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"Tatort" aus Dortmund Was tun, wenn es brennt?

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Eskalation im Gerberhochhaus - das Dortmunder Zentrum dient dem "Tatort" als Kulisse.

(Foto: WDR / Bavaria Fiction GmbH / Martin Menke)

Faber tanzt "Sunshine Reggae", Bönisch soll rechtsextrem sein, Pawlak ist plötzlich alleinerziehend und dann ist da noch die Neue, Rosa Herzog - mächtig was los am Fuße des Gerberhochhauses. Mit "Heile Welt" ist den Dortmundern mal wieder ein Krimi-Coup geglückt.

Die Sache mit dem geheimnisvollen Hochhaus hat gerade Saison, so scheint es. In der Netflix-Serie "Crime Scene - The Vanishing At The Cecil Hotel" geht es um das Schicksal von Elisa Lam. Am 31. Januar 2013 verschwand die junge Kanadierin, knapp drei Wochen später wurde ihr Leichnam in einem Wassertank auf dem Dach des Hotels an der Maine Street in Los Angeles gefunden. Die Serie dramatisiert das Gebäude in dem damals wie heute aufsehenerregenden Fall als ein Gemäuer, in dem sich das Böse manifestiert, aus dessen Wänden das Schicksal der vielen, oft hoffnungslosen Bewohner widerhallt und eine dunkle Macht auf die nachfolgenden Mieter ausstrahlt.

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Drei alte Bekannte und ein neues Gesicht: Martina Bönisch (Anna Schudt, l.), Jan Pawlak (Rick Okon, 2.v.l.), Peter Faber (Jörg Hartmann) und die hinzu gekommene Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger).

(Foto: WDR / Bavaria Fiction GmbH / Martin Menke)

Das Gerberhochhaus in Dortmund verfügt vielleicht nicht über die schaurig-schöne Aura des Cecil Hotels, aber mit dem Mord an der jungen Anna Slomka taucht der Zuschauer auch sehr schnell in diese überaus eigene Hochhaus-Welt ein. Undurchsichtige Bewohner, merkwürdige Hausmeister, flackernde Beleuchtung, Wohnungen, in denen ein oftmals stiller Existenzkampf ausgetragen wird, an dessen Ende womöglich ein tragisches Ende, wie das der jungen Anna steht. Was jedoch zunächst nach einem Ghettoblock-Drama aussieht, öffnet schnell die thematische Klammer, ein "Tatort"-Fall, bei dem umgehend klar ist, dass dort, wo "Heile Welt" draufsteht, selbige garantiert nicht drin ist.

Das fängt schon mit der Einstiegsszene an: In surrealen rötlichen Nebel getaucht, steht da Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) am Fuße des Hochhauses, während um sie herum die Welt unterzugehen scheint. Kollege Faber (Jörg Hartmann) wird halb bewusstlos weggezerrt, überall Gewalt und Schreie und Rauchbomben. "48 Stunden zuvor" heißt es kurz darauf und so wird der Zuschauer Zeuge all dessen, was vorher geschehen ist.

Quadratur des Kreises

Lena Odenthal war bereits in der Vorwoche durch die trüben Gewässer des Rechtsextremismus gewatet, Martina Bönisch bekommt es diesmal ungleich dicker ab. Nachdem ein Clip viral geht, der sie im angeregten Gespräch mit einem rechten Jungpolitiker zeigt, kocht es in den Sozialen Medien hoch. Ein linker Blog agiert besonders offensiv in dieser Verleumdungskampagne, die Kommissarin, so heißt es, ist zu den Nazis übergewechselt. Der mediale Gegenwind ist schließlich zu stark, Bönisch wird beurlaubt.

Das allein könnte bereits die Story sein, doch Autor Jürgen Werner, einer der Urväter des Dortmunder Teams, hat Größeres im Sinn. Es scheint fast, als hätte er sich die Quadratur des Kreises vorgenommen, einen "Tatort" zu kreieren, in dem plötzlich all die potenziellen Schauplätze, die privaten, die dienstlichen, die gesellschaftlichen Baustellen eine Gemengelage bilden, in denen kaum ersichtlich ist, was jetzt hier genau die Story ist - und die sich dabei zu einer hochpackenden Melange aus Krimi und Gesellschaftsstudie verdichten.

Ein ganz dicker Pinsel

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Mit ganz dickem Pinsel wird da hantiert: ein Faber, der zwischen enttäuschter Liebe, linkischem Helfersyndrom, "Sunshine Reggae", Ravioli und Flachmann umhertorkelt. Rosa Herzog, die Neue, der man ein besonders forsches Debüt verabreicht. Pawlak, dessen Junkie-Ex wie vom Erdboden verschluckt ist und ihn mit der Tochter zurücklässt. Bönisch, mit neuem Kollegen-Lover, die kurz vor dem Zusammenbruch steht. Die angespannte Familie Khaled, der nassforsche Rechtsausleger von der Partei, die überengagierte Bloggerin, das alles abgeschmeckt mit On-Screen-Kommentaren aus der Social-Media-Vorhölle und verwackelten Handykamera-Bildern, kurzum: eigentlich einer dieser "Tatort"-Fälle, denen man ein "zu viel gewollt" ins Testatheft schreiben müsste.

Doch Jürgen Werner und Regisseur Sebastian Ko halten all diese Bälle sehr gekonnt in der Luft, lassen Raum für einen wundervoll agierenden Cast, halten den Finger in die Wunde, spenden aber auch Trost durch kleine Gesten, versehen tagesaktuelles Kolorit mit einer Doppelbödigkeit, die durchweg packend gerät. Allein wie die junge Polizistin der beurlaubten Bönisch Solidarität aus der falschen Ecke anbietet, ist einer dieser Momente, in denen Ko und Werner geschickt und überraschend mit den Erwartungen tricksen. Dass es am Ende dann sogar noch für ein konventionelles Täterrätsel samt emotionalem Geständnisdialog reicht, macht vollends den Deckel drauf. Fazit: So kann es in Dortmund gern weitergehen, das war Champions League.

Quelle: ntv.de