Panorama

Mediziner auf "Hygiene-Demos" "Ärzte sollen Beruf nicht instrumentalisieren"

.jpg

Ärzte haben eine besondere Verantwortung.

(Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/ZB/Symbolbild)

Unter den Kritikern der Anti-Corona-Maßnahmen sind auch Ärzte. Sie sprechen auf Demonstrationen und teilen ihre Meinung auch in sozialen Netzwerken. Eckhard Nagel, der Mitbegründer des Deutschen Ethikrats, findet dieses Verhalten von Berufskollegen unprofessionell und gefährlich.

ntv.de: Warum sollten Ihrer Meinung nach Ärzte nicht auf sogenannten "Hygiene-Demos" sprechen?

Eckhard Nagel: Natürlich sind auch Ärzte wie alle anderen Menschen in ihrem Denken frei. Es geht nicht um Denkverbote. Ich glaube aber, dass auf diesen Demonstrationen der professionelle Vertrauensvorschuss genutzt wird, um stärker mit eigenen Argumenten gehört zu werden. Weil die Menschen glauben, jemand aus dieser ärztlichen Perspektive muss es besser wissen. Aber diese Form der Instrumentalisierung ist nicht in Ordnung, weil sie die Grundlage der Arzt-Patienten-Beziehung verlässt.

Inwiefern wird diese Beziehung verlassen?

Die Arzt-Patienten-Beziehung ist eine individuelle Kommunikation, ein Hinhören auf die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten oder eine Sicht auf einzelne Blutwerte. Daraus ergibt sich dann eine individuelle Entscheidung. Das ist Teil von Professionalität und Berufsethik: Dass ich, wenn ich einem Patienten gegenüber sitze, nur Dinge äußere, von denen ich annehme, dass sie den Patienten schützen.

Warum ist das wichtig?

Gesundheit umfasst alle Lebensbereiche, aber trotzdem hat jede Ärztegruppe nur eine beschränkte Sicht auf das Ganze. Ein gutes Beispiel ist Hygiene. Sie ist von Beginn an ein Teil medizinischer Betrachtungen und gleichzeitig weit mehr. Da geht es um Lebensbedingungen und Alltagstätigkeiten. Die Schnittstelle zu gesellschaftlichen Fragen ist da groß, in anderen Bereichen ist sie kleiner. Wenn ich auf eine politische Veranstaltung gehe, bin ich in dem weiten Rahmen des gesellschaftlichen Zusammenkommens. Selbst wenn im Zusammenhang mit Themen demonstriert wird, die mein Fachgebiet betreffen, muss ich dort Neutralität wahren.

Aber warum?

Weil ich kein spezifisches Gegenüber habe. Es gibt keine Arzt-Patienten-Beziehung und ich habe auch keine Verantwortung für die Organisation eines Krankenhauses und bin auch gerade nicht in der Diagnostik. Deshalb ist es aus meiner Sicht relevant, dass ich da hingehe, wenn ich es möchte. Aber ich sollte meine Profession dabei nicht vor mir hertragen.

Sie fordern, dass die ärztlichen Kammern reagieren sollen.

Wenn wichtige Grundlagen des ärztlichen Behandlungsauftrages und Berufsrechts betroffen sind, dann muss man reagieren. Dazu gehört die Gleichheit in der Betrachtung der Person, die Würde des Menschen unabhängig von seinem Geschlecht, seinem Status, seiner sexuellen Orientierung, seinem Glauben. Wenn das nicht mehr gewährleistet ist, sondern es Diffamierungen gibt und das verbunden ist mit der Rolle des Arztes, dann sind die Ärztekammern gefordert. Das ist aus meiner Sicht eine inakzeptable Grenzüberschreitung. Und die Kammern müssen sorgsam darauf achten, was von Ärzten im Netz oder auf der Straße geäußert wird.

Wie groß ist die Gruppe unter Ärzten, die Sie als problematisch ansehen?

Es gibt keine genauen Erhebungen. Aber ich würde sagen, dass es einige wenige sind, die sich gegen die Hygieneregeln äußern. Aber sie werden eben gerade wegen ihres ärztlichen Hintergrundes häufig besonders stark wahrgenommen. Und sie legen oft besonders viel Wert darauf, dass sie als Ärzte sprechen. Es gibt sicher sehr viel mehr Kolleginnen und Kollegen, die die Folgen der Entscheidungen, die wir treffen, für ihre Patienten sehen. Viele Patienten haben ja die Arztpraxen gemieden. Das war gut für die Vermeidung von Corona-Ansteckungen, aber das hat Einschränkungen bei der Versorgung z.B. von chronisch kranken Patienten zur Folge. Da kommen sehr kritische Anmerkungen und das ist auch gut.

Die Diskussion erinnert an die Debatte um gesundheitliche Folgen von Feinstaub, in die sich auch Ärzte eingeschaltet hatten.

Die Diskussion um Fachexpertise einiger Kollegen aus der Lungenheilkunde ist tatsächlich gut vergleichbar mit der jetzigen Situation, weil sich Personen politisch instrumentalisieren ließen. Ob das bewusst oder unbewusst war, man hat alle negativen Auswirkungen davon gesehen. Es ist zu einer Verunsicherung der Menschen gekommen, obwohl später gesagt wurde: Das war so nicht gemeint. Aber es war der falsche Kontext. Die Äußerungen an sich konnte man individuell für einen Patienten treffen, aber sie taugen nicht als politisches Statement. Die Diskussion, die daraus entstanden ist, war auch nicht hilfreich und hat zu einem Misstrauen gegenüber ärztlichen Einschätzungen geführt. Das ist eine wirkliche Gefahr und auch eine berufsständische Frage.

Worin besteht diese Gefahr?

IMG-PT-Prof Eckhard Nagel.jpg

Eckhard Nagel ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth.

(Foto: privat)

Die Medizin ist eine Erfahrungswissenschaft. Das ist anders als in der Physik mit ihren Naturgesetzen. In der Medizin und ihren zahlreichen Fachgebieten gibt es regelmäßig einen nächsten Stand der Erkenntnis, und man muss das immer wieder neu einschätzen. Das Wissen verändert sich relativ schnell, das sieht man jetzt mit diesem neuen Virus sehr deutlich. Ist ein Medikament hilfreich oder nicht? Die abwägende Entscheidung zwischen verschiedenen Behandlungsmethoden wie Bestrahlung oder OP gehört zur Medizin dazu. Aber das ist meistens individuell und dafür übernimmt der behandelnde Arzt die Verantwortung in der Arzt-Patient-Beziehung.

Aber Virologen und Epidemiologen bringen sich ja auch in die politische Debatte ein.

Das ist richtig. Die Mahnung zur Vorsicht gilt auch für alle Seiten, beispielsweise bei kommerziellen Interessen, die hinter bestimmten Forschungsfragen stehen. Es geht darum, den Arztberuf nicht für die Autorisierung einer persönlichen Meinung zu instrumentalisieren. Das beklagen ja auch Virologen, dass ihre Einschätzung beispielsweise über die Übertragung eines Virus in andere Zusammenhänge gebracht und damit instrumentalisiert wird. In der jetzigen Debatte ist es einfach so, dass die Diagnostik eng mit den Folgen für die Menschen verzahnt ist. Darüber muss man sich im Klaren sein. Hier werden ärztliche Erkenntnisse in das Leben von sehr vielen Menschen übertragen. Deshalb muss man jede Aussage auf die Goldwaage legen, wenn man sie in der Öffentlichkeit trifft. Gerade bei Christian Drosten habe ich beispielsweise den Eindruck, dass er das tut. Dieser Wissenstransfer ist mir wichtig, weil ich es für notwendig erachte, dass Wissenschaft gesellschaftliche Entscheidungen mit beeinflusst. Ich sehe das positiv. Das gilt nicht nur in Corona-Zeiten, sondern generell.

Warum ist dieser Wissenstransfer wichtig?

Viele wissenschaftliche Erkenntnisse haben einen gesellschaftlichen Mehrwert. Schon vor der Corona-Pandemie gab es eine zunehmende Kritik an der Wissenschaft und eine zunehmende Instrumentalisierung wissenschaftlicher Meinungen. Das hatte eine Diskreditierung der Wissenschaft zur Folge. US-Präsident Donald Trump hat die Arbeit von Klimawissenschaftlern zur persönlichen Meinung von bestimmten Eliten erklärt und damit die objektive Erkenntnis verneint. Aber Wissenschaft kann und muss zur Problemlösung beitragen. Dafür ist es aber entscheidend, sich der Verdächtigung zu entziehen, eine eigene Agenda zu verfolgen. Wir brauchen ja nicht nur Mediziner, sondern auch Soziologen oder Wirtschaftswissenschaftler, um diese Krise zu meistern. Aber es ist wichtig, zu sehen, dass Erkenntnisgewinn in Stufen geschieht und nicht nur schwarz oder weiß ist. Sondern es gibt diese Graustufen. Je weniger reflektiert eine Gesellschaft ist, desto stärker ist sie emotionalen und einseitigen Meinungen ausgeliefert. Die Resilienz, die wir gegen das Virus anstreben, brauchen wir als Gesellschaft auch bei der kritischen Wahrnehmung von Informationen.

Mit Eckhard Nagel sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de