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"Weiblich, erfolgreich, sexy" S!sters siegen am ESC-Frauenabend

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Fahren nach Tel Aviv: S!sters.

(Foto: picture alliance/dpa)

Frauen an die Macht - und so steht der Vorentscheid zum Eurovision Song Contest ganz im Zeichen des weiblichen Geschlechts. Dazu passt, dass die Siegerinnen S!sters heißen. Mit viel Pathos, Spieluhr-Melodie und Ringelpietz ohne Anfassen.

"Ich bin der König von Scheißegalien", singt Udo Lindenberg in einer der musikalischen Pausenfüller-Einlagen beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) am Freitagabend. Doch damit befindet er sich gleich in doppelter Hinsicht in der Minderheit. Zum einen ist es sicher weder dem Publikum in der Halle des Fernsehstudios von Berlin-Adlershof noch den TV-Zuschauern so ganz scheißegal, wer am Ende das Ticket nach Tel Aviv lösen wird. Und zum anderen führen beim diesjährigen Vorentscheid eindeutig die Königinnen das Regiment - männliche Panikrocker und ihre Geschlechtsgenossen sind da bloß die Schleppenträger.

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Der "König von Scheißegalien": Udo Lindenberg.

(Foto: picture alliance/dpa)

So darf Elton, der im Vorjahr noch die Show gemeinsam mit Linda Zervakis geschmissen hatte, diesmal nur von zu Hause aus zuschauen und derweil an seinen nächsten "Schlag den Star"-Moderationen feilen. Für ihn ist Barbara Schöneberger als Vorentscheids-Monarchin zurückgekehrt, die 2018 lediglich verhindert war. Zwar darf auch ihr Zervakis assistieren, doch rückt die "Tagesschau"-Sprecherin zurück ins zweite Glied. Das Zepter, das ist klar, schwingt in der Sendung allein das blonde Gift. Da geht die Nachrichten-Frau sogar in die Knie, wenn es darum geht, Queen Schöneberger bei einer Ansage nicht im Weg zu stehen.

"Nachtmagazin" statt "Tagesschau"

Dennoch: Es ist Frauenpower angesagt beim Vorentscheid. Sie seien schließlich "weiblich, erfolgreich, sexy", schreibt Schöneberger sich selbst und ihrer Kollegin ins royale Stammbuch. Und Zervakis kann mit einem Outfit punkten, das "schon nicht mehr 'Tagesschau', sondern 'Nachtmagazin'" ist. Das macht sie dann allerdings beim Gang durchs Publikum wieder wett, bei dem ihr die Führung des "Teams Intelligenz" zufällt, während Schöneberger das "Team Schön" leitet. Wirklich würdige Vasallen für ihre Truppen finden beide nicht. Aber das ist am Ende auch egal. Denn auch das ist letztlich nur zeitliche Überbrückung beim Kreuzzug auf der Suche nach dem heiligen Gewinner des Vorentscheids.

Oder besser gesagt: der heiligen Gewinnerin. Und noch besser gesagt: den heiligen Gewinnerinnen. Schließlich sind auch sechs der acht Anwärter auf die Reise ins gelobte Land Frauen - vier Einzelkünstlerinnen und ein weibliches Duo. Lediglich die beiden ehemaligen "The Voice of Germany"-Kandidaten Gregor Hägele und Linus Bruhn halten die Fahne der maskulinen Recken hoch, der eine mit der hymnenhaften Ballade "Let Me Go", der andere mit Justin-Bieber-Attitüde bei "Our City". Vergebens.

"So alt bin ich noch nicht"

Den Ton bei der eigentlichen Krönungsmesse des Vorentscheids geben ebenfalls die Frauen an. Nun gut, vielleicht nicht unbedingt BB Thomaz, auch ein Ex-"The Voice of Germany"-Gesicht - ihr etwas zu theatralischer Auftritt als Beyoncé-Double mit "Demons" fällt dann doch glatt durch. Doch ihre Mitstreiterinnen bringen sich alle als mögliche "First Lady" ins Gespräch. Sei es Aly Ryan - mit "Wear Your Love" irgendwo zwischen Lady Gaga, Eurodance und Gina-Lisa Lohfink. Sei es Makeda, die sich mit "The Day I Loved You Most" durch eine ESC-typische Klavierballade schmachtet. Oder sei es Elisabeth Brüchner alias Lilly Among Clouds mit einer elfenhaften Mixtur aus Björk, Kate Bush und Ex-ESC-Siegerin Loreen beim Song "Surprise".

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S!sters - mit Pathos zum Sieg.

(Foto: picture alliance/dpa)

Doch die Nase vorn haben am Ende Carlotta Truman und Laurita alias S!sters, quasi die weibliche Ausgabe von William und Harry beim Vorentscheid. Mit dem Unterschied, dass sie eigentlich gar keine Schwestern sind, sondern sich überhaupt erst mit dem Zweck, den Thron der ESC-Teilnahme als Duo zu besteigen, kennengelernt haben. "Sister" lautet passenderweise auch der Titel ihres Songs, in dem es - nicht minder passend - darum geht, dass Frauen sich doch bitteschön nicht immer so anzicken sollen. Und das, obwohl Carlotta, wie sie in der Pressekonferenz nach dem Vorentscheid einräumt, das Problem gar nicht wirklich kennt. "So alt bin ich noch nicht", gesteht die 19-Jährige.

Nur Chronistenpflicht

Schwamm drüber. Die TV-Zuschauer, ein 20-köpfiges Experten-Gremium und eine aus 100 Frauen - und Männern - zusammengesetzte Jury von ESC-Fans entscheiden am Ende, dass S!sters Deutschland in Israel vertreten sollen. Der Auftritt mit Spieluhr-Melodie, viel Pathos und Ringelpietz-Verfolgung ohne Anfassen der beiden Protagonistinnen auf einer sich drehenden Bühne kommt bei den Abstimmungsberechtigten offenbar deutlich besser an als beim Live-Publikum. Gemessen am Applaus hätten im Studio Lilly Among Clouds, Aly Ryan oder aber Linus Bruhn die Nase vorn gehabt. S!sters wären chancenlos gewesen. Doch das festzuhalten, ist am Ende nur Chronistenpflicht.

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Workout inklusive - Aly Ryan auf der Bühne.

(Foto: picture alliance/dpa)

Apropos drehende Bühne: Der Erfolg von Michael Schulte mit seinem vierten Platz beim Barden-Treffen in Lissabon im vergangenen Jahr hat offenbar auch die ESC-Verantwortlichen des Norddeutschen Rundfunks (NDR) beflügelt, wieder in die Königsklasse aufzusteigen. Jedenfalls wurde in die Bühnenaufbauten diesmal deutlich mehr investiert als noch im vergangenen Jahr - da wabert etwa bei Lilly Among Clouds der Nebel nur so, fliegen bei BB Thomaz die "NDR-Mitarbeiter" (Zitat Schöneberger) durch die Luft und zündet bei Makeda der notorische Goldregen. Nur Aly Ryan kommt bei ihrem Live-Workout auf dem Laufband ins Schwitzen.

Lena im Joggers

Dabei hätte sich eigentlich auch Lena ganz gut Ryans Trainingsprogramm anschließen können. Die ESC-Gewinnerin von 2010 wertet die Multi-Women-Show ebenfalls durch ihre Anwesenheit, mit ihrem neuen Song "Thank You" und im Joggers auf. Und - siehe da - mit Choreografie. Das hätte man der zappelnden 19-Jährigen in Oslo mal vorspielen sollen - sie wäre vermutlich vom Glauben abgefallen.

Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch noch Vorjahressieger Schulte, Andreas Bourani im Duett mit Lindenberg und Revolverheld als Erfüllungsgehilfen der Show die Krone aufsetzen. Letztere vor allem, um von Zervakis als "Frauenversteher der Nation" gepriesen zu werden. Natürlich.

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Lena kann auch Choreo!

(Foto: picture alliance/dpa)

Gut zu wissen ist auf jeden Fall, dass die Verantwortlichen im Jahr 1 nach Majestät Schulte offenbar verstanden haben, worauf es ankommt. Denn auch wenn die Kandidatinnen und Kandidaten in diesem Jahr quasi durchgehend No Names sind - in Sachen musikalischer Qualität und Vielfalt gibt es diesmal nur wenig zu bemängeln.

Russisches Roulette

Einzig das dreigeteilte Abstimmungsverfahren gleicht nach wie vor russischem Roulette. Das zweite Jahr in Folge schrammen die Macher des Vorentscheids an einem programmierten Shitstorm vorbei, weil sich auch in diesem Jahr - wie schon 2018 bei Michael Schulte - glücklicherweise die Favoriten des TV-Publikums auch in der Endabrechnung durchsetzen.

Die Mehrzahl der insgesamt 375.000 Stimmen der Fernsehzuschauer entfällt tatsächlich auf S!sters - vor Lilly Among Clouds. Doch das unechte Schwestern-Duo wäre dank des Votums von Experten- und Fan-Jury auch nach Tel Aviv gefahren, hätten es die Massen an den TV-Geräten nur auf dem zweiten Platz gesehen. Kein Zweifel: Die Frage nach der Legitimität des deutschen ESC-Beitrags wäre dann unweigerlich hochgekocht. Die wenigsten Eurovision-Gucker wollen sich vermutlich bei ihrem Votum von ausgewählten Experten und Fans überstimmen lassen.

So aber ist nun alles Friede, Freude, Eierkuchen: S!sters werden in Israel darum singen, das Game of Thrones für Deutschland zu gewinnen. In diesem Sinne: Frauen an die Macht!

Quelle: n-tv.de

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