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Vermisste Boeing - was bisher geschah Die Geheimnisse von Flug MH370

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Eine schwere Hypothek für Airline, Hersteller und die Angehörigen der 239 vermissten Menschen: Das Schicksal von Flug MH370 ist noch immer ungeklärt.

(Foto: REUTERS)

Die Liste der Rätsel rund um den vermissten Passagierjet wird nach knapp einer Woche immer länger. Nun sucht ein US-Zerstörer auch das Meer vor Phuket ab. Nicht nur Experten grübeln: Wie kann ein Flugzeug einfach so spurlos verschwinden?

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Mehr Fragen als Antworten: Eine TV-Journalistin aus China wartet Kuala Lumpur International Airport auf Neuigkeiten.

(Foto: REUTERS)

Damit hat die Welt nicht gerechnet: Trotz allgegenwärtiger Überwachungstechnologie geht ein nahezu vollbesetztes Verkehrsflugzeug mit ingesamt 238 Menschen an Bord bei einem nächtlichen Linienflug von Kuala Lumpur nach Peking über dem Meer verloren und bleibt auch Tage nach dem mutmaßlichen Absturz noch spurlos verschwunden.

Obwohl das Flugzeug modernste Funk- und Sensortechnik an Bord hat - und mehrere Staaten der Region den Luftraum mit hochsensiblen Radarsystemen überwachen -, tappen Behörden, Hersteller, Fluggesellschaft und Militärs noch immer komplett im Dunklen. Weder gab es einen Notruf, noch ist bislang auch nur einziges Trümmerteil aufgetaucht. Der Fall scheint einzigartig - und bietet Spekulationen reiche Nahrung.

Dabei lastet die Unsicherheit über den Verbleib der Maschine nicht nur schwer auf den betroffenen Unternehmen. Bis die Ursachen des mysteriösen Verschwindens geklärt sind, müssen der US-Flugzeugbauer Boeing, der britische Triebwerkhersteller Rolls-Royce und die malaysische Fluggesellschaft Malaysia Airlines (MAS) mit erheblichen unternehmerischen Risiken rechnen - falls tatsächlich technisches Versagen, unzureichende Ausbildung oder mangelnde Wartung verantwortlich gemacht werden müssten.

Eine menschliche Tragödie

Für die Angehörigen der zwölfköpfigen Crew und der vermissten 227 Passagiere ist die Unsicherheit eine Katastrophe in der Katastrophe. Seit Tagen warten sie auf eine Klärung, was genau mit den Menschen an Bord geschah und welches Schicksal sie erleiden mussten. Die Hoffnung, doch noch Überlebende zu finden, ist verschwindend gering. Doch solange es weder Trümmerteile, noch glaubhafte Erklärungen gibt, fehlt der Trauer ein Ort.

Flug MH370 - die Fakten

Seit 7. März gilt ein Passagierflugzeug der Malaysia Airlines mit insgesamt 239 Menschen an Bord als verschollen. Automatisch übermittelte Triebwerksdaten könnten neue Hinweise auf den Verbleib der Boeing 777-200ER liefern.

Ausgestattet ist die Maschine mit zwei Triebwerken vom Typ "Trent 800" des britischen Herstellers Rolls-Royce. Die beiden Antriebseinheiten senden unabhängig vom Cockpit automatische Daten zur technischen Überwachung verschiedener Leistungs- und Wartungsparameter.

Im Rahmen des sogenannten "Engine Condition Monitoring" übermitteln Funksender in regelmäßigen Abständen Datenpakete mit Informationen zu Triebwerksleistung, Flughöhe und Geschwindigkeit an ein Rechenzentrum am Boden.

Im Fall der vermissten Boeing mit der Registrierung 9M-MRO gingen die Daten Medienberichten zufolge an ein Kontrollzentrum im britischen Derby.

Für die Überwachungsspezialisten des malaysischen Militärs wächst sich der Vorfall unterdessen mehr und mehr zu einer Blamage aus. Knapp eine Woche nach dem Start der Boeing am Abend des 7. März in Kuala Lumpur konnte Malaysia bislang nur bestätigen, dass die Suche nach dem vermissten Flugzeug nun auch auf den Indischen Ozean ausgeweitet wurde. "Die Maschine wird weiter vermisst und das Suchgebiet wurde erweitert", sagte Verkehrsminister Hishammuddin Hussein.

Hilflose Behörden

Zusammen mit den internationalen Partnern werde nun auch weiter östlich im Südchinesischen Meer und im Indischen Ozean nach Flug MH370 gesucht. Zuvor war bekannt geworden, dass der Zerstörer "USS Kidd" - ein Schiff der modernen Alreigh-Burke-Klasse - auf Bitten der malaysischen Regierung im westlichen Teil der Meerenge von Malakka nach der Boeing 777 suchen soll. Das Kriegsschiff ist mit modernster Sensortechnik ausgestattet und könnte damit neben der Wasseroberfläche auch den Meeresgrund absuchen.

Die Andamanen bilden eine zu Indien gehörende Inselgruppe westlich der malaysischen Halbinsel und der Provinz Phuket im Süden Thailands. Die Meerenge von Malakka wiederum liegt zwischen Malaysia und der indonesischen Insel Sumatra. Nach malaysischen Angaben hatte ein Militärradar am Samstagmorgen, weniger als eine Stunde nach Verschwinden der Boeing 777-200, nördlich der Straße von Malakka ein unbekanntes Flugobjekt registriert. Dabei könnte es sich womöglich um die vermisste Maschine handeln.

Das reguläre Transponder-Signal, das der Erfassung durch die zivile Flugverkehrskontrolle dient, und ein weiteres System zur Datenübermittlung wurde möglicherweise von Hand ausgeschaltet. Darauf deuten zumindest Aussagen von US-Experten hin. Demnach sei gegen 01.07 Uhr zunächst der Kontakt zum Data Reporting System, das Flugdaten per Satellitenverbindung übermittelt, abgebrochen. Fast eine Viertelstunde später sei dann auch der Transponder verstummt. Damit war die Maschine für zivile Fluglotsen nahezu unsichtbar. Ob es sich dabei um Zufall oder um eine manuelle Deaktivierung handelte, sei nun Gegenstand von Untersuchungen, wie Verkehrsminister Hussein betonte. Näher eingehen wollte er auf die Spekulationen "ungenannter US-Offizieller", wie er es nannte, nicht.

Dünne Spur: Die Triebwerksdaten

Einem Bericht des "Wall Street Journals" zufolge sollen die beiden Triebwerke der Maschine noch Stunden nach diesen beiden Ereignissen technische Flugdaten an die Kontrollzentrale des Herstellers Rolls-Royce im britischen Derby gesendet haben. In einer knapp gehaltenen Erklärung teilte das Unternehmen dazu lediglich mit, dass es die "Behörden und Malaysia Airlines weiterhin in vollem Umfang" unterstütze. Auch diese Erklärung wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet: Wenn es diese Daten gibt, wieso werden sie dann nicht sofort veröffentlicht?

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Wie eine Nadel in gleich mehreren, weit auseinanderliegenden Heuhaufen: Hier sucht die Besatzung eines Rettungshubschraubers vor der Küste Südvietnams nach Trümmern.

(Foto: REUTERS)

U nd: Wie kann es sein, dass es trotz intensiver Radar- und Satellitenüberwachung der gesamten Region bisher nicht gelungen ist, herauszufinden, was genau mit Flug MH 370 passiert ist? Luftfahrtexperten sehen dafür mehrere Gründe. So ist die Radarüberwachung zwar intensiv, aber nicht lückenlos. Die Erfassung elektronischer Signale reicht nicht weiter als bis zum Horizont. Auf Reiseflughöhe ist eine Maschine vom Boden aus nur bis in eine Entfernung von etwa 400 Kilometer wahrnehmbar.

Ein weiteres Rätsel: Der Transponder der Boeing verstummte offenbar kurz vor dem Wechsel der Maschine vom malayischen in den vietnamesischen Luftraum. Ob dieser Sender tatsächlich absichtlich abgeschaltet wurde oder durch Absturz zerstört wurde, ist noch ungeklärt.

Der Ort des letzten gesicherten Kontakts liegt rund 90 nautische Meilen nördöstlich von Kota Bharu über dem Golf von Thailand. Zu diesem Zeitpunkt war die Maschine bereits etwa 40 Minuten in der Luft und hatte inklusive Reserven wohl noch Treibstoff für etwa sieben weitere Stunden Flug. Um 01.22 Uhr Ortszeit brachen Funk- und Radarkontakt ab - kurz bevor sich die Piloten wie üblich bei der Flugleitzentrale "Ho Chi Minh Air Traffic Control Center" hätten anmelden müssen.

Unhörbare Notsignale?

Vollkommen rätselhaft bleibt, wieso es weder einen Notruf, noch ein automatisches ELT-Notsignal (Emergency Locator Transmitter) gab. Im Fall eines Absturzes müsste sich eigentlich die Notfallsender im Heck der Maschine aktivieren und ein Standortsignal an die Hilfs- und Rettungskräfte senden. Der deutsche Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt geht daher davon aus, dass die Maschine aller Wahrscheinlichkeit nach noch über dem Meer in Schwierigkeiten geriet und anschließend - aus welchen Gründen auch immer - versunken sein muss.

Tatsächlich wäre diese sogenannte Notfunkbake in diesem Fall bei der Ortung der Maschine keine große Hilfe. "Das große Problem besteht darin, dass das vermisste Flugzeug mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über dem Meer abgestürzt ist. Das heißt: Es liegt unter Wasser. Dort breiten sich aber keine Radiowellen aus", erklärte Großbongardt.

Wäre das Flugzeug dagegen über Malaysia, Borneo, Thailand oder Südvietnam in den Dschungel gefallen, hätten die ELT-Signale an die Fernmeldesatelliten die Retter sofort auf die richtige Spur gebracht.

Ohne Funksignale sind die Helfer an Bord der Suchflugzeuge und der zahlreichen Unterstützungsschiffe auf Ferngläser und die Schärfe ihrer Augen angewiesen. Selbst hochauflösende Aufklärungssatelliten erbrächten bei dieser schwierigen Aufgabe nur wenig Vorteile. "Die Satelliten, mit denen richtig scharfe Fotos möglich sind, fliegen tiefer, sind aber nicht stationär", sagte Großbongardt. "Die fliegen alle zwei, drei Tage über so ein Gebiet.

Geschwindigkeit und Aufprallwinkel

Erschwerend kommt hinzu: Trümmerteile sind normalerweise maximal zwei bis drei Meter groß, selten mehr. "Das muss man zwischen den hohen Wellen erst mal sehen, so etwas lässt sich noch nicht mal per Flugzeugradar identifizieren", erklärte Großbongardt. Selbst wenn ein vielversprechendes Objekt gesichtet werde, müsse erst noch aus der Nähe geklärt werden, ob es sich dabei tatsächlich um ein Flugzeugteil oder doch nur um Treibgut handelt.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich das Suchgebiet mittlerweile über verschiedene Meeresgebiete mit jeweils tausenden Quadratkilometern Fläche erstreckt. Die Größe des Trümmerfelds hängt dabei ganz davon ab, wie das Flugzeug auf die Wasseroberfläche aufschlägt. "Nehmen wir als Beispiel den Unglücksflug AF447, der 2009 auf der Strecke Rio-Paris ins Meer fiel", so Großbongardt weiter. "Da war der Aufprallwinkel sehr flach; da platzte der Rumpf auf und Container, Koffer und anderes wurde herausgeschleudert."

Wenn ein Flugzeug dieser Größe jedoch im spitzen Winkel und hoher Geschwindigkeit auf der Wasseroberfläche aufschlage, dann wäre durchaus denkbar, dass nur ein paar Verkleidungsstücke vom Flugzeug abgerissen werden und das Trümmerfeld vergleichsweise klein bleibt - und damit sehr schwer zu finden wäre.

Zumindest im Bereich des Möglichen liegt allerdings auch, dass die Maschine - aus welchen Gründen auch immer - mit weitgehend leerem Tank, unter vollkommener Funkstille und mit abgeschaltetem Transponder auf dem Meer notwassern musste. In diesem Fall könnten Rumpf und Tragflächen, wie etwa im Fall der Notlandung auf dem Hudson im Januar 2009 - weitgehend intakt versunken sein. Ohne zusätzliche Hinweise wäre das Wrack dann nur noch durch einen glücklichen Zufall zu entdecken.

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Quelle: n-tv.de, mit dpa

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