Eine für alle"Hey, Siri, war 2016 echt alles besser?" "Ja, aber nur auf TikTok und Insta"
Eine Kolumne von Sabine Oelmann
Ich beim Surfen. Ich bin mit dem Hundebaby. Meine Freundinnen besoffen, mit verrutschten Konturen, weil der Highlighter nachgelassen hatte. Der Trend, 2016 in den Sozialen Medien mit dem Weichzeichner zu präsentieren, erscheint der Kolumnistin dubios.
Ich bin ja grundsätzlich kein Freund von Nostalgie und "Früher war alles besser". Instagram-, TikTok, X- und wahrscheinlich auch Facebook-Nutzer (heißt das noch so?, ich bin da ja kaum noch, sind eh nur alte Leute dort) zelebrieren jedoch momentan einen Trend, in dem sie Bilder von früher posten und somit den Geist von vor zehn Jahren heraufbeschwören. Und ihr zehn Jahre jüngeres, vermeintlich besser aussehendes Ich. Der Tenor: 'Alles war einfacher damals'.
Verdamp lang her? Nö.
Nun, man war halt zehn Jahre jünger, das erklärt bei einigen schon vieles. Und zehn Jahre später hat die Verklärung, das Sich-Alles-Schön-Denken, eben auch schon eingesetzt. Fakt ist: Es war vor Corona, Ukraine, Israel/ Gaza, Trump 2.0, Iran. Aber immerhin schon nach 2015 und der sogenannten Flüchtlingskrise, hauptsächlich Syrien betreffend.
Lasst uns mit dem unseligen Thema Trump 2.0 mal anfangen (echt nur ganz kurz): Donald Trump wurde im Jahr 2016 am 8. November zum ersten Mal zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Ich erinnere mich an breite Fassungslosigkeit und viele Hände vor den Mündern, dahinter ein großes "Au weia, damit hatten wir jetzt aber nicht gerechnet". Meine Milchmädchenschlussfolgerung sagt mir jetzt: Es war also nicht alles besser. Und OBWOHL Trump vor zehn Jahren schon einmal Präsident der Vereinigten Staaten war, ist dieser Fehler letztes Jahr ein ZWEITES MAL passiert. Wie dumm kann man denn sein? wie sehr kann man vergessen? Wie verklärt, wie "nostalgisch" soll es werden?
Ich will Sie an dieser Stelle aber nicht nur mit diesem Thema quälen, das machen wir im Sender ja schließlich schon die ganze Woche, nein, Sie dürfen - zu Recht - etwas anderes, mehr, am Sonntagmorgen erwarten, wenn der Kaffeeduft aus der Küche langsam in ihr Schlafzimmer wabert, weil ihr Lebensabschnittsmensch Ihnen gerade einen solchen zubereitet hat: Ich will Sie heute mit der Realität quälen, wenn es um den Weichzeichner geht, der sich fast wie von Zauberhand auf 2016 legt. Bei unserem Mitanbieter stern.de habe ich mal ganz deep und tiefgründig recherchiert und als Erklärung für das Online-Phänomen bekommen, dass 2016 unter anderem deswegen so sympathisch-unschuldig rüberkommt, weil "Lip-Filler und Co. damals noch nicht so verbreitet waren", dafür hätte es aber jede Menge Skinny-Jeans, Federschmuck, Hotpants und auffälliges Augenbrauen-Make-Up gegeben. Millennials würden mit der dicken Schicht Highlighter und Contouring in den Gesichtern der noch überschaubaren Menge an InfluencerInnen ein Gefühl der Unbeschwertheit und Spontanität verbinden.
Nun, wie gesagt, zehn Jahre jünger war 2016 JEDE/R, der/ die heute noch am Leben ist, und Skinny Jeans vermisse ich weder an mir noch an anderen. Dicke Augenbrauen hatte ich mit oder ohne Trend schon immer, bei Federschmuck weiß ich tatsächlich nicht, ob man den heute noch so tragen dürfte, ohne sich der kulturellen Aneignung strafbar zu machen (also ja, hier stimme ich zu, ich vermisse 2016, ich würde zu gerne ständig Federschmuck tragen, trau' mich aber nicht). Und Lip-Filler, as if!! Entenschnäbel gab es zuhauf!
War 2016 also "nur" ein kultureller Wendepunkt? Im Gegensatz zur Verschiebung der kompletten Weltordnung, die momentan stattfindet? Sieht so aus. Erinnern wir uns gemeinsam: Im Jahr 2016 sind allein David Bowie, Roger Willemsen, Guido Westerwelle, Roger Cicero, Zaha Hadid, Hans-Dietrich Genscher, Muhammad Ali, Götz George, Benoîte Groult, Sonia Rykiel, Schimon Peres, Manfred Krug, Leonard Cohen, Fidel Castro, Prince, George Michael und Carrie Fisher entweder viel zu früh von uns gegangen oder auch altersgerecht gestorben. Diese Liste legt natürlich keinen Wert auf Vollständigkeit, aber ich erinnere mich daran, dass ich vor allem dachte: Wer denn noch alles, um Himmels Willen?
So viele wichtige Menschen, die, jedenfalls meiner Ansicht nach, eine große Lücke im kulturellen und politischen Geschehen auf der Welt hinterlassen haben. Der Tod von George Michael am zweiten Weihnachtsfeiertag war für mich der schreckliche Höhepunkt in einem Jahr, ergänzt am nächsten Tag nur noch vom Ableben "Prinzessin Leias", die so wunderbare Sätze aufschrieb wie: "Der Star-Wars-Ruhm bedeutete, dass Prinzessin Leia berühmt war und nicht Carrie Fisher. Ich sah nur zufällig aus wie sie."
Dass das in der Weihnachtszeit passierte war auch deshalb so schlimm für mich, weil ich zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben einen künstlichen Weihnachtsbaum aufgestellt hatte, um gegen meine Mutter zu rebellieren, die mir mit ihrer Weihnachtseligkeit und ihren Ansprüchen an die Deko in meinem eigenen Heim im Jahr zuvor überproportional auf den Wecker gegangen war. Hätte ich nur gewusst, dass es ihr letztes Weihnachten ist! Ich hätte den größten, schönsten, überdekoriertesten Baum aufgestellt, den sie je gesehen hatte. Mein restliches Leben werde ich einen absoluten Zirkus um alle zukünftigen Weihnachtsbäume veranstalten, soviel steht fest. Ich hing jedenfalls in den Seilen am zweiten Weihnachtsfeiertag, als George Michael starb, da sie mir natürlich klargemacht hate, wie HÄSSLICH der künstliche Baum war. Und sie hatte auch noch recht.
Anyway, die Frage war: War die Welt damals tatsächlich mehr Bullerbü? Nur weil jetzt so viele Menschen am virtuellen Lagerfeuer online zusammenhocken und mit einer Träne im Knopfloch an eine vermeintlich weniger anstrengende Ära erinnern? Mitnichten!
Vor Corona machte uns das Zika-Virus mit der Tendenz zu einer waschechten Pandemie nervös, das haben wir nur vergessen. In Brüssel (22. März, 32 Tote, über 300 Verletzte), Nizza (14. Juli, 86 Tote, über 300 Verletzte) und in Berlin am 19. Januar wurden 2016 terroristische Anschläge verübt, die Europa erzittern ließen. Die deutsche Hauptstadt war, so kurz vor Weihnachten, in Schockstarre, man weinte um 12 Tote und mehr als 50 Verletzte auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Jeder kannte jemanden, der an diesem Abend dort gewesen war oder hätte sein können.
Ein paar Tage zuvor wurden 28 Menschen in einer koptischen Kirche in Kairo ermordet, zuvor starben im August 55 Besucher einer kurdischen Hochzeitsgesellschaft im türkischen Gaziantep, im jemenitischen Aden 50 Menschen. Bei einem Anschlag im Leipziger Stadtteil Connewitz hatten gleich zu Jahresbeginn an die 300 Neonazis gewütet und die Bewohner in Angst und Schrecken versetzt. In der Türkei gab es einen Putsch gegen Erdoğan (er ist immer noch da), 290 Tote bezahlten ihren Wunsch nach mehr Demokratie im Juli mit dem Leben.
Die Bürger des Vereinigten Königreichs entschieden sich 2016 für den Brexit, und ich weiß nicht, wie es Ihnen damals gegangen ist, aber in London und Umgebung habe ich jahrelang niemanden getroffen, der dafür gestimmt haben will. Jeder Taxifahrer sagte sofort, ohne dass ich gefragt habe: "Ich war nicht für den Brexit", räumte eventuell jedoch ein, dass seine Tochter, die auf dem Land lebt, das getan hätte, sie würden aber seit Jahren kein Wort miteinander wechseln, sie wäre eh fett geworden und träge. Selbst bei den Australian Open stellten sich 2016 - für mich - keine echten Glücksgefühle ein: Angelique Kerber und Novak Đoković, nun.
Blickt nach vorn
Ich wollte Ihnen aber nicht den Sonntag verderben. Nur freundlichst - und auch dringend - darauf hinweisen, dass damals weder alles Gold war noch heute alles Scheiße ist. Das erleichtert den Blick auf die Gegenwart nämlich immens. Und anstatt den Blick in die Vergangenheit zu richten, sollten wir lieber und mit vereinten Kräften nach vorn, nach links und nach rechts schauen, das war meine Idee.
Und ja, ich gebe es zu - ich habe in meinem Foto-Feed von 2016 sehr viele schöne und lustige Fotos auf dem Handy, ein Album des Glücks. Denn ich fotografiere, wenn ich happy bin: meine Familie, meine Freunde, meine Reisen, meine Ideen. Ein Storyboard der Schönheit. Ich habe sogar ein absolutes Lieblingsfoto wiedergefunden: 2016 waren meine Eltern noch ziemlich gesund und sehr glücklich - in Athen mit der ganzen Familie. Das änderte sich dann leider schlagartig. Ich habe jeden Grund, mit einem weinenden und einem lachenden Auge auf das Jahr 2016 zu schauen.
Aber wichtiger ist eben der Blick nach vorn. In diesem Sinne - machen Sie sich einen schönen, sexy Sonntag!