Panorama

Verwunderung in der Lombardei Covid-19-freie Gemeinde gibt Rätsel auf

Eine kleine Ortschaft in der Lombardei ist bis jetzt vom Coronavirus verschont geblieben. Warum? Das bleibt noch ein Rätsel. Der Bürgermeister will ein Blutscreening seiner Mitbewohner durchführen. Doch er bekommt keine Erlaubnis.

Ferrera Erbognone ist eine kleine Gemeinde mit 1099 Einwohnern, die 30 Kilometer südwestlich von der Universitätsstadt Pavia liegt. Ferrera besteht aus einer Hauptstraße, ein paar Seitenstraßen und einem Platz mit der Kirche. Von der Existenz dieser Gemeinde wussten die meisten, auch in der Lombardei, bis vor ein paar Tagen nichts. Jetzt stehen die Journalisten beim Bürgermeister Schlange für ein Interview. Die Einwohner dieser Ortschaft scheinen nämlich gegen das Coronavirus immun zu sein. Bis jetzt zumindest.

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Aber wie kann das sein? Ferrera Erbognone liegt mitten in der Lombardei, also im Zentrum der Pandemie. Und in der Region steigt die Zahl der Infizierten weiter, wenn auch seit ein paar Tagen weniger rasant. Am Montag zählte man insgesamt 42.161 Infektionsfälle seit dem 21. Februar. Auch die Zahl der Todesfälle bleibt weiter hoch: Am Montag starben 458 Menschen.

Regeln strikt befolgt - und was noch?

Zurück also zur Frage, die in diesen Tagen immer wieder an den Bürgermeister Giovanni Fassina gerichtet wird, die aber auch er nicht beantworten kann, obwohl er immerhin Gerichtsmediziner ist. Ein Grund sei sicher das beispielhafte Benehmen seiner Mitbürger, hob er in einem Fernsehinterview hervor: "Dass wir bis jetzt null Fälle haben, was aber nicht heißt, dass es nicht auch hier ein paar asymptomatische gibt, würde ich in erster Linie darauf zurückführen, dass sich hier die Menschen strikt an die Ausgangssperre und an die Anordnung, jeglichen sozialen Kontakt zu vermeiden, von Anfang an gehalten haben."

Dieses gewissenhafte Verhalten hat sicher eine wichtige Rolle gespielt, es könnte aber auch andere Gründe geben. Und die möchte Fassina jetzt genau unter die Lupe beziehungsweise unter das Mikroskop legen. Zwar zählt seine Gemeinde wenig Einwohner, grenzt aber an die große Erdölraffinerie von Sannazzaro. In dieser arbeiten 630 Menschen, die von überall kommen, auch aus Russland, und genauso viele sind in der Zuliefererindustrie beschäftigt. Jahrzehntelang hat die lokale Bevölkerung gegen diese Anlage protestiert, sich um Umwelt und Gesundheit gesorgt. Jetzt fragt sich so mancher scherzend, ob sie es vielleicht nicht der Raffinerie zu verdanken haben, dass das Virus vor ihrer Gemeinde halt gemacht hat.

Aber von diesen nicht ganz ernst gemeinten Spekulationen einmal abgesehen - könnte es nicht sein, dass die Bewohner über Antikörper verfügen, von denen bis heute niemand weiß? Das fragt sich der Bürgermeister. Um dies festzustellen, müsste man aber das Blut der Bevölkerung analysieren. So eine Untersuchung würde dann auch die Frage für andere kleine Gemeinden um Pavia beantworten. In der knapp eine halbe Million Einwohner zählenden Provinz wurden zwar 1800 Infektionsfälle registriert, aber auch 40 weitere kleine Gemeinden, die immun zu sein scheinen.

Die Sache mit den Antikörpern

Und so beschloss Fassina zusammen mit dem Krankenhaus und dem Forschungsinstitut Mondino in Pavia ein Screening-Projekt: Er wollte das Blut der Bürger untersuchen. Wer daran interessiert sei, sollte sich in eine Liste eintragen, forderte er sie auf. Und diese antworteten prompt. 1000 Teilnehmer benötigt eine Studie, um wissenschaftlich und statistisch fundiert zu sein. Schon am ersten Tag meldeten sich allein am Vormittag 150 Teilnehmer, darunter auch ganze Familien.

Es fehlte nur noch die Bewilligung der Regionalverwaltung. Fassina zeigte sich im Interview zuversichtlich, die zu bekommen. Gestern dann die Enttäuschung. Aus der Mailänder Zentralstelle der regionalen Verwaltung kam ein striktes Nein. Im Brief wird darauf hingewiesen, dass nur Labore zu diesen Studien befugt seien, die der Mailänder Krisenstab damit beauftragt hat. Der Bürgermeister war fassungslos, wollte dazu keinen Kommentar abgeben. Das Forschungszentrum Mondino sei doch ein national ausgewiesenes, er verstehe diese Entscheidung schlichtweg nicht, sagte er dann doch. Ein Arzt meinte unlängst, Italien würde noch an seiner Bürokratie zugrundegehen. Man wäre geneigt, ihm zuzustimmen. So bleibt das Rätsel um die nicht erkrankenden Dörfler aus Ferrera - vorerst - ungelöst.

Quelle: ntv.de