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"Kidnapping Stella" Vorsicht vor dem falschen Opfer

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Jella Haase spielt Stella, das etwas andere Entführungsopfer, im deutschen Remake des britischen Thrillers "Spurlos - Die Entführung der Alice Creed".

(Foto: Netflix)

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Wenn junge Frauen entführt werden, muss irgendwer herbeieilen, um sie zu retten - jedenfalls in Filmen. Die Rettung wird zur Heldenreise inszeniert. "Kidnapping Stella" funktioniert völlig anders. Endlich mal ein Entführungsdrama, das sich zu gucken lohnt.

Stella ist das perfekte Opfer: reicher Vater, jung, weiblich, Einzelkind. Wenn man es darauf angelegt hat, jemanden zu entführen, dann bitte sie. So sieht das auch Knacki Vic. Und weil sein Kumpel Tom ihm da so einen hervorragenden Vorschlag unterbreitet hat, darf er mitmachen bei Vics großem Plan. "Kidnapping Stella" eröffnet mit zwei breitschultrigen Typen bei der Arbeit. Sie buddeln Löcher, kleben Ladeflächen ab und verlegen Schallschutz-Schaumstoff. Was sie vorhaben, ist kein Geheimnis. Der Filmtitel ist da recht aussagekräftig.

Trotzdem ist "Kidnapping Stella" kein typischer Entführungsfilm. Vor allem ist Stella kein typisches Entführungsopfer. Auch sie schreit und bettelt, rüttelt ein bisschen an ihren Fesseln und fällt erschöpft in sich zusammen. Aber Stella tut viel mehr als das. Das Mädchen mit dem verschmierten Augen-Make-up zieht mit bescheidenen Mitteln alle Register. Angekettet an Händen und Füßen gelingt es Stella immer wieder, für einen Moment aus ihrer Ohnmacht auszubrechen.

Entführungsdrama als Kammerspiel

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Stellas Entführer sind perfekt vorbereitet. Doch nicht alles läuft wie geplant.

(Foto: Kerber Film / Stephanie Kulbach)

Die Entführer zeigt "Kidnapping Stella" als Knechte ihres eigenen Plans. Wo andere Filme die Handlung vorantreiben mit Blaulicht-Karawanen durch Innenstadtbezirke und aufgescheuchten Eltern in Gründerzeitvillen, hält "Kidnapping Stella" drauf. Entführung hat eben auch ganz schön viel mit Warten zu tun. Und wer warten muss, hat Zeit zum Denken. Die Räume sind klein, die Stimmung ist beklemmend. Irgendwer muss jetzt auf irgendwen losgehen. Man fühlt das.

"Kidnapping Stella" ist ein Entführungsdrama als Kammerspiel. Ein paar Quadratmeter Kulisse, drei Schauspieler. Das reicht Regisseur und Drehbuchautor Thomas Sieben, und auch dem Zuschauer wird das genügen. Mit Jella Haase, Clemens Schick und Max von der Groeben hat er hervorragende Darsteller gewählt. Wer die "Fack ju Göhte"-Filme gesehen hat, muss einen Moment lang darüber hinwegkommen, die Jungschauspieler irgendwie grammatisch unbeholfener abgespeichert zu haben. Das legt sich aber schnell.

Dramaturgie im Blickwechsel

Es wird oft gemeckert über deutsche Thriller. Auch weil die einfach nicht nach Hollywood aussehen wollen. "Kidnapping Stella" kommt gar nicht in die Bredouille, weil der Film eben ohne viel Blut und Explosionen funktioniert. Panik, Abscheu, Zuneigung - das alles passiert über die Augen. Weil zwei der Protagonisten über weite Strecken des Films Masken tragen, aber auch weil alle Geheimnisse haben, die sie den anderen gegenüber nicht aussprechen dürfen. Dramaturgie im Blickwechsel ist die große Stärke dieses Films, der als erster deutscher Netflix-Streifen international ankommen soll. Gelingen könnte es.

"Kidnapping Stella" ist nicht "96 Hours". Mit einem Retter à la Liam Neeson braucht der Zuschauer nicht zu rechnen. Sind die Erwartungen an die Filmentführung in die Tonne getreten, ist plötzlich wieder alles offen. So lässt es sich ehrlich mutmaßen und mitfiebern. Man soll nicht so viel über "Kidnapping Stella" reden. Man soll das schauen.

"Kidnapping Stella" ist ab dem 12. Juli abrufbar über Netflix.

Quelle: n-tv.de

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