville aufzunehmen, war eine großartige Idee. Also sind wir für rund drei Wochen dorthin gefahren. Ich hatte erst einmal gar keine Vorstellung davon, wie es tatsächlich sein würde.

Und wie war es?

Ich hatte die Chance, mit einigen der größten Musiker dort aufzunehmen: Stuart Duncan zum Beispiel, einer der fantastischen Violinen-Spieler. Oder Mickey Raphael an der Harmonika, der 34 Jahre mit Willie Nelson gespielt hat. Und Dan Dugmore an der Pedal-Steel-Gitarre. Als er reinkam, war das einfach nur überwältigend. Ich mache das jetzt echt schon lange. Aber wenn man mit einem wie ihm zusammenarbeitet, bläst einen das einfach immer noch weg. Und ich war so stolz, dass jemand seines Kalibers meine Songs spielt.

Sie sagen selbst: Am Ende schreiben Sie immer einen Per-Gessle-Song. Und ich glaube, bei einem anderen Arrangement würde sich "Small Town Talk" auch deutlich weniger wie ein Country-Album anhören ...

Da haben Sie absolut Recht. Am Ende hängt alles an der Produktion und daran, wie man die Sachen arrangiert. Bei "Small Town Talk" machten wir es von der einzelnen Performance abhängig, wie das Arrangement letztlich sein würde. Die Pedal-Steel-Gitarre etwa hörte sich so gut an, dass sie in den Songs mit ihr darin beim Arrangement im Vordergrund stehen musste. Auf dem Album ist mit "No One Makes It On Her Own" übrigens auch ein alter Roxette-Song, der ursprünglich mal als Country-Song geschrieben worden war. Aber als wir ihn mit Roxette aufnahmen, haben wir ihn "roxetteifiziert". (lacht) Jetzt wollte ich den Song noch einmal zu seinen Ursprüngen zurückführen.

"Small Town Talk" ist nicht Ihr erstes Soloalbum oder Seitenprojekt. In Schweden waren Sie auch ohne Roxette in der Vergangenheit schon sehr erfolgreich. Wovon hängt es ab, ob Sie ein Projekt auch für das internationale Publikum in Angriff nehmen?

In diesem speziellen Fall hatte ich tatsächlich erst einmal gar nicht vor, ein englischsprachiges Album zu machen. Eigentlich sollte es nur für den schwedischen Markt sein. Erst in Nashville stellte ich fest: "Hey, das klingt so klasse, ich muss das in Englisch machen." Da war dann schon das erste Problem: Alle Texte waren auf Schwedisch und mussten erst einmal übersetzt werden. Viele der Texte sind aber sehr persönlich und ich selbst konnte nicht die richtigen Worte finden. Letztlich habe ich mit Sharon Vaughn eine Autorin engagiert, die die Texte dann ins Englische übertrug.

Seit Ihren Anfängen mit Roxette hat sich das Musikgeschäft ja zweifelsohne stark verändert. Wie blicken Sie darauf?

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Auch die Roxette-Songs will er weiter live spielen.

(Foto: Anders Ross / Warner Music)

Das hat natürlich damit zu tun, dass sich auch die Gesellschaft seitdem stark verändert hat. Popmusik hat immer die Ära, in der sie entstanden ist, widergespiegelt. Das war schon so, als mit Künstlern wie Bill Hailey oder Elvis der Rock'n'Roll entstanden ist. Und auch in den 60ern war es nicht anders.

Und wie ist es heute?

In unserer heutigen Gesellschaft haben wir all diese großen Konzerne: die H&Ms, die Zaras, die Walmarts und die Media Markts ... Alle versuchen, das Gleiche so günstig wie möglich zu verkaufen, um viel Geld zu verdienen. Es ist schwer, sich außerhalb dieses Systems zu stellen. Bei Musik ist das nicht anders: Die großen Konzerne heute wollen Musik, die ins Raster passt, denn sie ist am günstigsten und am einfachsten zu vermarkten.

War es früher also besser?

Ich denke, man muss akzeptieren, dass die Zeit nicht stehen bleibt und sich ändert. Ich habe einen 21-jährigen Sohn. Er hört genauso viel Musik wie ich, als ich 21 war. Ich weiß allerdings noch die Katalognummern der Beatles-Alben auswendig. (lacht) Ihm dagegen ist nicht wirklich wichtig, wer der Künstler, der Songschreiber oder der Produzent hinter der Musik ist. Er lebt aber auch in einer Informationsgesellschaft, in der ich nicht gelebt habe, und verbringt seine Zeit mit "Counter-Strike", "Snapchat" und all diesen Dingen. Wenn Sie mich mit meinen 59 Jahren allerdings fragen, ob Popmusik früher eine größere Bedeutung hatte, sage ich Ja. Denn früher war die Musik nicht formatiert.

Benny Andersson von Abba hat unzählige Hits geschrieben. In einem Interview mit uns bezweifelte er jedoch, dass er dies heute noch könnte, weil sich seine Songs immer wie Lieder aus den 70ern anhören würden. Sie haben mit Songs wie "The Look", "Listen to Your Heart" oder "It Must Have Been Love" auch Evergreens geschrieben. Aber auch das ist rund 30 Jahre her. Könnten Sie heute noch einen Hit schreiben?

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Schwer zu sagen. Die Top-40-Musik heute mit dem ganzen Hip-Hop ist nicht wirklich die Musik, in der ich gut bin. Das ist nicht mein Stil. Um einen Hit-Song zu landen, muss er aber bei den Kids ankommen. Egal, ob Benny, Paul McCartney, Brian Wilson oder all die anderen tollen Songschreiber - sie alle haben ihre größten Songs geschrieben, als sie jung waren. McCartney etwa war 28, als er die Beatles verlassen hat. Ich würde nicht sagen, dass es seither mit ihm bergab ging. (lacht) Aber seinen Höhepunkt hatte er definitiv, bevor er 28 war. Wenn man nun wie ich 59 ist und versuchen will, Musik für 18-Jährige zu machen, ist das schwierig. Aber das wäre eine schöne Herausforderung, der ich mich schon stellen würde. (lacht)

Sie gehen ab 9. Oktober unter dem Motto "Per Gessles Roxette" ohne Marie Fredriksson in Deutschland auf Tour. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich habe grundsätzlich ja nur zwei Optionen: Entweder trete ich mit diesen Songs auf und spiele sie oder ich mache das nicht. Aber die Songs sind für mich wie Babys und zu gut, um nicht mehr gespielt zu werden. Das war übrigens auch das erste, worüber Marie und ich nach ihrem Ausstieg gesprochen haben. Sie wollte, dass ich mit Roxette weitermache.

Wie werden Sie die Shows ohne Marie Fredriksson umsetzen?

Mir war von Anfang an klar, dass ich Marie nicht durch jemand anderen ersetzen will. Ich werde stattdessen in der Show versuchen, die Songs zum eigentlichen Star zu machen - anstatt mich oder die Band. Ich möchte, dass die Songs glänzen. Dafür werde ich sie für die spezielle Band, die ich dabei habe und die übrigens auch Pedal-Steel-Gitarre und Violine einschließt, arrangieren. Es wird fünf Leute geben, die singen - zwei Frauen und drei Männer. Wir werden also viele Optionen haben, wenn es darum geht, wer was singt. Und ich denke, manche Songs werden sich ziemlich wie das Original anhören, andere jedoch nicht.

Wird das Programm nur aus Roxette-Songs bestehen oder bringen Sie auch Solostücke von Ihnen unter?

Ich werde ein bisschen von allem hineinschmuggeln. (lacht) Aber im Wesentlichen werden es schon Roxette-Songs sein. Bei dieser Tour steht nicht "Small Town Talk" im Vordergrund, sondern das Werk von Roxette.

Einige Fans hoffen vielleicht immer noch darauf, dass Marie Fredriksson irgendwann zurückkehrt. Ist das noch vorstellbar?

Ich glaube nicht. Das würde mich schon sehr überraschen.

Mit Per Gessle sprach Volker Probst

"Per Gessles Roxette" geht im Oktober 2018 in Deutschland auf Tour: Leipzig (9.10.), Hamburg (11.10.), Wien (18.10.), Berlin (22.10.), Köln (23.10.)

Quelle: ntv.de