TV

"Das war Guerilla-TV" Quarantäne-WG im Krisenmodus

1698705.jpg

Selbst mit dem Coronavirus infiziert: Oliver Pocher.

(Foto: TVNOW)

Corona macht's möglich. Da gründen Thomas Gottschalk, Günther Jauch und Oliver Pocher sogar spontan eine Männer-WG, in der das Duz-Verbot aufgehoben und der Comedian die Stimme der Vernunft ist. Ein TV-Experiment zur richtigen Zeit, aber mit Luft nach oben.

Wer putzt? Wer macht den Abwasch? Und wer verdammt hat meinen Joghurt gegessen? In Wohngemeinschaften tun sich bekanntlich so manche Abgründe auf, womöglich erst recht, wenn sich drei Herren der Schöpfung die Hütte teilen. Doch Männer-WG hin oder her - einem ähnlichen Katastrophen-Szenario musste sich bis dato ganz sicher noch keine Kommune stellen.

Schließlich haben sich Thomas Gottschalk, Günther Jauch und Oliver Pocher nichts Geringeres vorgenommen, als gemeinsam im Fernsehen die Corona-Pandemie auszusitzen. "Die Quarantäne-WG - Willkommen zuhause" heißt das Format, das RTL dazu in Windeseile mit dem Dreigestirn der TV-Unterhaltung auf die Beine gestellt hat.

TV in der Corona-Ära

Natürlich sitzt das Trio zwischen 42 (Pocher) und 69 (Gottschalk) dabei nicht allein in seinem virtuellen Mehr-Generationen-Haus, das aus ein paar Webcams und Headsets in den wahren Behausungen der drei von Potsdam (Jauch) bis Baden-Baden (Gottschalk) errichtet wurde. Es gibt diverse Gäste - in der ersten Folge Moderatorin Laura Karasek, Notaufnahme-Ärztin Carola Holzner und Musiker Max Giesinger. Und auch die Zuschauer sind mit von der Partie, etwa mit Fragen, die sie den Bewohnern und Besuchern der WG via Social Media stellen können.

Die Sendung, die so entstanden ist, befindet sich zum Auftakt im wahrsten Sinne des Wortes im Krisenmodus. Die einst von Gottschalk Anfang der 80er-Jahre in der ARD präsentierten "Telespiele" mit den ersten verspielten Computer-Pixeln als Show-Sensation muten dagegen beinahe wie ein fantastisches Wunderwerk aus der Zukunft an. Die Bewohner der "Quarantäne-WG" kommunizieren "ohne Duz-Verbot" (O-Ton Jauch) im fahlen Schein ihrer Wohnzimmerlampen mit verzerrten Stimmen über krisselige Monitore im Splitscreen miteinander - das war's. Willkommen beim Fernsehen in der Corona-Ära!

"Absurde Zeiten"

Doch genau das ist es, was in diesen "absurden Zeiten" (O-Ton Giesinger) absurderweise genau angemessen erscheint, auch wenn beim ersten WG-Treffen noch so einiges drunter und drüber geht. "Irgendeiner muss was sagen", wirft Pocher in einem Moment der Stille ein, während in anderen Augenblicken alle auf einmal zu quasseln beginnen. Dem TV-Experiment mangelt es zu Beginn noch an einer richtigen Regie - ganz so wie der Pandemie, durch die es inspiriert wurde. Dennoch: Die Idee zur Gründung der "Quarantäne-WG" ist clever und hat jede Menge Potenzial.

Nicht nur, weil mit Pocher einer der Promis, die sich hierzulande den Virus bereits eingefangen haben, zu den Bewohnern zählt. Einer, der als Comedian zwischen Deutschlands Oberlehrer Jauch und dem "fleischgeworden Sonnenschein" Gottschalk (O-Ton Jauch) ausgerechnet zur "Stimme der Vernunft" (O-Ton Gottschalk) mutiert. Schließlich war Pocher - noch vor seiner Erkrankung - eine der ersten Show-Größen, die öffentlich vor der Pandemie warnten und für radikale Maßnahmen gegen sie plädierten.

Das tut Pocher auch jetzt noch, wenngleich sich bei ihm ein ähnlicher Krankheitsverlauf wie bei einer normalen Grippe abzeichnet - "nicht fantastisch" mit Fieber, Schüttelfrost und fehlendem Geruchssinn, aber eben auch nicht lebensbedrohlich. So kann und will Pocher beruhigen, ohne zu verharmlosen. Ein Lichtblick aus erster Hand in diesen unsicheren Zeiten, in denen Pocher noch eine bedeutende Botschaft hat: "Das Wichtigste ist: Wir haben genug Klopapier."

Erinnerung an Tschernobyl

Doch auch Jauch und Gottschalk können ihr Scherflein zum Gelingen der Sendung beitragen. Dann etwa, wenn der "Wer wird Millionär?"-Moderator an die AKW-Katastrophe in Tschernobyl 1986 erinnert und damit daran, dass die Corona-Krise vielleicht gar nicht so singulär ist, wie es derzeit oft beschworen wird. Mit dem Unterschied, dass sie heute auf eine Gesellschaft trifft, die offener, aufgeklärter und wehrhafter ist als noch vor 34 Jahren. Auch das, so absurd es in diesen absurden Zeiten klingen mag, ein positiver Lichtblick.

Oder dann, wenn Gottschalk sich mit seiner sympathischen "Ich bin doch nur ein Unterhaltungs-Dödel"-Attitüde die Frage stellt, ob er mit seiner Gute-Laune-Mentalität gerade womöglich im falschen Film unterwegs ist. Natürlich nur, um sich von Ärztin Holzner die Diagnose abzuholen, dass ein Anfall von Humorlosigkeit und jeglicher Verzicht auf Leichtigkeit auch in schwierigen Zeiten noch niemandem das Leben gerettet hat.

Auch in anderer Hinsicht vermag die Medizinerin den Entertainer zu beruhigen: Trotz seines fortgeschrittenen Alters und seiner eigenen Einstufung als "Vertreter der Risikogruppe" ist ihm ein schwerer Verlauf einer Corona-Infektion nicht garantiert. Mit dem weniger beruhigenden Umkehrschluss versteht sich, dass sich auch junge Menschen wie die an Diabetes vorerkrankte Laura Karasek nicht darauf verlassen können, bei einer Ansteckung in jedem Fall glimpflich davonzukommen.

"Nie stärker als jetzt"

Holzner verleiht der Plauderei in der "Quarantäne-WG" die vielleicht notwendige Sach- und Fachlichkeit, die jedoch aus all den anderen Diskussionen rund um Corona schon bekannt ist. Giesinger dagegen kann vor allem eines beitragen: seinen neuen Song "Nie stärker als jetzt", mit dem er gegen die Pandemie ansingt. Auch wenn der Sänger versichert, die Einnahmen durch das Lied spenden zu wollen, rollt da nicht nur Pocher ein wenig beschämt mit den Augen.

Doch auch und gerade das hat Unterhaltungswert. "Das war Guerilla-TV", muss Jauch am Ende der Sendung einräumen, während Karasek es auf den Punkt bringt: Sich in der Krise auszutauschen, helfe ihr, der "Quarantäne-WG" und hoffentlich auch den Zuschauern. Ja, es gibt noch Luft nach oben. Aber tatsächlich kann die Sendung in der aktuellen Situation dazu beitragen, Ängste zu nehmen, ein Wir-Gefühl zu vermitteln und für ein wenig positive Ablenkung zu sorgen, ohne die Sorgen zu negieren. Es ist das richtige Format zur richtigen Zeit.

Quelle: ntv.de