Panorama
Jörg Kachelmann (M) steht im Landgericht in Mannheim neben seinen Anwälten Johann Schwenn (l) und Andrea Combé.
Jörg Kachelmann (M) steht im Landgericht in Mannheim neben seinen Anwälten Johann Schwenn (l) und Andrea Combé.(Foto: dpa)
Montag, 30. Mai 2011

"Kachelmann wird freigesprochen": Ein Indizienprozess geht zu Ende

von Peter Poprawa

Eigentlich brauchen die Richter des Landgerichts Mannheim am Dienstag gar nicht mehr zusammenzutreten. Das Urteil haben die Prozessbeobachter schon längst gesprochen: Freispruch für Jörg Kachelmann. Interessant wird allenfalls die Begründung und ob es ein Freispruch erster oder zweiter Klasse wird.

"Wie hältst du's mit der Religion?", fragt das Gretchen in Vers 3415 Doktor Faust und meint damit nichts anderes als die alltägliche Lebensführung oder die Gesamtheit einer Sache. Auf den Fall Kachelmann bezogen könnte es heißen: "Wie hältst du's mit der Wahrheit - auch angesichts der Macht der Medien?" Wie es die Richter des Mannheimer Landgerichts mit der Wahrheit halten, spielt keine Rolle. Sie müssen in einem Indizienprozess entscheiden, wie sie die Indizien verstehen wollen. "So oder so, man kann alle Indizien auch anders werten", sagte Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge. Das ist das Wesen des Prozesses der zwei Seiten.

Fast alle glauben daran: Kachelmann wird als freier Mann das Gericht verlassen.
Fast alle glauben daran: Kachelmann wird als freier Mann das Gericht verlassen.(Foto: dpa)

"Natürlich wird Kachelmann am Dienstag freigesprochen", sind sich die meisten Prozessbeobachter einig. Dafür sprächen die Indizien – also nicht die Indizien des Prozesses gegen den Wettermann, sondern die Indizien rund um den Prozess. So gibt es am Vortag der Urteilsverkündung Gerüchte, der Richterspruch werde bereits eine Stunde nach der Eröffnung verlesen. Das könne nur Freispruch bedeuten, orakeln die Insider. Denn eine Verurteilung zu begründen, würde länger dauern.

"Freispruch" also für Jörg Kachelmann, den sein angebliches Opfer habe "fertigmachen wollen", weil sie mit ihm "Schluss gemacht haben" soll - oder umgekehrt. Hier alle Details der 43 Verhandlungstage aufzuzählen, wäre müßig. Die lassen sich ohnehin im Schnelldurchlauf erfassen: Ein Messer als Tatwaffe ohne DNA-Spuren, Verletzungen, die sich das Opfer auch selbst zugefügt haben könnte, eine eingestandene Falschaussage und ein Tampon nebst Rückholbändchen, der nichts zur Sache beitragen konnte. Was genau in der Nacht zum 9. Februar 2010 passierte, wissen nur die Klägerin und der Beklagte – alles andere ist Glaubenssache.

Gibt es bereits interne Absprachen?

Orakel Paul – wenn er denn noch leben würde – hätte heute einen harten Arbeitstag. So soll es nämlich auch Hinweise auf eine mögliche interne Absprache geben. Die Staatsanwaltschaft Mannheim wolle im Fall eines Freispruchs des Angeklagten auf eine Revision verzichten, wissen die Stuttgarter Nachrichten zu berichten. Der Grund ist banal: Monatelange Ermittlungen hätten Kapazitäten so stark gebunden, dass andere Fälle vernachlässigt würden. Die Staatsanwaltschaft verrät auf Nachfrage nichts und verweist auf geduldiges Abwarten.

Die Gretchenfrage lautet demnach nicht "Wie hältst du's mit der Wahrheit", sondern "Freispruch erster oder zweiter Klasse"? Ein "Freispruch zweiter Klasse" gilt unter Prozessbeteiligten und Beobachtern wohl als die wahrscheinlichste Variante. Schon weil die Staatsanwaltschaft – wie vermutet – in diesem Fall auf eine Revision verzichten würde. Kommt es dazu, hätte Kachelmann nach dem "Gesetz über die Entschädigung für Strafverfolgungsmaßnahmen" einen Anspruch auf 25 Euro Entschädigung für jeden Tag in Untersuchungshaft. Bei 132 Tagen macht das 3300 Euro.

Bei einem "Freispruch erster Klasse" müsste die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen die Ex-Geliebte einleiten, denn es bestünde zumindest der Verdacht, dass sie ihn absichtlich falsch beschuldigt haben könnte. Das wäre in mehrfacher Hinsicht strafbar: Weil Kachelmann wegen ihrer Aussagen in Haft saß, wäre der Tatbestand der Freiheitsberaubung in mittelbarer Täterschaft erfüllt. Hinzu kämen falsche uneidliche Aussage und falsche Verdächtigung. Die 38-Jährige müsste selbst mit einer "nicht unerheblichen" Freiheitsstrafe rechnen. Die Prozessbeobachter räumen dem "Freispruch erster Klasse" wenige Chancen ein, das Moment der Absprache wäre hierbei nicht klar genug zu erkennen: "Der Kachelmann bekäme alles, seine Ex-Geliebte nichts und müsste sogar noch ins Gefängnis", heißt es. Daran will niemand glauben.

Auch Kläger lassen Milde walten

Ebenso will niemand wirklich an eine Verurteilung des "Lebemannes Kachelmann" glauben. Die Staatsanwaltschaft fordert zwar die Verurteilung, doch selbst der Anwalt der Nebenklägerin, Thomas Franz, äußerte sich ungewöhnlich offen. "Es ist nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme eine Verurteilung zu begründen, aber auch ein Freispruch", obgleich er an der Darstellung seiner Mandantin keinen Zweifel habe. Überraschend ist auch die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten beantragt hat. Bei der Schwere der Vorwürfe hätte sie regulär eine Strafe zwischen fünf und 15 Jahren fordern dürfen. Das begründete sie mit "massiver Beeinträchtigung der Person des Angeklagten" als Folge der Medienberichterstattung über das Verfahren.

Kachelmann als Wetterfrosch auf der Insel Hiddensee (August 2008).
Kachelmann als Wetterfrosch auf der Insel Hiddensee (August 2008).(Foto: dapd)

Auch hatten die Kläger angeboten, Kachelmann im Falle einer Verurteilung nicht sofort wieder hinter Gitter bringen zu wollen. Sie gehen davon aus, dass Kachelmanns Anwälte in Revision gehen und eine Fluchtgefahr bei ihm nicht bestehe. Schließlich hat Kachelmann auch bislang keine Anstalten gemacht, abzuhauen - obwohl er zwischendurch in Kanada war und reichlich Gelegenheit gehabt hätte, das Weite zu suchen.

Neidlos muss man auch die Verteidigungsstrategie von Kachelmanns Anwälten anerkennen. Sein Verteidiger Johann Schwenn verstand es, seinen Mandanten positiv und als den guten Mann von nebenan in Szene zu setzen. Krawalle gegen die Staatsanwälte behielt sich der Hamburger selbst vor. "Schenken Sie sich Werturteile über den Angeklagten und seine Lebensführung", forderte er beispielsweise die Richter auf. "Sie sind kein Sittengericht." Selbst der Staatsanwalt Oltrogge betonte: "Auch die Staatsanwaltschaft ist nicht so blöd, nicht zu erkennen, dass die Nebenklägerin in vielen Punkten gelogen hat."

Kachelmann selbst hielt sich bis zum letzten Verhandlungstag mit Äußerungen zur Sache vornehm zurück. Als der Vorsitzende Richter ihn fragte, ob er noch etwas sagen wollte, reagierte er, als habe man ihm einen Kaffee angeboten: "Nein, danke."

Am Dienstagvormittag gegen 10.00 Uhr wird das Gericht sein Urteil verkünden. Dabei wird es nicht um Werturteile gehen, sondern nur darum, wem die Richter glauben.

Quelle: n-tv.de