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Der Schnellcheck zum "Tatort" Nazi über Nacht

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Nach der gewalttätigen Festnahme von Hakim Khaled (Shadi Eck) wird Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) Rechtsextremismus vorgeworfen.

(Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin )

Mit einer Leiche in einem Dortmunder Hochhaus fängt es an, 48 Stunden später kommt es dort zum hasserfüllten Showdown. Nach dem Münchner Gastspiel von Faber und Bönisch ist auch "Heile Welt" erneut großes Krimi-Kino. Und für Bönisch kommt es ganz dicke.

Was passiert?

Viel Zeit bleibt Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) nicht, um sich im Dortmunder Revier einzuleben. Kaum hat sie die Nachfolge von Nora Dalay (Aylin Tezel) angetreten, da gibt es einen Mordfall. Im Gerber-Hochhaus brennt es, bei den Löscharbeiten wird die Leiche einer jungen Frau gefunden: Anna Slomka war schwanger, wurde mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen, zudem gibt es Spuren einer möglichen Vergewaltigung.

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Stefanie Reinsperger (r.) feiert als Rosa Herzog ihr "Tatort"-Debüt.

(Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin )

Rund um das Hochhaus an diesem sozialen Brennpunkt ergeben sich umgehend diverse Verdachtsmomente. In einem leer stehenden Computerladen versucht der arbeitslose Thomas Janowski (Jürg Plüss), irgendwie über die Runden zu kommen. Hausmeister Florian Zerrer (Sven Gey) hat ein merkwürdiges Verhältnis zu Rauchmeldern. Und in der Familie von Hakim Khaled (Shadi Eck) gärt es: Während Hakim als Kokaindealer um die Häuser zieht, betrauern die Eltern Abdul Azim Khaled (Ferhat Keskin) und Rana Khaled (Meryem Moutaoukkil) den Tod seines älteren Bruders Arif. Vater Khaled ist Imam der örtlichen Moschee - und hatte mit Anna Slomka kurz vor ihrem Tod eine Auseinandersetzung.

Ohnehin also eine unübersichtliche Lage für Kommissar Faber (Jörg Hartmann) und seine Kollegin Bönisch (Anna Schudt), die Situation wird jedoch noch ungleich brenzliger, als Bönisch bei einem Verhör des jungen Hakim die Nerven verliert und ein Handyvideo der Festnahme viral geht. Plötzlich steht Bönisch öffentlich am Pranger und wird dem rechtsextremen Lager zugerechnet.

Worum geht es wirklich?

Das Hochhaus als soziales Biotop funktioniert wie eine Versuchsanordnung: Mit dem Mord an Anna Slomka wird ein erster Dominostein angestoßen, der Rest ist eine Kettenreaktion. Der Verdacht Hakim Khaled gegenüber ruft das rechte Lager auf den Plan, umgehend reagiert die Gegenseite, zwischen allen Fronten sieht sich Bönisch plötzlich ungeheuerlichen Vorwürfen ausgesetzt. In den sozialen Medien kocht das alles hoch, bis es zum kollektiven Ausbruch kommt.

Wegzapp-Moment?

Nicht vorhanden, im Gegenteil: Im diffusen Geschehen - vom chaotischen Auftakt über die als Rückblende erzählten Ereignissen, die dazu führten, bis zu den psychischen Baustellen der Protagonisten - bleibt kaum Zeit zum Luftholen. Selbst in seinen ruhigeren Szenen sinkt das Spannungslevel nie, ist Philip Kirsamers Kamera unter der Regie von Sebastian Ko immer ganz nah dran und schafft dabei eine überaus emotionale Verbindung zu den handelnden Personen.

Wow-Faktor?

Genau genommen gelingt diesem "Tatort", woran so viele andere scheitern: Unterschiedlichste Erzählebenen miteinander zu verbinden, private Sollbruchstellen, dienstliche Grabenkämpfe, die zwischenmenschlichen Verbindungen der Kollegen, diverse gesellschaftspolitisch Sollbruchstellen von Social Media bis Neonazis - ein Wust an Schauplätzen, dennoch verliert "Heile Welt" nie seinen roten Faden. Auch toll: Dass Jan Pawlak (Rick Okon) und seine Geschichte mehr Aufmerksamkeit bekommen und die Neue, Kommissarin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger), einen bravourösen ersten Auftritt hinlegt.

Wie wars?

10 von 10 Punkten - 90 Minuten packendes Storytelling, hochaktuell, komplex, mutig.

Quelle: ntv.de