Panorama
Donnerstag, 09. Dezember 2010

Ausbildung auf der "Gorch Fock": "Gefährlicher als früher"

Das Segelschulschiff der Marine, die "Gorch Fock", kommt auf der längsten Reise ihrer Geschichte in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires an. Nach dem tödlichen Unfall einer Offiziersanwärterin vor einem Monat sind jedoch keine Auszubildenden mehr dabei.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Als Junge bin ich auf Kirschbäume im Garten des Nachbarn geklettert und war auch schnell genug wieder runter, wenn der kam", erzählt Kapitän zur See Norbert Schatz, Kommandant des Marineschulschiffes "Gorch Fock". Was Schatz als Lausbub ganz automatisch lernte, vermisst der 53-Jährige zunehmend beim Marine-Nachwuchs: "Die motorischen Fähigkeiten haben abgenommen, die Jugend sitzt nicht mehr im Kirschbaum, sondern eher vorm Computer".

Und das macht die Ausbildung auf einem Segelschiff mit 45 Meter hohen Masten für die meist 19-jährigen Offiziersanwärter von heute, die direkt nach dem Abitur zur Marine kommen, gefährlicher als früher. Nach einem Unfall, bei dem eine 25-jährige Offiziersanwärterin nach einem Sturz aus der Takelage starb, ist das Segelschulschiff der Bundesmarine deshalb vorerst ohne Schüler unterwegs.

Strengere Ausbildungsregeln

Seit Februar 2006 Kommandant des Schiffes: Kapitän zur See Norbert Schatz am Steuer der Dreimastbark Gorch Fock.
Seit Februar 2006 Kommandant des Schiffes: Kapitän zur See Norbert Schatz am Steuer der Dreimastbark Gorch Fock.(Foto: picture alliance / dpa)

Der tödliche Unfall im November im Hafen des brasilianischen San Salvador da Bahia sei der Anlass gewesen, das Ausbildungskonzept zu überarbeiten. "Im Mittelpunkt muss dabei die Sicherheit an Bord stehen", betont Schatz, der mit seinem Schiff und 80 Mann Stammbesatzung am 8. Dezember in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires festgemacht hat. "Vielleicht sollte man einfach jeden erst einmal zehn Klimmzüge machen lassen. Manche schaffen nur zwei", meint der drahtige Kapitän. Strengere Auswahl der Offiziersanwärter, mehr Training und Tests, das sind einige der Stichworte für die künftigen Ausbildungsregeln.

Die 70 Offiziersanwärter, die in Buenos Aires eigentlich auch dabei sein sollten, wurden nach dem Unfall von Brasilien nach Deutschland zurückgeflogen. Den Rest der mit 42.000 Kilometern längsten Reise der 1958 bei Blohm & Voss in Hamburg gebauten Bark werden keine Offiziersanwärter mehr an Bord kommen. Erst im September nächsten Jahres soll die Ausbildung voraussichtlich wieder aufgenommen werden. Zur Verstärkung der Stammbesatzung bei der ersten Fahrt der "Gorch Fock" um das stets stürmische Kap Horn kommen deshalb an diesem Freitag 60 weitere Matrosen an Bord.

"Gefährliches Geschäft"

Übung: Kadetten entern die Takelage hinauf, um die Segel zu setzen. Eine Offiziersanwärterin ist bei einer Ausbildungsfahrt aus der Takelage des Segelschulschiffs gestürzt und dabei ums Leben gekommen.
Übung: Kadetten entern die Takelage hinauf, um die Segel zu setzen. Eine Offiziersanwärterin ist bei einer Ausbildungsfahrt aus der Takelage des Segelschulschiffs gestürzt und dabei ums Leben gekommen.(Foto: picture alliance / dpa)

Warum die 25-Jährige bei Kletterübungen aus der Takelage 29 Meter tief aufs Deck stürzte, ist dem Kommandanten bis heute unklar. "Wir wissen es einfach nicht. Sie hat mit beiden Händen losgelassen und ist rückwärts in die Tiefe gefallen", erinnert sich der aus Bayern stammende Seebär. "Vielleicht hatte sie einfach keine Kraft mehr", rätselt er. Die Offiziersanwärter und Matrosen seien zwar bei der Arbeit auf den Rahen, den Rundstangen an den Masten, an denen die Segel hängen, mit Leinen gegen das Herunterfallen gesichert. Beim Hoch- und Runterklettern in den Wanten müssten sich die Männer und Frauen aber mit den Händen festhalten. "Wenn man sich da jeweils anleinen wollte, würde es viel zu lange dauern, bis die bis zu 26 Mann pro Rah oben sind", sagte Schatz.

Jeder, der Offizier bei der Marine werden will, muss auf der "Gorch Fock" gefahren sein. "Das bedeutet Seefahrt in seiner archaischsten Form: Seekrankheit, Einschränkung der Privatsphäre, unregelmäßiger Schlaf", sagt Schatz, der 1976 selbst als Offiziersanwärter "nicht immer angenehme" Erfahrungen auf dem Schulschiff sammeln konnte: "Wir wollen aus Individualisten Menschen mit Teamgeist machen, Menschen, die gelernt haben, dass man manchmal nur gemeinsam etwas erreichen kann. Segeln muss hier keiner lernen". Absolute Sicherheit könne es dabei nie geben. "Die Seefahrt ist und bleibt ein gefährliches Geschäft", warnt Schatz.

Quelle: n-tv.de