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"Tatort" aus Dortmund Pottes Zorn

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Ein Mord unter den Kumpels - und die Emotionen kochen über.

WDR / Martin Valentin Menke

Faber als Einäugiger unter Blinden: Während es im Fall um den ermordeten Kumpel an allen Ecken und Enden kracht, behält ausgerechnet der kaputte Kommissar den Überblick. Auch dank eines Elektrolyte-Klassikers: lecker Pils!

Alles Grau in Grau, überall Risse, nur notdürftig verputzt, abgeblätterte Farbe und schiefe Gardinen hinter schmutzigen Fenstern - in der Bergarbeiter-Siedlung am Rande Dortmunds stehen die Zeichen auf Untergang. Die Zeche Sophie-Charlotte wird dichtgemacht, Hunderte Kumpels stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Da hilft es auch wenig, dass ihnen pro Nase 20.000 Euro Abfindung winken.

Wie eine zynische Pointe wirkt zudem das Vorhaben, auf dem Gelände der einst wirtschaftlich blühenden Anlage ausgerechnet einen Erlebnispark zu errichten. "Mir haben sie einen Job in der Geisterbahn angeboten", brüllt Bergmann Ralf Tremmel (Thomas Lawinky) irgendwann und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.

"Schicht im Schacht"

Dass Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Studt) mit all dem hautnah in Berührung kommen, hat mit einem Mord zu tun, der sich unter den Kumpels ereignet. Tremmels Freund und Kollege Andreas Sobitsch (Daniel Fritz) liegt erschossen am Flussufer. Zusammen mit Stefan Kropp (Andreas Döhler) waren die drei als Kleinstclique unterwegs, die sich unter "Schicht im Schacht"-Plakaten zusammen ablichteten, gemeinsam gegen die Hoffnungslosigkeit ankämpften und auf den Betriebsversammlungen, angeführt vom Gewerkschafter Klaus Radowski (Peter Kremer), ihrem Ärger Luft machten. Kropp selbst wird schließlich vom trauernden Kumpel zum Hauptverdächtigen, denn der Ermordete hatte ein pikantes Geheimnis.

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Die Mordkommission Dortmund: Martina Bönisch (Anna Schudt), Jan Pawlak (Rick Okon), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Peter Faber (Jörg Hartmann, v.l.).

(Foto: WDR / Thomas Kost)

"Zorn" nennt Jürgen Werner, Grimme-Preisträger und Autor zahlreicher "Tatort"-Folgen, seine Geschichte, die das tragische Ende einer Bergbau-Anlage beleuchtet. Ein Kriminallfall, der sich abseits klassischer Alibifragen und Fingerabdruck-Untersuchungen anschickt, den abgearbeiteten, desillusionierten Kumpels ein Gesicht und vor allem eine Stimme, eine laute, zu geben. Insbesondere in den Szenen rund um die Zechen-Kneipe ist die Temperatur chronisch kurz vorm Siedepunkt, wird gebrüllt, gezankt, vorgeworfen und abgewunken.

Doch nicht nur im Umfeld des Toten ist die Kommunikation schwierig, auch bei Faber und seinem Team liegt einiges im Argen. Bönisch hat so schwere Rückenprobleme, dass sie kaum gehen kann, und das Binnenverhältnis zwischen den Rookies des Teams, Jan Pawlak (Rick Okon) und Nora Dalay (Aylin Tezel), ist gelinde gesagt zerrüttet. Er ein wortkarger Einzelgänger mit passiv-aggressiver Macho-Attitüde, sie eine impulsive Jung-Polizistin. Als Pawlak schließlich auch noch einen verhängnisvollen Verhörfehler macht, hat das sogar tödliche Folgen, auch Dalay gerät später in die Schusslinie.

Melancholie und Vergänglichkeit

Fabers 13. Fall entpuppt sich als Gemischtwaren-Tüte: Da ist die tragische Geschichte rund um den Zechen-Exodus, durch die Bottroper Schließung der letzten Zeche im vergangenen Dezember mit höchst aktuellem Bezug. Die Auseinandersetzung zwischen Pawlak und Dalay, die auf ihrem Höhepunkt kurz vor dem tätlichen Angriff steht, deutet zudem die Kontroverse um #MeToo und Geschlechterrollen an. Dazu schleicht sich noch ein im wahrsten Sinne des Wortes versprengter "Reichsbürger" (Götz Schubert) in die Szenerie. Und durch Bönischs Rückenproblem wird auch noch das Heilpraktikertum mit seinen gängigen Klischees angerissen. Darüber hinaus ist die Rolle der Frau vom LKA, Dr. Klarissa Gallwitz (Bibiana Beglau), so diffus angelegt, dass man kaum weiß, ob das ironisch gemeint ist oder es sich um eine entflohene Patientin aus der Psychiatrie handelt, die hier unter falscher Identität agiert.

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Aus der Psychiatrie entflohen? LKA-Beamtin Dr. Klarissa Gallwitz (Bibiana Beglau).

(Foto: WDR / Thomas Kost)

Das ist unter dem Strich ein bisschen zu viel von allem, dennoch birgt der Fall seinen ganz eigenen Reiz. Die Einstellungen von Kameramann Wolfgang Aichholzer, untermalt vom subtilen Score des schwedischen Jazzpianisten Martin Tingvall, zeigen den Pott in stimmungsvollen Bildern, durchzogen von Melancholie und Vergänglichkeit, voll rauer Romantik der vergangenen Tage. Und dann ist da noch Faber selbst, der den Verlust von Frau und Kind längst nicht verarbeitet hat, dessen Wahn immer wieder aufflackert, der mal stumm verharrt, dann wieder fatalistisch abwinkt, unter all diesen Hitzköpfen, Fanatikern und Frustrierten letztlich aber beinah wie der einzige Normale wirkt. Einer, der weiß, dass es dann und wann um nichts anderes geht als das richtige Getränk zur richtigen Zeit: ein leckeres Pils.

Quelle: n-tv.de

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