Marhaba

Auszug aus "Marhaba, Flüchtling!" Frau Merkel, wann haben wir es geschafft?

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(Foto: picture alliance / dpa)

Angela Merkel hat die Devise ausgegeben: "Wir schaffen das." Aber stimmt das denn? Und was heißt, "es geschafft" zu haben überhaupt? Ein Plädoyer für realistische und überprüfbare Ziele der Flüchtlingspolitik.

Seit September 2015 bringt n-tv Moderator Constantin Schreiber in mehr als einem Dutzend Folgen der Multiplattform-Reihe "Marhaba - Ankommen in Deutschland" Flüchtlingen Deutschland näher. Anfang März 2016 wurde er dafür mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichnet. Nun versucht Schreiber, die Unterschiede zwischen Deutschen und Zuwanderern in seinem neuen Buch zu erklären - auf Deutsch und Arabisch. Auf n-tv.de haben Sie die exklusive Möglichkeit, in drei Teilen Auszüge aus "Marhaba, Flüchtling!" zu lesen.

"Wir schaffen das", sagt die Kanzlerin. Aber was genau? Ab wann können wir denn sagen, jetzt haben wir "es" geschafft? Welches sind die Kriterien, die die Kanzlerin zugrunde legt – und die sie hoffentlich hat? Haben wir "es" geschafft, wenn wir Millionen Menschen bei uns aufnehmen, ohne dass das Volk dagegen revoltiert? Ohne dass Pegida und AfD sprunghaft an Zuspruch gewinnen? Ohne dass die CDU aus der Regierung gewählt wird? Oder haben wir "es" geschafft, wenn die Flüchtlinge so werden wie wir? Einem regelmäßigen Job nachgehen, Trennung von Staat und Religion leben, Deutschland als ihre Heimat sehen?

Für mich lautet die Frage: Was sind denn realistische Ziele? Und sind das Ziele, die die Mehrheit der Menschen in unserem Land mitträgt? Wir könnten als Ziele definieren, dass ein bestimmter Prozentsatz von Flüchtlingen arbeiten soll. Dass eine Mehrheit gut Deutsch lernt, was etwa durch Prüfungen nachzuweisen wäre. Dass ein bestimmter Anteil von Flüchtlingskindern einen Schulabschluss erreichen soll. Objektive Kriterien, die ein "Wir schaffen das" überprüfbar machen.

So viel muss klar sein: Eine kulturelle Umerziehung der Zuwanderer ist kein realistisches Ziel. Da mögen wir in allen erdenklichen Sprachen und Formaten die Säkularität unseres Landes bewerben. Jemand, der mit einem bestimmten gesellschaftlichen Wertegerüst aufgewachsen ist und damit gelebt hat, den werden wir – wenn er nicht aufgrund traumatischer Kriegserlebnisse der Verbindung von Religion und Staat abschwört – schwerlich davon überzeugen können, unsere Kultur zu übernehmen.

Zwar schreiben mir als Reaktion auf meine Sendung "Marhaba" zahlreiche Flüchtlinge, die mir glaubhaft versichern, dass sie nach ihren schrecklichen Erlebnissen wirklich einen Neuanfang bei uns suchen. Es schreiben mir aber auch genug Flüchtlinge, die in ihren religiösen oder ethnischen Konflikten aus der Vergangenheit verhaftet sind, die ihrer Heimat nachtrauern. Kann man ihnen das übelnehmen? Wie schwer muss es sein, sich in einer fremden Kultur einzuleben, wenn Freunde und Verwandte massakriert wurden, man der eigenen Zukunft beraubt wurde und in einem Alter, in dem andere bereits Job und Familie haben, ein neues Leben beginnen muss? Die Realität ist: Wir müssen akzeptieren, dass Menschen in unserem Land leben, die traumatisiert sind, die ein anderes Wertesystem haben als wir – und auch, dass wir das nicht ändern können. Das hat womöglich eine gesellschaftliche Vielfalt zur Folge, die unser Land, wie manche Politiker sagen, bereichert. Es kann aber auch dazu führen, dass Exklaven in Deutschland entstehen, wo andere Lebensstandards und -maßstäbe gelten. Wohin die Entwicklung gehen wird, ist zurzeit unklar.
Wie könnte unser Land in fünf oder zehn Jahren also aussehen? Wohin könnte die Politik, könnten die Entwicklungen führen? Welche Folgen haben unser Handeln, unsere Entscheidungen, unsere Debatten?

Der Blick auf das Europa dieser Tage muss beunruhigen. In Frankreich erleben die Rechten um Marine le Pen einen enormen Stimmenzuwachs. In Polen sind die Rechtsnationalen in der Regierung und wollen das Land umkrempeln. Viktor Orban hat in Ungarn bereits zahlreiche Gesetze außer Kraft gesetzt. In Großbritannien wird über Verbleib oder Austritt aus der Europäischen Union abgestimmt. Es scheint, als würde Europa nicht offener, sondern verschlossener: Jeder für sich, Grenzen dicht.

Oft wird der "Vormarsch der Rechten" beklagt. Aber die Stimmenzuwächse für nationalkonservative Parteien sind kein Naturereignis oder ein Angriff von außen auf das, was die meisten wollen: eine weltoffene Gesellschaft, in der Platz ist für Menschen aus allen Kulturen. Doch zeigen diese Zuwächse, dass, was wir Journalisten hochhalten, wofür Menschen demonstrieren und was Politiker fordern, nicht mehr Common Sense ist, nicht mehr einem gemeinsamen Nenner der Menschen in Deutschland und in Europa entspricht.

Wird auch unser Land nach rechts rücken? Angela Merkel ist die personifizierte Mitte der Gesellschaft. Dort, in der Mitte, würden Wahlen gewonnen, hieß es bei den vergangenen Bundestagswahlen. Das bedeutet: keine krassen Parolen, keine extreme Politik, Fokus auf Wirtschaft und Steuern. Im Moment sieht es allerdings so aus, als würde dieses Dogma in Zukunft nicht mehr uneingeschränkt gelten. Die Mitte dünnt aus – zumindest wenn es um Themen wie Flüchtlingskrise, aber auch Euro-Rettung oder Ukraine geht. Der Stimmenzuwachs von AfD, das Phänomen Pegida sind Indikatoren dafür, dass Positionen jenseits der Mitte durchaus wieder Stimmen einbringen können.

Eine zunehmende Polarisierung wäre das denkbar schlechteste Szenario für unser Land. Grenzen sich beide Seiten, das muslimische und das nicht-muslimische Deutschland, voneinander ab, können wir Integration vergessen.

Das ist das eine. Aber wie müsste man sich das Szenario vorstellen, sollte es doch zu einem Terroranschlag in Deutschland kommen? Dass wir davon bisher verschont geblieben sind, war eher Glück. Welche Auswirkungen würde islamistischer Terror auf die öffentliche Meinung haben? Es wäre naiv, anzunehmen, dass er keinen Einfluss auf die Einstellung vieler Menschen gegenüber muslimischen Flüchtlingen und Zuwanderern hätte.

Wie könnte sich eine solche Entwicklung heute verhindern lassen? Weihnachtsansprachen mit arabischen Untertiteln, Quotenregelungen, die Menschen mit Migrationshintergrund Vorrang einräumen? Diese Maßnahmen mögen ein hehres Ziel verfolgen, verstärken aber womöglich das Gefühl vieler Menschen, benachteiligt zu werden. Die werden fragen (und schreiben mir das als Reaktion auf "Marhaba" auch): Was ist mit mir? Warum gibt es keine Quote für mich? Wissenschaftlich ausgedrückt, könnte man das mit dem Phänomen der positiven Diskriminierung umschreiben, wonach Minderheiten aufgrund fördernder gesetzlicher Bestimmungen auf einmal Vorteile gegenüber zahlenmäßig größeren Gruppen genießen.

Das denkbar schlechteste Szenario: ein Europa, in dem wieder Grenzkontrollen eingeführt werden, das sich über Zuwanderungsquoten streitet, in dem nationalkonservative Regierungen es Ausländern schwermachen.

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Quelle: n-tv.de

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