Panorama

Kekulé zur Gefahr durch Delta "England ist das Versuchslabor Europas"

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Feiernde Fußball-Fans am Piccadilly Circus in London: Angesichts der Delta-Variante kommen manchem Beobachter Zweifel, ob das eine gute Idee ist.

(Foto: AP)

In England ist sie schon dominant, auch in Deutschland ist sie auf dem Vormarsch: Die Delta-Variante wirft die Frage nach dem richtigen Maß an Lockerungen auf. Johnsons Politik hält Virologe Kekulé für "sehr unvernünftig" und rät im ntv-Interview hierzulande zu vorsichtigen und pragmatischen Schritten.

ntv: Die Kassenärzte fordern, dass spätestens im September, wenn alle Menschen ein Angebot für eine Zweitimpfung erhalten haben, alle Corona-Maßnahmen wegfallen sollen. Halten Sie das für eine gute Idee?

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Der Virologe Alexander Kekulé ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle.

(Foto: ntv)

Alexander Kekulé: Für diejenigen, die geimpft sind, ist das im Prinzip möglich. Das Problem ist nur: Wie bekommt man dann die, die noch nicht geimpft sind, dazu, weiterhin Masken zu tragen und die Maßnahmen zu beachten? Ich glaube, das wäre relativ schwierig. Es ist auch schwierig zu überwachen. Dann müsste ja jeder quasi mit seinem Impfpflaster auf der Schulter herumlaufen. Deshalb finde ich es pragmatisch, wenn man an den öffentlichen Plätzen, wo wirklich jeder hin muss und die in geschlossenen Räumen sind, öffentlicher Nahverkehr zum Beispiel, Behörden und Ähnliches, auch Geschäfte, wenn wir dort weiterhin Masken tragen, auch aus Rücksicht auf diejenigen, die noch nicht geimpft sind.

Erste Studien besagen, dass nach Delta-Infektionen das Risiko eines schweren Verlaufs und einer Behandlung im Krankenhaus steigt. Bedeutet das nicht eine Gefahr, dass wir wieder an die Grenzen unseres Gesundheitssystems kommen?

Die Delta-Variante ist leichter übertragbar. Es ist aber keineswegs klar, ob es schwerere Verläufe gibt. Es gab mal einen Hinweis aus Großbritannien, dass bei jüngeren Leuten wohl die Krankenhauseinweisungen etwas häufiger gewesen sein sollen. Die haben sich aber in den weiteren Wochen nicht bestätigt. So wie ich die Daten sehe, und ich gucke sie mir wirklich regelmäßig an, ist es so, dass wir überhaupt keinen Hinweis darauf haben, dass die Delta-Variante wirklich gefährlicher wäre. Hinzu kommt, dass wir als Bevölkerung zunehmend immun werden - nicht nur durch die Impfung, sondern leider auch durch Durchseuchung. Und es ist so, dass im Verhältnis dann insgesamt die Sterblichkeit abnimmt. Das sehen wir auch in England, wo die Delta-Variante grassiert, die Sterblichkeit aber minimal ist. Von den gemeldeten Fällen sind es etwa 0,3 Prozent, bei der Alpha-Variante lag sie bei knapp 2 Prozent. Daran erkennen wir, dass die Bevölkerung offensichtlich immun ist und die Delta-Variante im Ergebnis weniger gefährlich ist.

Wie viel Sorgen müssen wir uns dann eigentlich noch über die Delta-Variante machen?

Wir wissen es eben nicht ganz genau. England ist leider das Versuchslabor Europas, weil sie dort meines Erachtens sehr unvernünftig, auch im Zusammenhang mit der Europameisterschaft im Moment, alles aufmachen. Es ist dort Politik, Corona jetzt vergessen zu wollen. Da werden wir in den nächsten Wochen sehen, wie sich das auf die Sterblichkeit auswirkt. Sie sind ja weiter mit dem Impfen als wir. Ich meine, vernünftig wäre es, wenn man bis zum Herbst eine mittlere Linie durchziehen würde. Das heißt vor allem: Importe verhindern! Wir müssen aufpassen, dass Reisende nicht so viele Infektionen einschleppen. Dann können wir dieses gute Niveau, was wir jetzt haben, halten bis zum Herbst. Dann werden die Fallzahlen ansteigen. Wenn wir bis dahin etwa 70 Prozent der Erwachsenen durchgeimpft haben, haben wir so viele Freiheiten, dass wir zum Beispiel in den Schulen sehr großzügig sein können.

Angesichts steigender Inzidenzen in vielen beliebten europäischen Urlaubsländern fürchten viele um ihren Sommerurlaub. Glauben Sie, da werden noch Überraschungen in diesem Sommer für Reisende auftreten?

Ich bin nicht so glücklich mit dieser Salamitaktik, mit der jetzt wieder ein Risikogebiet nach dem anderen ausgewiesen wird, so wie man das vor einem Jahr schon mal gemacht hat. Das Virus ist immer schneller als diese offizielle Ausweisung von Risikogebieten. Dass man jetzt nicht ganz Spanien zum Risikogebiet erklärt hat, sondern erst mal nur Katalonien, das ist meines Erachtens ein Fehler. Die Urlauber sollten davon ausgehen, dass auch das Robert-Koch-Institut langsam erkennt, dass das Virus schneller ist als die Meldezahlen aus den jeweiligen Ländern. Sie müssen damit rechnen, dass ein Land, in das Sie gefahren sind, als es kein Risikogebiet war, insbesondere im Mittelmeerraum, im Verlauf der Reise zum Risikogebiet wird. Ich würde mich darauf einstellen, dass ich nach der Rückkehr Quarantäne machen muss: Wenn Sie zurückkommen, für fünf Tage in Quarantäne und danach freitesten. Das ist ein vernünftiger Vorschlag und ich glaube, das sollten wir konsequent durchziehen. Ich appelliere wirklich an alle, dass sie sich daran auch halten, weil die Behörden das natürlich nicht so perfekt kontrollieren können.

Wir haben noch eine sehr niedrige Sieben-Tage-Inzidenz, trotzdem sinkt sie seit ein paar Tagen nicht mehr. Ist das schon ein Hinweis auf eine Trendwende?

Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Wochen auf einem relativ niedrigen Niveau bleiben werden. Das wird dann wieder deutlich steigen, wie im letzten Jahr leider auch, wenn die Menschen aus dem Urlaub zurückkommen. Und das wird nochmal steigen, wenn die Schulen wieder aufmachen. Das ist die Phase, auf die wir uns jetzt vorbereiten müssen. Da sind wir in einer perfekten Poleposition in Europa. Kaum jemand hat so niedrige Fallzahlen wie wir und ich würde mir sehr wünschen, dass wir diese Idealsituation jetzt nicht noch einmal verspielen, so wie wir es letztes Jahr gemacht haben.

Es gibt eine Diskussion darüber, ob es ein Bußgeld für Impfschwänzer geben soll. Was halten Sie davon?

Ich glaube, man sollte das andersrum machen, sozusagen mit dem Zuckerbrot und nicht mit der Peitsche! Man muss erklären, welche Riesenvorteile das für die Gesamtbevölkerung hat, wenn wir uns impfen lassen. Dass wir auch unsere Freiheiten für unsere Kinder im Herbst damit erkaufen. Die Kinder und Jugendlichen können wir im Moment nicht impfen. Wenn alle anderen gut geimpft sind, 70 Prozent der Erwachsenen, dann ermöglichen wir den Jugendlichen und Kindern Freiheiten. Und die waren mit die Hauptleidtragenden dieser Pandemie. Es gab ja immer das Argument, Kinder oder junge Menschen müssen sich an die Maßnahmen halten, damit die Alten geschützt sind. Jetzt muss man umgekehrt sagen, jetzt wird zurückgezahlt! Jetzt sollen sich die Erwachsenen impfen lassen, damit die Jugendlichen und Kinder im Herbst wieder in die Schule können.

Mit Alexander Kekulé sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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