Wien-"Tatort" im SchnellcheckEmpathisch Richtung Rente

Seit 1999 ermitteln Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser im Wiener "Tatort". Eine gefühlte Ewigkeit, die bald endet: In ihrem vorletzten Fall drehen Eisner und Fellner deshalb nochmal so richtig auf - aber ganz anders, als man das vielleicht erwarten würde.
Was passiert?
Der Sonnenhof am Wiener Stadtrand ist die letzte Chance für verhaltensauffällige Jugendliche, bevor sie buchstäblich auf der Straße landen. Als der Leiter der Einrichtung (Roland Silbernagl) erschlagen aufgefunden wird, fällt der Verdacht auf einen der Bewohner: den 16-jährigen Cihan (Alperen Köse), der ein einschlägiges Vorstrafenregister aufweist und seit der Tat verschwunden ist. Aber auch ein militanter Nachbar, der mit dem Sonnenhof im Clinch liegt, gerät ins Visier von Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser).
Um den Täter zu finden, legen die Wiener Ermittler eine Vielzahl schwelender Konflikte frei - immer in dem Wissen, dass jede Eskalation zu einer weiteren Katastrophe führen kann. Denn diesmal haben sie es nicht nur mit manipulativen Zeugen oder widerspenstigen Verdächtigen, sondern zugleich mit Menschen zu tun, für die es unter schwersten Bedingungen um alles geht. Als sich herausstellt, dass der erschlagene Sonnenhof-Chef selbst ein paar tiefschwarze Flecken auf seiner Seele hatte, macht das die Ermittlungen nicht einfacher.
Worum geht es wirklich?
Einerseits geht es in "Gegen die Zeit" darum, eine Lanze für die Wirkkraft der oftmals belächelten Sozialarbeit zu brechen. Für Regisseurin Katharina Mückstein aber auch um den Zeitgeist: "Wo verortet man, was schiefläuft? Sehr oft werden die Kids zum Problem gemacht und nicht die Umstände, unter denen sie aufwachsen." Oder, um es mit Eisner-Darsteller Krassnitzer zu sagen: "Es sind Kinder, mit denen wir es zu tun haben. Und man müsste anders mit ihnen umgehen."
Wegzapp-Moment?
Einzig die Szenen mit dem etwas zu simpel gezeichneten Nachbarn wirken ab und an ein bisserl drüber, etwa wenn er sich theatralisch vor der Polizeimacht auf den Boden wirft. Aber das ist dann auch schon echtes Luxus-Nörgeln.
Wow-Faktor?
Nicht ganz neu, aber hier besonders gut gemacht: Die Regisseurin lässt ihre Ermittler vor den Augen der Zuschauer in die Tatrekonstruktion eintauchen. "Sie bringt die Ermittler in die sinnliche Erfahrung", sagt Fellner-Darstellerin Neuhauser. "Sie versetzen sich in das Geschehen wenige Stunden vor der Tat, in das Erlebte der Jugendlichen und ihrer Betreuer, doch was man sonst nur im Kopf durchspielt, ereignet sich bei uns im Bild. (…) Also ich bin schwer begeistert von diesem Film."
Wie ist es?
9 von 10 Punkten. "Gegen die Zeit" ist im Grunde genommen ein langes Gespräch, das mit kurzer Unterbrechung von der Nacht bis zum nächsten Tag dauert. So trocken das klingen mag, so spannend ist es umgesetzt - und dass gleichzeitig die Empathie-Message so stark rüberkommt, ein echter Gewinn für den vorletzten Wiener "Tatort" mit Eisner und Fellner überhaupt.